Jüdischen Lehrerinnen und Lehrern auf der Spur
Mit einem Biografieprojekt für den Geschichtsunterricht will der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) an Lebensgeschichten jüdischer Lehrkräfte in Bayern erinnern. Heranwachsende sollen unter fachkundiger Betreuung ermutigt werden, auf Spurensuche zu gehen.
20.04.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.Dabei sollen sie Einzelschicksale aus der Umgebung oder dem Wohnort recherchieren, um sich so dem jüdischen Leben in Bayern in den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts und seiner Vernichtung durch den Nationalsozialismus zu nähern. In aktiven Lernprozessen wird die Lebenssituation jüdischer Lehrer in Bayern beleuchtet, insbesondere ihre stückweise Entrechtung, die Emigration ins Ausland und ihre Verfolgung und Ermordung. "Der Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion von Biografien in der Zeit zwischen 1900 und 1942. Bisher gibt es dazu kaum Literatur", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel bei der heutigen Präsentation des Projekts. Der Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bezeichnete das Geschichtsprojekt als "einen sehr wichtigen Baustein gegen das Vergessen des dunkelsten Kapitels der deutsch-jüdischen Geschichte." Mit ihm werde ein "Beitrag gegen aktuelle Formen des Rassismus, Antisemitismus und der Ausgrenzung geleistet."
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten in Bayern nach Recherchen des BLLV ca. 800 bis 900 Lehrerinnen und Lehrer jüdischen Glaubens. Sie unterrichteten an Gymnasien, Oberrealschulen, jüdischen Volksschulen und als Religionslehrer an allen Schularten. Dem BLLV sind nach mehrjähriger Archivrecherche 650 Lehrerinnen und Lehrer mit Namen und Kurzbiografien bekannt, darunter 121 Namen von ermordeten jüdischen Lehrerinnen und Lehrern aus Bayern (Stand 24.02.2012).
Jüdische Lehrkräfte waren selbstverständlicher Teil des kulturellen Lebens in Bayern. Neben München, Augsburg, Nürnberg, Fürth, Regensburg und Würzburg gab es zahlreiche kleine jüdische Landgemeinden. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Kultur vernichtet, die Lehrerschaft vertrieben, deportiert und ermordet.
"Auch die bayerischen Lehrervereine haben in dieser Zeit Schuld auf sich geladen", erinnerte Wenzel. Als Berufsverband sehe sich der BLLV deshalb in der Verantwortung, das Gedenken an Leben und Wirken der jüdischen Kolleginnen und Kollegen in Bayern wach zu halten. Darüber hinaus mache das Projekt spürbar, welche Auswirkungen Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung, Terror, Gewalt, Gettoisierung oder Rassismus auf den Einzelnen haben können.
Die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland habe auch vor jüdischen Schulen und jüdischen Lehrern nicht Halt gemacht, sagte der Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Die Namen der jüdischen Lehrerinnen und Lehrer dem Vergessen zu entreißen, hätte eine große Bedeutung für die jüdischen Gemeinden und für die gemeinsame christlich-jüdische Geschichte in Bayern. "Bildung ist ein wichtiger Teil unserer kulturellen Identität. Dazu gehören auch die jüdischen Schulen in Bayern und die jüdischen Lehrer in allen Schulen", betonte er.
Besonders begrüßte Schuster die Möglichkeit, dass im Rahmen des BLLV-Projekts Schülerinnen und Schüler Biografien jüdischer Lehrkräfte anfertigen könnten. Unabhängig von der wertvollen "Erinnerungsarbeit" würden damit auch die jungen Menschen für Toleranz, Demokratie und Zivilcourage sensibilisiert. Schuster: "Durch solche Initiativen werden Jugendliche ermutigt, gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung aufzustehen. Die Nazigewaltherrschaft ist eine besondere Mahnung an alle Personen und Institutionen in Deutschland, jeder Bedrohung der Menschenrechte entgegenzutreten."
Das vom BLLV initiierte Biografieprojekt - unterstützt von der Leo-Baeck-Stiftung in Frankfurt, dem Lehrstuhl Jüdische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten - bietet die Möglichkeit, Grundkenntnisse der historischen Arbeit zu erlernen und in einer eigenen historischen Recherche anzuwenden. Das Biografieprojekt des BLLV richtet sich in erster Linie an die Wissenschaftsseminare der Gymnasien im Fach Geschichte. Aber auch Lehrkräfte, Lehramtsstudent/innen, interessierte Einzelpersonen oder Geschichtswerkstätten können sich an dem Biografieprojekt beteiligen. Die Teilnahme von Schülern erfordert freilich die Betreuung durch einen Lehrer/ eine Lehrerin, die die Arbeit der Schüler/innen vor Ort pädagogisch begleitet und in engem Kontakt zur Projektleitung steht. Interessierte werden entsprechend eingewiesen. Um den Schülern eine solch anspruchsvolle Biografiearbeit zu erleichtern, wurde in dreijähriger Arbeit eine umfassende Datenbank erstellt. Ein Teil der Daten wird seit März 2011 schrittweise zur Veröffentlichung im Internet freigegeben. Sämtliche vorrecherchierte Daten sowie Ergebnisse der Schüler werden in einer Datenbank zusammengetragen und sind unter www.erinnern.bllv.de einzusehen.
Hinweis: Am Mittwoch, den 25. April 2012 veranstaltet der BLLV die Gedenkfeier "Aufstehen! Gegen Vergessen und Unrecht", Beginn 19 Uhr, Ort: BLLV-Landesgeschäfts-stelle, Bavariaring 37, München
Historischer Hintergrund:
Lehrer und Lehrerinnen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens waren in Deutschland seit der Reichsgründung im Jahr 1871 gleichberechtigt tätig in staatlichen israelitischen Volksschulen, in staatlichen weiterführenden Schulen und in privaten jüdischen Schulen, die von jüdischen Kultusgemeinden eingerichtet und betreut wurden. In den staatlichen Schulen arbeiteten sie mit nicht jüdischen Kollegen und engagierten sich für das Wohl von Kindern christlichen und jüdischen Glaubens. In der Weimarer Republik erhielten alle Lehrer an staatlichen Schulen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit den Beamtenstatus. Im "Bayerischen Lehrerverein" waren gleichberechtigt auch Lehrer "Israelitischen Glaubens" organisiert.
Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" (7.April 1933) schuf bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Grundlage für die Entlassung der ersten jüdischen Lehrer aus dem Schuldienst. Mit den sog. Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 verloren alle verbeamteten jüdischen Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeit, jüdische Schüler mussten die staatlichen Schulen verlassen. In den folgenden Jahren konnte ein Teil der Lehrer in neu gegründeten und meist durch die jüdischen Gemeinden finanzierten jüdischen (israelitischen) Schulen unterrichten. Ein Großteil der männlichen Lehrer und Schüler in Bayern wurde während der Reichspogromnacht verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Viele, die nicht mehr emigrieren konnten oder wollten, wurden schließlich Anfang der vierziger Jahre in die großen Vernichtungslager deportiert und ermordet.
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