"Die Attraktivität der beruflichen Bildung deutlich machen"
Julian Nida-Rümelin ist Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität München und sieht die Hauptstärke des deutschen Bildungssystems in der beruflichen Bildung. Der ehemalige Kulturstaatsminister im ersten Kabinett von Gerhard Schröder warnt davor, jeden zum Akademiker machen zu wollen.
27.01.2016 ArtikelHerr Prof. Dr. Nida-Rümelin, was sind die größten Gefahren des Akademisierungswahns?
Deutschland hat im Bildungssystem massive Schwächen. Wir waren lange in der Spitze schwach: Es gibt in Kontinentaleuropa keine Universität, die mit Cambridge, Oxford oder Yale mithalten kann. Aber wir haben auch einige Stärken. Im internationalen Vergleich ist das die berufliche Bildung, die weltweit nachgeahmt wird, weil das offenbar die Ursache dafür ist, dass Deutschland eine auffallend niedrige Jugendarbeitslosigkeit hat. In den letzten Jahren, etwa seit 2006, tritt ein spätes Phänomen ein: Durch die dauernden Ermahnungen uns dem internationalen Trend anzupassen, haben wir einen massiven Aufwuchs an Studierendenzahlen von 35 auf 57 Prozent innerhalb von sechs Jahren zu verzeichnen. Das ist ein Plus von über 60 Prozent. Das hat den Effekt, dass nun im Bereich der beruflichen Bildung der Nachwuchs fehlt. Das könnte die Stärke, die das deutsche Bildungssystem hat, die unterdessen sogar die OECD in ihrer letzten Stellungnahme positiv hervorhebt, beschädigen. Das Bundesinstitut für berufliche Bildung hat errechnet, dass bis 2030 rund drei Millionen frei werdende Stellen in den nicht-akademischen Fachberufen nicht mehr besetzbar sein werden aufgrund des Trends, der eingesetzt hat. Das sehe ich als Hauptrisiko.
Warum hat die Ausbildung in Deutschland so ein schlechtes Image?
Ich glaube, die Hauptrolle hat gespielt, dass über viele Jahre gesagt worden ist, der Arbeitsmarkt der Zukunft gehöre den Akademikerinnen und Akademikern. Der Geschäftsführer des Zentrums für Hochschulentwicklung sagte, dass man repetitive Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft nicht mehr oder in geringerem Umfange benötige und deswegen die nicht-akademischen Berufe unter Druck gerieten. Das hieße, dass die nicht-akademischen Berufe repetitiv und die akademischen kreativ und flexibel seien, was ein Zerrbild der Realität ist. Auch die Äußerungen der OECD haben zu diesem Bild beigetragen. Sie beurteilte das deutsche Bildungssystem als rückständig, weil es eben nicht dem internationalen Trend der Akademisierung gefolgt sei und prognostizierte, dass man in Zukunft die nicht-akademischen Berufe wegen der Digitalisierung so nicht mehr brauche. Das steht allerdings auf tönernen Füßen. Nichts spricht dafür, denn Deutschland ist sowohl was die Wirtschafts- und Produktivitätsentwicklung, als auch die Patente pro eine Million Einwohner sowie die Innovationskraft der Wirtschaft angeht, über Jahrzehnte gut mit dem starken System beruflicher Bildung und nicht-akademischer Berufe gefahren.
Welche Maßnahmen empfehlen Sie, um nicht-akademische Bildungswege für die Jugend attraktiver zu machen?
Es gilt, sich gegen die Bildungsideologie zu richten, die besagt: "Je mehr Akademiker, desto besser". Dass sie handeln müssen, haben auch die großen Verbände gemerkt: Die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern, mittelständische Unternehmen oder auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, also Schwergewichte in der Wirtschaft. Sie haben ihre Argumente und Interessenlagen den Wirtschaftsministern vorgetragen und dies scheint den Aufwärtstrend der Akademisierung in den letzten Jahren gestoppt zu haben. Seit 2012 stagniert er.
Man muss zusätzlich massive Anstrengungen unternehmen, um die Attraktivität der beruflichen Bildung deutlich zu machen. Es ist gar nicht zutreffend, dass man nur mit einem Studium gut verdient. Im Gegenteil: Wenn man genau hinschaut, fällt auf, wie groß die Spreizung ist. Mediziner, Ingenieure und Informatiker verdienen nach wie vor gut. Der Durchschnitt aller Naturwissenschaftler verdient mäßig, anderthalb Jahre nach Abschluss des naturwissenschaftlichen Studiums in Deutschland unter 20.000 Euro brutto Jahresgehalt. In ähnlicher Größenordnung bewegen sich Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler. Techniker, Handwerksmeister, aber auch kaufmännische Berufe verdienen beträchtlich – im Schnitt mehr als akademische Lehrkräfte an Gymnasien. Das muss man den jungen Leuten sagen.
Es gibt bereits Kampagnen der Industrie- und Handelskammern, aber es muss sich auch inhaltlich in der Ausbildungspraxis etwas ändern. Ich bin der Auffassung, dass die Allgemeinbildung eine größere Rolle spielen muss, damit die Menschen flexibler sind. Es kann sein, dass manche Berufe in ein paar Jahren nicht mehr existieren, denn wir wissen nicht genau, was der digitale Wandel nach sich ziehen wird. Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnisse und ein stärkerer Wissenschaftsbezug wären wichtig. Es gibt zudem ein kulturelles Phänomen: eine verständliche, aber auch gefährliche Festlegungsangst bei jungen Menschen. Es scheint ein Vorteil des Studiums zu sein, dass Vieles offen bleibt und das Leben weniger reglementiert ist. Das ist aber seit der Bologna-Reform eine Fehleinschätzung.
Im Februar diskutiert Julian Nida-Rümelin den Akademisierungswahn in einer Expertenrunde auf der didacta 2016 in Köln:
Forum Berufliche Bildung
Akademisierungswahn in Deutschland? Wer rettet das Image der Ausbildung?
17.02.2016
Darüber diskutieren:
Prof. Dr. Holger Burckhart, Hochschulrektorenkonferenz
Julian Nida-Rümelin
Ulf Reichardt, Industrie- und Handelskammer zu Köln
12:15 Uhr - 13:15 Uhr
Halle 9, A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.
Weitere Veranstaltungen zum Thema:
Forum Berufliche Bildung
Interview: "Homo Zappiens": Wie lernen und arbeiten wir morgen?
Prof. Wim Veen, Technische Universität Delft
18.02.2016
11:30 Uhr - 12:00 Uhr
Halle 9, A 36/B 39
Mehr dazu, wie Bildung in Zukunft gestaltet werden muss, erfahren Sie in unserem ausführlichen Hintergrundbericht.
Keine Kommentare vorhanden