Berufsbildung

Inklusion: Betriebe brauchen mehr Informationen

(red) Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechts-Konvention vor sechs Jahren gilt in Deutschland der Rechtsanspruch auf inklusive Bildung. Seither geht es in erster Linie um die Frage, wie Inklusion in den allgemeinbildenden Schulen umgesetzt werden kann. Wie steht es aber um die Inklusion in der beruflichen Bildung? Das wollten wir von Dr. Ursula Bylinski, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), wissen.

05.02.2015 Artikel
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Frau Bylinski, das Thema Inklusion ist in den Kitas und in den allgemeinbildenden Schulen angekommen. Wie sieht inzwischen die Umsetzung des Auftrags zu inklusiver Bildung bei den Bildungspartnern im dualen System, den Berufsschulen und den Ausbildungsbetrieben, aus?

Ursula Bylinski: Berufsbildung mit jungen Menschen, die unterschiedlichste Handicaps und einen erschwerten Zugang zur Berufsausbildung mitbringen, hat durchaus "Tradition". Bereits seit Ende der 60er Jahre besteht eine differenzierte – allerdings auch separierende – Förderlandschaft im Bereich der beruflichen Rehabilitation und Benachteiligtenförderung. Zielgruppenadäquate Ausbildungskonzepte sind entstanden, um junge Menschen in Berufsausbildung zu integrieren und sie erfolgreich zur Abschlussprüfung zu führen. Auch besteht die Möglichkeit – auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes – dass behinderte junge Menschen nach speziellen Ausbildungsregelungen der Kammern ausgebildet werden. Mit diesen theoriegeminderten Sonder-Ausbildungsberufen können die Jugendlichen einen Berufsabschluss als "Fachpraktiker/-in" erwerben. Meist werden diese Ausbildungen von Berufsbildungswerken angeboten, nur ein geringer Teil in Betrieben durchgeführt.

Eine aktuelle Betriebsbefragung der Bertelsmann-Stiftung bestätigt, dass die Betriebe immer noch wenig Ausbildungserfahrung mit Jugendlichen mit Behinderungen haben. Wurden Erfahrungen gemacht, sind diese in der Regel positiv und Anlass dazu, wieder Jugendliche mit Handicaps einzustellen. Dies zeigt: Hier braucht es für die Betriebe noch mehr Information – auch über mögliche staatliche Unterstützungsangebote. Beratung sollte deshalb verstärkt ausgebaut werden, sie könnte z. B. von Kammern oder regionalen Bildungsbüros angeboten werden. Darüber hinaus sollte sowohl den jungen Menschen als auch den Betrieben eine kontinuierliche Form der Ausbildungsbegleitung zur Verfügung stehen – wie dies beispielsweise. die "Assistierte Ausbildung" vorsieht. Durch diese externe Unterstützung könnten mehr Betriebe für die Ausbildung von Menschen mit Handicaps gewonnen werden.

Gibt es bereits nachahmenswerte Beispiele und Initiativen zur inklusiven beruflichen Bildung?

Ursula Bylinski: Inklusive Berufsbildung bedeutet "vom Individuum ausgehend" Förder- und Unterstützungsangebote zu entwickeln – also eine konsequente Individualisierung – und dies durch Vernetzung sowie Kooperation der Institutionen und der pädagogischen Fachkräfte zu realisieren. Für die Berufsschulen sind neue Kooperationsformen zwischen allgemeiner Berufsschule, Berufsfachschulen und Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung entstanden, wie dies beispielsweise im Modellversuch "Inklusive berufliche Bildung in Bayern" erprobt wird. Genauso wird verstärkt die Zusammenarbeit zwischen Berufsbildungswerken und Betrieben weiterentwickelt – die Metro Group hat diese Form der verzahnten Ausbildung auf den Weg gebracht. Auf der Ebene des pädagogischen Handelns heißt dies unter anderem, die Zusammenarbeit von Ausbilder/-innen und sozial- und sonderpädagogischen Fachkräften auszubauen – dazu existieren unterschiedliche Coaching-Konzepte.

Innovative betriebliche Modelle zur Inklusion sind kürzlich durch den Hermann-Schmidt-Preis ausgezeichnet worden: In einem Modell zum Beispiel lernen die Auszubildenden die ersten beiden Jahre im Berufsbildungswerk und anschließend anderthalb Jahre im Betrieb. Im Gegenzug werden den betrieblichen Auszubildenden bestimmte Teile der Ausbildung im Berufsbildungswerk vermittelt. Die Lehrgänge finden in gemischten Teams und unter Leitung geschulter Ausbilder/-innen statt. Ein anderes ausgezeichnetes Beispiel zeigt auf, wie die Ausbildung für Jugendliche mit einer spezifischen Behinderung ausgestaltet werden kann: Berufsschulunterricht und Prüfungsanforderungen werden angepasst sowie Fachbegriffe in Gebärdensprache umgesetzt. Immer geht es darum, die spezifischen Ausbildungsbedingungen auf die individuellen (Lern-)bedürfnisse des jungen Menschen abzustimmen. Letztendlich profitieren sowohl die Betriebe als auch die Jugendlichen davon.

Welche Unterstützung oder Weiterbildungsangebote gibt es für Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe zur Bewältigung des spezifischen inklusiven Bildungsauftrags?

Ursula Bylinski: "Inklusion beginnt im Kopf", weil es darum geht, Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, als Gewinn wertzuschätzen und als Ressource für individuelles und wechselseitiges Lernen zu begreifen – das hat etwas mit unserer eigenen Haltung und Einstellung zu tun und damit, wie wir mit "Anderssein" umgehen. Stehen bei inklusiver Bildung die individuellen Lernbedürfnisse im Fokus, gilt es, diese zu erkennen, Potenziale aufzugreifen und Lernangebote entsprechend zu gestalten. Hier ist nicht nur Wissen und "Handwerkszeug" der Pädagogin und des Pädagogen gefragt, sondern auch, immer wieder das eigene Handeln zu reflektieren. Hierauf sind bestehende Fortbildungsangebote der Lehrerfortbildungsinstitute und der Ausbilderqualifizierung noch zu wenig ausgerichtet.

Gleichwohl bestehen Fortbildungsangebote auch für Ausbilder/-innen, die die Ausgestaltung zielgruppenspezifischer Ausbildungskonzepte ins Zentrum stellen, wie beispielsweise die "Rehabilitationspädagogische Zusatzqualifikation für Ausbilder/-innen", die den Schwerpunkt auf die Ausbildungsgestaltung für lernbehinderte Jugendliche legt. In Zusammenarbeit mit den Kammern werden mittlerweile Schulungen, Informationsveranstaltungen und "Reflektionstage" zum Thema "Inklusion im Betrieb" angeboten. Für die betrieblichen Ausbilder/-innen gilt es darüber hinaus, neue Formen von Fort-und Weiterbildung zu entwickeln, die stärker in den betrieblichen Kontext eingebunden sind und mit Unterstützung für die Betriebe einhergehen.

Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

Mittwoch, 25.02.2015

Thementag im Forum Berufliche Bildung: Inklusion in der beruflichen Bildung - Halle 15, Stand E36

11:30 Uhr - 12:30 Uhr
Diskussionsrunde: Inklusion – Chancen, Risiken, Herausforderungen
Mit Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission; Prof. Dr. Hans Dobert, DIPF, Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens; Knut Nevermann, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung; Prof. Dr. Martin Baethge, Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, Georg-August- Universität Göttingen. Moderation: Kate Maleike, Deutschlandradio

13:15 Uhr - 14:00 Uhr
Mentorenprojekt Neukölln
Im Berliner Bezirk Neukölln leben viele Langzeitarbeitslose und Einwandererfamilien. Viele Jugendliche wachsen in schwierigen Verhältnissen auf, von ihren Eltern können sie kaum Unterstützung erwarten. Daher versuchen erwachsene, berufstätige Mentoren, ihnen eine Chance zu geben und Perspektiven aufzuzeigen, wie z. B. einen Schulabschluss.

Interview mit Ursula Rettinger, Koordination Mentorenprojekt Bürgerstiftung Neukölln; Mentee; Mentor. Moderation: Kate Maleike, Deutschlandradio

14:30 Uhr - 15:30 Uhr
Diskussionsrunde: So gelingt Inklusion konkret!
Harald Schlieck, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Dr. Dirk Schwenzer, Ausbildungsleiter am Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW); Moderation: Kate Maleike, Deutschlandradio.

Freitag, 27. Februar 2015

Inklusion in beruflicher Schule und Ausbildungsbetrieb
Auch die berufliche Bildung muss das Menschenrecht auf Inklusion umsetzen - und so allen Jugendlichen einen gleichberechtigten Zugang zur Arbeitswelt eröffnen. In der Modellregion Lüneburg wurden dazu Erfahrungen gesammelt. Wie kann Inklusion in der Praxis umgesetzt werden? Welche Lösungen gibt es für praktische Probleme, zum Beispiel im Bereich Arbeitssicherheit und Nachteilsausgleich?

Referent Regierungsdirektor Günther Hoops, Niedersächsisches Kultusministerium. 11:00 bis 11:45 Uhr, Marktplatz Beruf ist Zukunft, Halle 15, Stand D20.


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