Fachabi via Flimmerkiste

(ht) Knapp 50.000 Absolventen sind eine stolze Zahl. Sie steht für den Erfolg, den das "Telekolleg", ein Bildungsangebot des Bayerischen Rundfunks, hat. Obwohl wenig bekannt, gibt es diesen Kurs, der zur Fachhochschulreife führt, bereits seit nahezu 40 Jahren. Nur Frühaufsteher sollte man dafür sein: um sechs Uhr morgens klingelt es per Fernsehen zur ersten Schulstunde.

16.02.2005 Artikel

"Anfangs habe ich mir alle Sendungen morgens angeschaut. Mittlerweile zeichne ich sie per Videorecorder auf." Katja Wolf geht sozusagen in die TV-Schule. Sie ist Teilnehmerin des laufenden Telekollegs und will so ihr Fachabitur nachholen. Die gelernte Bürokauffrau beweist Power: Sie begann nicht nur ein Volontariat bei einem lokalen Rundfunksender, sondern drückt zeitgleich die virtuelle Schulbank. Ihr Ziel: "Endlich das Fachabi packen." Weil das Geld knapp ist, jobbt die 24-Jährige zudem bei einer Tankstelle. Freund passé, Freizeit Mangelware. Das Telekolleg ist für sie "eine super Alternative". Nach vier vergeblichen Anläufen zu diesem Abschluss weiß die Bad Tölzerin, wovon sie spricht.

Hans Späth ist ebenfalls Telekollegiat. Der verheiratete Elektromeister hat sich erfolgreich selbstständig gemacht. Während sich der 37-jährige Familienvater um seinen badenden Sohn kümmert, gibt er Einblicke in sein eigenes Schülerdasein: "Für mich lag Schule 20 Jahre zurück. Insofern war der Vorkurs, der angeboten wurde, sehr wichtig, um wieder ins Lernen rein zu kommen." Ihm gefällt die praxisnahe Aufbereitung des Lernstoffs. Frühere Problemfächer kann er passabel meistern, in Englisch sogar glänzen. Dafür büffelt er abends und am Wochenende. "Anfangs wollte ich mir nur beweisen, dass ich den Stoff drauf habe. Inzwischen schiele ich nach der Möglichkeit eines Fernstudiums", geht sein Blick bereits weiter.

Selbstständig, arbeitslos oder im Job

Nur zwei Beispiele, die einen Eindruck vom Spektrum der TV-Schüler geben. Darunter befinden sich viele Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren, nicht wenige allein erziehend oder gar mit Familie. Vor allem Angestellte mit mittlerer Reife suchen so neue berufliche Chancen. Doch auch Arbeitslose nutzen das Angebot. Und sogar ältere Arbeitnehmer wie etwa Anka Marschner: Nachdem die Töchter aus dem Haus waren, schenkte sich die 52-jährige Krankenschwester das Fachabitur zum 50. Geburtstag. Wie alle ihre Mitschüler lernte sie dafür vor der Flimmerkiste, am eigenen Schreibtisch und alle 14 Tage am freien Samstag in einer Schule.

Einzigartiger Medienverbund

"Der Einsatz, den Telekollegiaten erbringen, verdient größten Respekt", findet Dr. Thomas Wellenhofer, promovierter Betriebswirt und Geschäftsführer des Telekollegs. Er kann mit dem Telekolleg des BR auf ein Bildungsangebot schauen, das durch ein dezentrales Zusammenspiel funktioniert: Der bayerische Sender produziert und aktualisiert die einzelnen Fachreihen, die via Fernsehen in den Kollegstoff einführen. Zudem organisiert er per Internet Newsletter und Lernforen. Ein extra gegründeter Verlag bereitet Unterrichtsbücher und Lernsoftware erwachsenengerecht auf und organisiert die Teilnahme. Die beteiligten Kultusministerien unterstützen die Kollegiaten mit einem zusätzlichen Schulangebot und führen die Prüfungen durch.

Diese Kollegtagsschulen sind den Fach- und Berufsoberschulen in den beteiligten Ländern angegliedert. Erfahrene Lehrkräfte stehen hier den TV-Schülern in ihrem Selbststudium durchschnittlich jeden zweiten Samstag mit Rat und Zusatzunterricht zur Seite. Sie korrigieren Arbeitsbögen und bereiten auf die Prüfungen vor. Oberstudiendirektor Dieter Gascha ist Leiter einer solchen Schule und im Beirat des Telekollegs vertreten: "Das Telekolleg setzt eine hohe Eigenverantwortung beim Lernen voraus. Umso wichtiger ist die stützende Begleitung, nicht zuletzt in sozialer Hinsicht. An den Tagen in unserer Schule kann man nachfragen, bekommt etwas nochmals persönlich erklärt und erhält Ermunterung." Der engagierte Pädagoge bietet sogar zusätzliche Treffen vor Prüfungen an und empfiehlt nachdrücklich die Bildung von Lerngruppen.

Eine bemerkenswerte Erfolgsquote

Einerseits ein persönlicher Einsatz, anderseits ein Konzept, das eine Erfolgsquote hervorbringt, die sich im Vergleich zu anderen Fernlehrgängen sehen lassen kann: Das Telekolleg führt 60% seiner Teilnehmer zur Fachhochschulreife. Ein entscheidendes Plus gegenüber anderen Formen des ferngesteuerten Selbstlernens wie etwa dem E-Learning ist die persönliche Betreuung durch die Kollegtagsschule. "Es war sehr hilfreich, Mitlernende in der gleichen Situation kennen zu lernen und sich auszutauschen", lobt Telekolleg-Teilnehmerin Eva Völker ausdrücklich die Kollegtage.

Gute Noten und eine Auszeichnung

So zeigt eine jüngste Erhebung, die der BR zum Telekolleg vorgenommen hat, dass die Absolventen der TV-Schule sehr zufrieden sind mit dem Angebot: 16% bewerteten das Bildungsfernsehen mit sehr gut, 58% mit gut und 23% mit befriedigend. Zudem erhielt die ausgestrahlte Fachreihe Psychologie gerade erst eine Auszeichnung für Wissenschaftspublizistik von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Nicht unwichtig dabei: Auch die Teilnahme an einzelnen Fachreihen des Telekollegs werden mit Zertifikat bestätigt. Sie gelten bei Arbeitgebern als geschätzte Fortbildungsmaßnahmen.

Mit Wehmut schaut derweil Geschäftsführer Wellenhofer auf frühere Tage zurück, in denen sich noch der SWR beim Telekolleg engagierte und Länder wie das Saarland und Nordrhein-Westfalen das Angebot mit trugen. Da waren 12 000 Teilnehmer keine Seltenheit. Heute starten pro Kurs etwa 2500 Kollegiaten; den Löwenanteil stellen die Lokalmatadoren aus Bayern. Doch Wellenhofer erinnert daran, "dass Bildung, Information und Unterhaltung in genau dieser Reihenfolge die Aufgabe und damit Legitimation der öffentlich-rechtlichen Sender sind". So betrachtet gehört der BR zu den letzten verbliebenen Mohikanern beim Weiterbildungsfernsehen.

Hintergrund: Das Telekolleg

Das "Telekolleg Multimedial" ist eine Bildungseinrichtung des Bayerischen Rundfunks, die mit den Länder Bayern, Brandenburg und Rheinland-Pfalz gemeinsam durchgeführt wird. Die erste Sendung wurde vor 38 Jahren, am 2. Januar 1967 um 19 Uhr, ausgestrahlt. Das Telekolleg ermöglicht Berufstätigen nachträglich die Fachhochschulreife zu erwerben. Ein kompletter Lehrgang dauert vier Trimester. Inklusive Abschlussprüfungen führt er innerhalb von 16 Monaten zum Fachabitur. Das Telekolleg umfasst drei Fachrichtungen: Sozialwesen, Technik und Wirtschaft. Die Fachreihen dazu werden auf BR 3 morgens um 6 Uhr ausgestrahlt und auf BR alpha um 17.30 Uhr wiederholt. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein mittlerer Schulabschluss sowie eine mindestens zweijährige Berufsausbildung oder vier Jahre Berufserfahrung. Für Interessenten ohne mittleren Abschluss besteht das Angebot eines Vorkurses, der jedoch auch generell empfohlen wird. Für die Teilnahme fällt eine einmalige Verwaltungsgebühr an, die zurzeit 25 Euro beträgt. Die durchschnittlichen Ausgaben für Bücher und CD-ROMs belaufen sich auf ca. 190 Euro pro Trimester. Fester Bestandteil des Telekollegs ist neben den Lernmedien der Besuch einer Kollegtagsschule an 40 Tagen. Eine Übersicht dieser Schulen in den teilnehmenden Ländern findet sich unter Telekolleg. Diese Plattform bietet weitere Informationen, inklusive eines Eingangstests zur ersten Selbsteinschätzung.

Ansprechpartner

Dr. Thomas Wellenhofer
Leiter Geschäftsstelle Telekolleg
Bayrischer Rundfunk
81001 München
Telefon: 089-38 06-66 08
Fax: 089-38 06-78 86
E-Mail
URL Telekolleg

Erstveröffentlichung:
Klett Themendienst


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