Gastbeitrag

Generation Corona?

Im vergangenen Jahr sind aufgrund von Corona die Ausbildungszahlen eingebrochen. Eine neue Studie prognostiziert: Die niedrigen Zahlen könnten zum Normalfall werden. Von Vincent Hochhausen

24.06.2021 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
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Seit die Coronapandemie im vergangenen Jahr begann, das deutsche Schul- und Bildungssystem auf den Kopf zu stellen – durch Schulschließungen, Fernunterricht und Videokonferenzen –, diskutieren Politiker und Bildungsforscher über die negativen Folgen für Schülerinnen und Schüler. Aber auch ein Blick auf die Schulabgängerinnen und -abgänger, die dieses Jahr in eine Ausbildung starten möchten, ist wichtig. Forscherinnen und Forscher des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie haben nun untersucht, wie die Situation im Übergang von der Schule in die Ausbildung derzeit aussieht (siehe Kasten).

Dauerhaft weniger Ausbildungsplätze
In den Jahren vor Corona war die Zahl der Ausbildungsverträge in Deutschland lange Zeit auf einem jährlichen Niveau von rund 52.000 stagniert, nachdem sie nach der Wirtschaftskrise 2009 massiv gesunken war. Denselben Effekt befürchten die Forscher auch für die nächsten Jahre – das Absinken der Ausbildungsplätze durch Corona um rund 50.000 im letzten Jahr könnte zu dauerhaft niedrigeren Ausbildungszahlen führen, als vor der Pandemie. Davon betroffen sind laut der Studie vor allem Schülerinnen und Schüler ohne Abitur. Denn schon vor der Pandemie waren für diese Gruppe die Übergangschancen in eine duale Ausbildung niedriger. Gleichzeitig betonen die Forscherinnen und Forscher, dass die verbreitete Vorstellung, eine duale Ausbildung sei für Abiturienten nicht attraktiv, mit der Realität wenig zu tun hat. So stieg die Quote der Jugendlichen mit Hochschulzugangsberechtigung, die eine duale Ausbildung aufnehmen, in den vergangenen 20 Jahren von 21 auf 35 Prozent. Mittlerweile machen Jugendliche mit Abitur rund ein Drittel aller dualen Azubis aus – ihr Anteil steigt seit Jahren stetig an.

Gleichzeitig ist der Anteil der Realschulabsolventen, die in eine duale Ausbildung wechseln, im vergangenen Jahrzehnt von 55 Prozent 2011 auf 47 Prozent 2019 gesunken. Bei den Hauptschülerinnen und Hauptschülern sank dieser Anteil im gleichen Zeitraum ebenfalls, von 89 auf 80 Prozent. Jedes Jahr landen deswegen rund 250.000 Jugendliche im sogenannten Übergangssystem – ein Sammelbegriff für Bildungsmaßnahmen für Jugendliche, die keine Ausbildung oder Arbeit finden.

Demografischer Wandel? Fehlanzeige!
Diese Daten räumen laut den Studienautoren mit der Vorstellung auf, der demografische Wandel sei für einen Fachkräftemangel verantwortlich: „[V]on einem demografisch bedingten Engpass an jungen Menschen, die grundsätzlich für eine Ausbildung infrage kommen beziehungsweise daran interessiert sind, kann keine Rede sein. Dieses Narrativ ist ebenso unzutreffend wie die angeblich mangelnde Attraktivität der beruflichen Ausbildung.“ Gerade die offenbar hohe Attraktivität der dualen Ausbildung für Abiturienten sei dafür verantwortlich, dass die Zahl der Ausbildungsverträge in den Jahren vor Corona nicht weiter gesunken sei.

Im Überblick:

  • Die Ausbildungszahlen im dualen System sind durch die Corona Pandemie stark gesunken.
  • Laut einer aktuellen Studie könnte dieser Einbruch von Dauer sein.
  • Von den Folgen wären vor allem Jugendliche ohne Abitur betroffen.

Die Studie „Kein Anschluss trotz Abschluss?! Benachteiligte Jugendliche am Übergang in die Ausbildung“ des Forschungsinstitutes für Bildungs- und Sozialökonomie wurde im März 2021 veröffentlicht. Autor/-innen sind Dieter Dohmen, Klaus Hurrelmann und Galia Yelubayeva. Sie steht kostenlos zum Download.

Schlechte Chancen ohne Abi
Für die Zukunft rechnen die Forscherinnen und Forscher mit einem Rückgang der Ausbildungszahlen in der dualen Ausbildung auf möglicherweise nur noch rund 410.000 bis 430.000 pro Jahr – 2020 waren es rund 470.000. Steigende Ausbildungszahlen in Berufen mit vollzeitschulischer Ausbildung könnten diesen Rückgang nur teilweise ausgleichen. Von diesem Ausbildungsplatzmangel wären vor allem Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss betroffen – und zunehmend auch Realschülerinnen und Realschüler. Besonders zwei Gruppen würden unter dieser Entwicklung leiden: Jugendliche aus bildungsfernen Familien und solche mit Migrationsgeschichte. Diese beiden Gruppen hätten bereits jetzt „überproportional häufig keine oder nur geringe Chancen auf einen Ausbildungsplatz“ – es sei davon auszugehen, dass sich dies noch verschärfe. Auf eine andere drohende Ungleichheit weisen die Forscher ebenfalls hin: In den vollzeitschulischen Ausbildungsberufen, die an Häufigkeit zunehmen, sei der Frauenanteil größer als in der dualen Ausbildung, in der die Ausbildungszahlen zurückgehen. Daher erwarten sie, dass künftig junge Männer besonders häufig ohne Perspektive dastehen werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 2/2021, S. 18-19, www.bildungspraxis.de



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