"Diese Menschen vollbringen eine große Leistung"
Kleines Gedankenexperiment: Sie können nicht lesen und schreiben und leben in einem Land, dessen Sprache Sie nicht sprechen. Jetzt sollen oder wollen sie beides lernen: das Lesen und Schreiben und die fremde Sprache. Eine große Herausforderung? In der Tat.
07.06.2012 ArtikelSeit fast zwei Jahren besucht Mejouba einen Integrationskurs mit Alphabetisierung an der Volkshochschule Osnabrück. Dreimal pro Woche nimmt sie dort am Unterricht teil, der jeweils fünf Stunden dauert. In ihrem Heimatland hat sie keine Schule besucht. Die Marokkanerin lebt mit Ihrem Mann seit 19 Jahren in Deutschland. Das Sprechen ist für sie kein Problem, vieles kommt ihr fehlerfrei über die Lippen. Auch das Lesen stellt mittlerweile keine unüberwindbare Hürde mehr dar. Beim Schreiben jedoch ist die ehrgeizige junge Frau noch nicht mit ihren Ergebnissen zufrieden. Da kommt häufiger der Radiergummi zum Einsatz.
Mit neun Mitschülerinnen und Mitschülern übt Mejouba heute Morgen den Unterschied zwischen Präsens und Perfekt in der deutschen Sprache. Zunächst geht es ums Sprechen. Die Kursleiterin Bojana Schneider zeigt kleine Bildkarten und Mejouba, Naeema, Güllü oder Seibou beschreiben die abgebildeten Szenen mit einem passenden Satz im Perfekt: "Der Mann ist gestern ins Kino gegangen." Oder "Das Kind hat heute Morgen gefrühstückt." Wann heißt es "haben" und wann heißt es "sein"? Gar nicht so einfach. Aber in dieser Lektion sind die Kursteilnehmer schon recht gut geübt. Jeder findet - mal mit mehr, mal mit weniger Hilfe - die passende Antwort.
Riesige Fortschritte
In der nächsten Unterrichtsstunde wird es komplizierter: Lesen und Schreiben stehen auf dem Stundenplan. Kleine Multiple-Choice-Aufgaben müssen gelöst und aus ungeordneten Satzgliedern müssen Frage- und Aussagesätze gebildet werden. Das gelingt unterschiedlich gut. Während Mejouba gewissenhaft Satz für Satz liest und die richtigen Antworten ankreuzt, kommt Inaam mit den Fragestellungen nicht so gut zurecht. Noch ist das Lesen für sie eine große Herausforderung. Buchstabe für Buchstabe versucht sie, den Sinn der Wörter zu verstehen. Aber sie nimmt es mit Humor und freut sich über jede richtige Antwort, die sie findet. Bojana Schneider nimmt sich viel Zeit, geht von Schüler zu Schüler, arbeitet die einzelnen Fragen geduldig durch. Die Aufgaben werden anschließend noch einmal im Plenum kontrolliert. Diesen Teil der Lektion haben alle erledigt. Das Ordnen der Satzglieder hingegen ist noch nicht jedem gelungen.
Dennoch haben die Teilnehmer in den letzten eins bis zwei Jahren riesige Fortschritte gemacht. Denn Hilfsmittel und Lernstrategien, wie sie alphabetisierten Sprachenlernern zur Verfügung stehen, hatten sie nicht. "Was höre ich und wie schreibe ich das - das umzusetzen ist für Menschen, die nicht oder kaum lesen und schreiben können, anfangs sehr, sehr schwierig" macht Bojana Schneider deutlich. "Zu Beginn des Kurses sind meine Schüler ganz auf ihr Gedächtnis angewiesen und diese Gedächtnisleistung ist enorm."
"Wer eine fremde Sprache und gleichzeitig das Lesen und Schreiben lernen will, und zwar ebenfalls in einer fremden Sprache, der muss eine große Leistung vollbringen", bestätigt auch der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, Peter Hubertus. "Die Teilnehmer dieser Alphakurse können beispielsweise kaum Vokabeln im traditionellen Sinn lernen. Sie können nichts aufschreiben, also kein Vokabelheft nutzen und sie können nicht in einem Wörterbuch nachzuschlagen, wie das Wort in der fremden Sprache heißt. Die Integrationskurse mit Alphabetisierung stellen große Herausforderungen an sie, aber auch an die Lehrkräfte."
Das "Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung" wurde vor fünf Jahren entwickelt. Über die Zielgruppen heißt es darin: "Auf der einen Seite stehen Teilnehmende, die keine Schule besucht haben und in ihrem Leben keine "Stift"-Erfahrungen sammeln konnten. Sie verfügen überdies über keine Deutschkenntnisse und über eine sehr geringe Sprachbewusstheit in ihrer eigenen Muttersprache. Auf der anderen Seite stehen die Teilnehmenden, die mehrere Jahre Schulerfahrung nachweisen können, aber in einem nicht- lateinischen Schriftsystem alphabetisiert sind."
Anfangs ohne Lehrbuch
Diese Heterogenität der Lerngruppen stellt auch diejenigen, die die passenden Lehrwerke entwickeln wollen, vor große Herausforderungen. Vecih Yaşaner ist Mitglied des Arbeitskreises "Umsetzung der Integrationskurse mit Alphabetisierung" beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und leitet seit Jahren DaF- und Alphabetisierungskurse für Migrantinnen und Migranten.
"Wir haben den Unterricht anfangs ohne Lehrbuch bestreiten müssen", berichtet er. "Aber es musste eine adäquate Antwort auf die Frage gefunden werden, wie man die Inhalte des Kurskonzepts erfolgreich mit einem Lehrwerk umsetzen kann." Motivation genug für den Dozenten, sich selbst dieser Aufgabe zu stellen. Nun verantwortet er die Reihe "Alpha plus", ein zweibändiges Cornelsen-Lehrwerk, das er gemeinsam mit Peter Hubertus speziell für die Integrationskurse mit Alphabetisierung entwickelt hat.
Das Buch soll der Heterogenität der Teilnehmer gerecht werden. Nicht nur die oben beschriebenen Zielgruppen nehmen an den Kursen teil. "Dazu kommen diejenigen, die mündlich ungesteuert deutsch gelernt haben. Sie sprechen schnell und flüssig, allerdings falsch und ihre schriftliche Kompetenz ist nicht weit entwickelt. Das Buch muss also Stoff für einen extrem binnendifferenzierten Unterricht bereitstellen", erläutert Vecih Yaşaner.
Alphabetisierung findet weltweit in der jeweiligen Zielsprache statt
Der Anspruch der Herausgeber: Jede Seite des Buchs soll Angebote für die verschiedenen Lerner bereithalten. So suchen Anfänger auf einer Buchseite zunächst nur einzelne Buchstaben, während andere Kursteilnehmer auf derselben Seite bereits die Wörter finden, in denen der gesuchte Buchstabe vorkommt. Dabei wurde das Lehrwerk möglichst durchlässig gestaltet. Haben die Anfänger nach einigen Stunden entsprechende Lernfortschritte gemacht, dann können sie zurückblättern und auf der Seite, wo sie zunächst nur Buchstaben entziffern konnten, nun auch die Wörter lesen.
Und zwar in deutscher Sprache. Wäre es da nicht sinnvoller, diese Hürde grundsätzlich niedriger zu legen und die Menschen in ihrer Muttersprache zu alphabetisieren, um ihnen erst anschließend die deutsche Sprache zu vermitteln? "Alphabetisierung in der Muttersprache wäre methodisch sicher der beste bessere Weg", bestätigt Peter Hubertus. Er wendet aber gleichzeitig auch ein, dass jedes Land, das Alphabetisierungskurse für Migranten anbietet, damit auch Integrationserfolge erwartet. "Deswegen findet die Alphabetisierung auch weltweit in der jeweiligen Zielsprache statt." Dazu kämen organisatorische Probleme: "Alphabetisierung in der Muttersprache ließe sich nur in wenigen Sprachen realisieren, nämlich in solchen, die in Kursen häufig vertreten sind, wie Türkisch oder Arabisch. Für diese Teilnehmer wäre es hilfreich, für die anderen aber nicht." Im Osnabrücker VHS-Kurs zum Beispiel lernen acht verschiedene Nationen miteinander, die Teilnehmer sprechen arabisch, türkisch, persisch, Krio, Dioula und Urdu.
Im kommenden November, nach 1200 Stunden Sprachunterricht, werden die Ersten von ihnen ihre Prüfung ablegen. Viele verbinden damit die Hoffnung auf bessere Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber es gibt auch andere Motivationen. Naeema zum Beispiel lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Ihre vier Kinder sind mittlerweile alle verheiratet. Jetzt, so sagt sie, hat sie Zeit zum Lernen. Und vielleicht kann sie bald schon ihren Enkelkindern bei den Hausaufgaben helfen, meint sie lachend. Seibou denkt in erster Linie an seine berufliche Zukunft und an seine Familie, für die er sorgen möchte. Er hat einen kleinen Sohn, der noch die Grundschule besucht. Für Vater und Sohn ist es eine neue Erfahrung, dass beide die Schulbank drücken, und eine bereichernde obendrein: Vieles können sie jetzt gemeinsam lernen.
Links
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Integrationskurs mit Alphabetisierung
- Bundesverband Alphabetisierung/
- Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung
- Die Lehrwerksreihe Alpha plus
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