Mehr als die Hälfte der Auszubildenden erlernt Dienstleistungsberufe

Passen eine moderne Wissensgesellschaft und das duale Berufsausbildungssystem mit seinem hohen Anteil praxisorientierter betrieblicher Ausbildung nicht zusammen? Ist die duale Berufsausbildung zu sehr in traditionellen, gewerblich-technischen Strukturen verhaftet? Und führt der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft zu einem nachhaltigen Bedeutungsverlust der betrieblichen Berufsausbildung in Deutschland - so wie es manche Berufsbildungsexperten und -expertinnen seit längerem vorhersagen? All dies ist nicht der Fall. Das duale Berufsausbildungssystem ist moderner als sein Ruf und längst in der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft angekommen. Das belegen neueste Analysen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) auf der Grundlage einschlägiger Statistiken und repräsentativer Betriebs- und Erwerbstätigenbefragungen.

06.12.2007 Pressemeldung Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Betrachtet man die aktuellen Ausbildungsstrukturen im dualen System, so liegt der Schwerpunkt der betrieblichen Ausbildung nicht mehr wie früher im verarbeitenden Gewerbe, sondern bereits eindeutig im Dienstleistungsbereich. Rund zwei Drittel aller Auszubildenden absolvieren dort ihre Ausbildung. Im Vergleichsjahr 1980 betrug der Bestand an Ausbildungsstellen im privatwirtschaftlichen Dienstleistungssektor lediglich 38 % und im öffentlichen bzw. Non- Profit-Sektor insgesamt 11 %.

"Das duale Berufsausbildungssystem hat damit unter Beweis gestellt, dass es auf veränderte Anforderungen und Bedingungen sehr wohl reagieren kann. Es ist wandlungs-, leistungs- und innovationsfähiger als manche Kritiker uns glauben machen wollen", so Manfred Kremer, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

Werden statt der Wirtschaftssektoren die Berufe herangezogen, so hat es auch hier eine deutliche Verschiebung hin zu den Dienstleistungsberufen gegeben. So werden mittlerweile rund 57 % aller Ausbildungsverträge in diesem Bereich abgeschlossen. Insbesondere die seit 1996 intensivierte Neuordnung und Modernisierung von Ausbildungsberufen im Dienstleistungssektor hat den Analysen zufolge diesen Anpassungsprozess nachhaltig unterstützt. So konnten die Verluste an betrieblichen Ausbildungsplätzen in traditionellen Bereichen zumindest teilweise kompensiert werden.

Trotz dieses erfolgreichen Anpassungsprozesses des dualen Berufsausbildungssystems verbleibt ein Defizit an Ausbildungsplätzen, wie die Lehrstellenbilanzen der vergangenen Jahre gezeigt haben. "Insofern ist eine Fortsetzung des Reformprozesses in der beruflichen Bildung unabdingbar", so Manfred Kremer. "Für die weitere Anpassung der dualen Berufsausbildung an die Dienstleistungsgesellschaft ist es von entscheidender Bedeutung, die Ausbildung in den besonders wissensorientierten Teilen des Dienstleistungsbereichs zu stärken, in denen heute vor allem die Absolventen und Absolventinnen von Hoch- und Fachhochschulen vertreten sind."

Die Analysen des BIBB zeigen, dass nicht nur Akademiker und Akademikerinnen, sondern auch Personen mit einem mittleren beruflichen Abschluss unterhalb der Hochschulebene ein Beschäftigungsplus in diesen Bereichen erzielen konnten. Heute übt bereits jeder fünfte Erwerbstätige mit betrieblicher Ausbildung (rund drei Millionen) eine wissensorientierte Dienstleistungstätigkeit aus, wie zum Beispiel Fachinformatiker/-innen, medizinische Fachangestellte oder Kaufleute für Versicherungen und Finanzen. Die Beschäftigungsentwicklung von Fachkräften mit mittlerem Qualifikationsniveau und mit Hochschulabschluss sollte daher nicht - so zeigen es die Studien des BIBB - auf einen Konkurrenzaspekt verengt werden.

Nach den Ergebnissen der BIBB-Untersuchungen ziehen Bereiche mit einer wachsenden Zahl von Hochschulabsolventen und -absolventinnen auch Tätigkeitsfelder für Arbeitskräfte mit mittlerem Qualifikationsniveau nach sich. Bei entsprechender Weiterbildung und Nachqualifizierung oder einem Ausbau von Ausbildungskapazitäten bildet die immer noch hohe Zahl von Ungelernten hier ein Potenzial für Wachstum und Stabilität des mittleren Qualifikationsbereichs, auch wenn gleichzeitig die Zahl der Hochschulabsolventen und -absolventinnen steigen würde.

Die Analysen des BIBB sind als Sammelband veröffentlicht in:

Günter Walden (Hrsg.): Qualifikationsentwicklung im Dienstleistungsbereich. Herausforderungen für das duale System der Berufsausbildung. Bielefeld, 2007.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden