Interview

Verloren gegangen

Trotz Fachkräftemangel bleiben zehntausende Ausbildungsplätze unbesetzt – und ebenso viele Jugendliche ohne Perspektive. Frank Neises, Experte im Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB, erklärt, warum die Corona-Jahre tiefe Spuren hinterlassen haben und wie Betriebe Jugendliche besser erreichen. Interview: Franziska Schuberl

06.01.2026 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Junge Auszubildene in einem Schreinerbetrieb © Adobe Stock Eine gelingende Ausbildung schützt nachgewiesenermaßen vor Arbeitslosigkeit und Armut.

Bildungspraxis: Sie beobachten am BIBB die Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf. Wie ist die Lage derzeit?

Frank Neises: Wir sehen mit Sorge, dass die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge seit der Coronapandemie deutlich gesunken ist und um rund 40 000 unter dem Vorkrisenniveau bleibt. Und das, obwohl die Ausbildung für Deutschland enorm wichtig ist – zum einen für die jungen Menschen, weil sie ihnen Stabilität und Zukunftschancen bietet, und zum anderen für unsere Wirtschaft, weil sie Fachkräfte hervorbringt.

Warum gelingt die Rückkehr zum alten Niveau nicht?

Dafür gibt es viele Gründe, zum Beispiel die Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt. Rund  70 000 unbesetzten Ausbildungsstellen stehen jährlich etwa genauso viele unversorgte Jugendliche gegenüber. Das klingt, als müssten Betriebe und Jugendliche nur richtig zusammenfinden, aber regional passt es eben nicht. In Teilen Bayerns kommen zum Beispiel rund 130 Ausbildungsplätze auf 100 suchende Jugendliche, im Ruhrgebiet sind es dagegen nur etwa 80 Plätze. Hinzu kommt: Nicht alle Berufe entsprechen den Vorstellungen der Jugendlichen. Sie haben vielleicht eine  Berufswahl getroffen, die im Umkreis nicht angeboten wird – und nicht alle Bewerber erfüllen die Erwartungen der Betriebe, die vielleicht bestimmte Schulabschlüsse voraussetzen.

Frank Neises ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB in Bonn. Er beschäftigt sich dort mit Übergängen von der Schule in Ausbildung und Beruf sowie mit Bildungsbeteiligung und Fachkräftesicherung.

Viele Jugendliche ziehen eine Ausbildung gar nicht in Erwägung.

Das ist die zweite große Baustelle. Rund 2,9 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss – das sind rund 19 Prozent dieser Altersgruppe. Zwei Drittel von ihnen sind erwerbstätig, aber ohne eine Ausbildung zu absolvieren. Ein Teil entscheidet sich aus finanziellen Gründen gegen eine Ausbildung, weil sie zunächst mit der Erwerbstätigkeit in den Helferbereichen mehr verdienen als in der Ausbildung. Junge Menschen haben mitunter einen starken Gegenwartsbezug, und mehr Lohn bedeutet in dieser Jugendzeit auch mehr Teilhabe an Freizeit und Konsum. Andere sagen, sie seien nicht ausreichend informiert oder vorbereitet. Und manchen fehlt nach schlechten Schulerfahrungen schlicht das Zutrauen in sich selbst, eine Ausbildung erfolgreich beenden zu können oder haben keine Lust mehr auf Noten, Bewertungen oder auf das formale System.

Ziehen also schnelle Verdienste stärker als langfristige Perspektiven?

Ja, kurzfristig mag eine Helfertätigkeit im Lager oder Verkauf attraktiver sein, weil sie mehr Geld bringt. Langfristig ist das aber eine Sackgasse. Ein Ausbildungsabschluss eröffnet Karrieren und Aufstiegsmöglichkeiten. Trotzdem ziehen gestiegene Mindestlöhne und höhere Einstiegsgehälter in einfachen Jobs Jugendliche mitunter in diese Bereiche und weg von der Ausbildung.

Warum ist es über die wirtschaftliche Seite hinaus wichtig, Jugendliche in die Ausbildung zu bringen?

Weil Ausbildung weit mehr ist als berufliche Qualifikation. Sie ist identitätsstiftend und gibt jungen Menschen Halt, Zugehörigkeit und eine Perspektive. Eine gelingende Ausbildung schützt nachgewiesenermaßen vor Arbeitslosigkeit und Armut. Sie kann Stabilität bieten, insbesondere auch Jugendlichen mit psychischen Belastungen, neu Zugewanderten und jungen Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Ausbildung integriert – beruflich, sozial und persönlich.

Inwiefern hat Corona die Einstellung junger Menschen denn verändert?

Viele Jugendliche haben während der Pandemie gelernt, sich selbst durchzuwursteln, ohne schulische oder berufliche Beratung. Dazu kommt der Dauerkrisenmodus: Pandemie, Krieg, Inflation, Klimasorgen – das alles belastet. Ein Viertel der Jugendlichen kommt damit laut Jugendforschung schlechter zurecht: Sie fühlen sich schneller überfordert und ziehen sich von formalen Bildungswegen zurück.

Welche Jugendliche sind besonders gefährdet, im Übergang zu Ausbildung und Beruf stecken zu bleiben?

Ganz klar die mit niedrigen oder gar fehlenden Bildungsabschlüssen. Die Zahl derer ohne Schulabschluss steigt aktuell, und 74 Prozent derjenigen ohne Schulabschluss bleiben dauerhaft ohne berufliche Qualifikation, bei Hauptschulabsolventen sind es rund 40 Prozent. Auch neu Zugewanderte und Jugendliche mit Förderbedarf zählen zu den Risikogruppen. Zudem steigt der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, vor allem in den Bereichen Lernen und soziale Entwicklung. Den Abgängern aus Förderschulen gelingt der Übergang in die reguläre Ausbildung aber kaum. Es setzen sich Selektionsprozesse fort, die bereits in der Schule beginnen.

Wo liegt das Problem im Übergangsbereich?

Der Übergangsbereich bietet viele, aber zu wenig abgestimmte Angebote. Es gibt über 100 schulische Bildungsgänge, in denen kein Abschluss vorgesehen ist, dazu aktuell rund 300 Programme von Bund und Ländern. Sie sollen auf eine Ausbildung vorbereiten, führen aber nur bei etwa der Hälfte der Teilnehmenden tatsächlich hinein. Wir sprechen von Maßnahmenkarrieren, wenn Jugendliche von einer Maßnahme in die nächste rutschen, ohne voranzukommen. Die Unterstützung junger Menschen könnte in die Begleitung während einer regulären Ausbildung verlagert werden, statt davor. Die Unternehmen können Unterstützung erhalten, um eine Ausbildung zum Erfolg zu bringen, zum Beispiel mit dem Instrument der Assistierten Ausbildung, einer Begleitung des Ausbildungsverhältnisses durch einen Bildungsträger als weiteren Partner.

Welche Förderangebote im Übergang wirken tatsächlich?

Es gibt nur einzelne Untersuchungen zur Wirkung bestimmter Instrumente – ein Gesamtbild fehlt leider. Klar ist aber: Am erfolgreichsten sind Ansätze, die früh den Kontakt zu Betrieben herstellen. Praktika oder dualisierte Ausbildungsvorbereitung – in manchen Ländern „AV dual“ genannt – schaffen reale Betriebserfahrungen. Diese Kontakte erzeugen Klebeeffekte, sie führen häufig zu Ausbildungsverträgen. Erfolgreich sind auch Angebote, in denen Jugendliche Schulabschlüsse nachholen können. Und drittens: Jugendliche brauchen Kontinuität in der Begleitung. Wenn ihre Ansprechpartner ständig wechseln, weil Projekte auslaufen oder Träger sich ändern, besteht die Gefahr, sie zu verlieren. Stabilität und Vertrauen sind entscheidend.

Welche Beratung und Orientierung brauchen junge Menschen, damit der Übergang besser gelingt?

Zentrale Anlaufstellen sind entscheidend. Hier sind an erster Stelle die Jugendberufsagenturen zu nennen, denn sie bündeln die Beratung von Arbeitsagentur, Jobcenter und Jugendamt. Dorthin können sich Jugendliche mit allen Fragen wenden von der Wohnungssuche bis zur Ausbildung. Sie müssen sich nicht selbst die zuständige Institution suchen. Wichtig ist: Berufliche Themen hängen eng mit Lebenslagen zusammen. Wer keine Wohnung findet oder sich nicht vom Elternhaus lösen kann, hat auch Schwierigkeiten mit dem Berufseinstieg.

Was können die Betriebe tun, um die Jugendlichen besser zu erreichen?

Sie können sich öffnen, sichtbar werden, Kooperationen eingehen. Viele zeigen auf Ausbildungsmessen oder bei Azubi-Speed-Datings, was sie bieten. Erfolgreich sind auch der Einsatz sogenannter Ausbildungsbotschafter oder gemeinsame Praktikumsmodelle, bei denen sich mehrere Betriebe einer Branche zusammenschließen. Auch den Kontakt zu Schulen sollten sie suchen. Genauso wichtig ist die Haltung: Jugendliche wollen Sicherheit, Wertschätzung und Sinn. Wenn Betriebe auf alte Muster zurückgreifen, wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, verlieren sie die jungen Menschen möglicherweise. Die Forschung zeigt, dass sie den Jugendlichen erklären müssen, warum Aufgaben wichtig sind, sie beteiligen und ernstnehmen müssen. Große Unternehmen haben dafür eigene Strategien, aber kleine Betriebe brauchen Unterstützung – etwa bei Praktika oder mittels Ansätze des Ausbildungscoachings.

Wie lassen sich denn Jugendliche erreichen, die auf den ersten Blick nicht passen?

Indem man nicht nach Ausschlusskriterien sucht, sondern nach Lösungen. Ausbildung lässt sich flexibilisieren – etwa durch Teilzeitmodelle für junge Eltern oder Menschen mit chronischen Erkrankungen. Es gibt Budgets für Assistenz, Jobcoaches, Eingliederungszuschüsse. Wenn sich der Blick von den Schulnoten und Abschlüssen löst und stattdessen die persönliche Eignung der jungen Menschen entscheidend ist, die individuellen Fähigkeiten zum Beispiel mittels Praktika, dann lassen sich engagierte Auszubildende gewinnen.

Was muss in den nächsten Jahren passieren, damit weniger Jugendliche verloren gehen?

Wir müssen uns generell auf Abschlüsse fokussieren, auf gelingende Übergänge – und früher beginnen. Berufliche Orientierung gehört in die Schule, mit mehr Praktika und Erprobungsmöglichkeiten. Jugendliche brauchen Kontinuität: verlässliche Ansprechpersonen, keine ständig wechselnden Projekte. Und wir brauchen mehr Ausbildungsplätze – durch Betriebe, aber wenn nötig auch öffentlich gefördert in Form von außerbetrieblicher Ausbildung. Denn jeder junge Mensch ohne Ausbildung ist ein Verlust – für ihn selbst, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 4/2025, S. 4-6, www.bildungspraxis.de



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