Zuwanderung birgt Chancen
Nordrhein-Westfalen hat 2015 rund 300.000 Asylsuchende aufgenommen. Rainer Schmeltzer, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, spricht über die Herausforderungen, junge Flüchtlinge in das deutsche Ausbildungs- und Berufssystem zu integrieren.
21.01.2016 ArtikelHerr Minister Schmeltzer, welche Schwierigkeiten ergeben sich dabei, Flüchtlinge in die Ausbildung zu holen?
Die höchste Hürde ist die Sprache. Ohne eine gewisse Sprachkompetenz ist nicht nur die Arbeit in den Unternehmen beeinträchtigt, sondern auch der Unterricht an der Berufsschule. Bei Menschen, die bereits im Herkunftsland einen Berufs- oder Studienabschluss erworben haben, kommt oft noch eine weitere Hürde hinzu: Denn die Verfahren zur Anerkennung ihrer Abschlüsse sind oft schwierig. Die Landesregierung will die rechtlichen Möglichkeiten nutzen, um Flüchtlingen zu helfen, die nicht mehr über Zeugnisse oder andere Dokumente verfügen. In speziellen Verfahren wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, ihre Qualifikationen praktisch unter Beweis zu stellen. Und nicht zuletzt haben viele dieser Menschen schreckliche Dinge erlebt und brauchen psychologische oder sozialpädagogische Begleitung. Das sind natürlich auch Herausforderungen für die ausbildenden Betriebe, bei denen sie Unterstützung benötigen, zum Beispiel durch das Instrument der Assistierten Ausbildung.
Was kann die Politik sonst noch tun, um diese Schwierigkeiten zu überwinden?
Politik muss vor allem die Rahmenbedingungen gestalten. Im Zentrum steht dabei die Schule. Hier erlernen junge Flüchtlinge die deutsche Sprache und lernen unser Schul- und Ausbildungssystem kennen. Deshalb hat die Landesregierung alleine in diesem Jahr 3600 zusätzliche Lehrerstellen beschlossen. Davon 900 Stellen allein für Auffang- und Vorbereitungsklassen. Und mit unserer Landesinitiative "Kein Abschluss ohne Anschluss" haben wir ein flächendeckendes System zur Berufs- und Studienorientierung geschaffen, um den Übergang in Ausbildung oder Studium zu verbessern. An diesen Angeboten in den Regelklassen nehmen auch Flüchtlinge teil, die bei uns die Schule besuchen. Auch die Bundesagentur für Arbeit bietet eine breite Palette von Unterstützungs- und Förderangeboten: Beispielsweise kann eine Einstiegsqualifizierung an eine reguläre Ausbildung heranführen. Und das Instrument der Assistierten Ausbildung gewährleistet die nötige Begleitung vor und während einer Ausbildung. Besonders erfreulich finde ich, dass die Fördermaßnahmen weiter geöffnet werden konnten. So stehen ausbildungsbegleitende Hilfen künftig auch für Geduldete offen. Wir werden unseren Instrumentenkasten aber weiter prüfen, ob er den Anforderungen gerecht wird.
Immer wieder werden Stimmen laut, die in den Flüchtlingen eine Bedrohung für die Ausbildungsplätze deutscher Mitbürger sehen. Was antworten Sie diesen Menschen?
Es geht darum, Menschen in Ausbildung und Arbeit zu integrieren. Ganz egal, ob sie aus Köln, Dortmund oder Aleppo kommen. Auf eine Unterscheidung zwischen Ausbildungsplätzen für deutsche Mitbürger und solchen für Menschen aus anderen Ländern lasse ich mich nicht ein. Die Unternehmen in unserem Land beklagen, dass sie häufig ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Flüchtlinge sind also keine Bedrohung, sondern eine zusätzliche Chance. Dort, wo wir zu wenige Ausbildungsplätze haben, appelliere ich an die Eigenverantwortung der Wirtschaft. Nur mit einem ausreichenden Ausbildungsplatzangebot werden die Unternehmen ihre eigene Fachkräftebasis sichern. Durch die im Ausbildungskonsens verabredeten Anstrengungen konnten wir im abgelaufenen Ausbildungsjahr die Talfahrt der Ausbildungsplätze erstmalig stoppen. Dieser Weg wird fortgesetzt, um allen Jugendlichen eine Perspektive zu eröffnen.
Einen Schwerpunkt auf der didacta 2016 in Köln bildet das Thema Flüchtlinge. Informieren Sie sich vor Ort über die aktuellen Diskussionen:
Forum Berufliche Bildung
Flüchtlinge in Deutschland: Chancen für die berufliche Bildung
16. Februar 2016
12:15 Uhr – 13:15 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.
Forum Berufliche Bildung
Interview: Qualifizierte Zuwanderung: Wie kann sie gelingen?
Hans Peter Wollseifer, Zentralverband des Deutschen Handwerks
17. Februar 2016
11:30 Uhr – 12:00 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.
Forum Berufliche Bildung
Berufsausbildung – die Chance zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration
18. Februar 2016
10:30 Uhr - 11:15 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e.V.
Einen ausführlichen Hintergrundbericht zum Thema Integration und Flüchtlinge sowie weitere Veranstaltungstipps finden Sie hier.
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