Training für höhere Aufmerksamkeit

Die Konzentrationsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Diesem Phänomen können Lehrkräfte mit einer körperorientierten Methode begegnen. Christine Weber – selbst Sonderpädagogin im Gemeinsamen Lernen und Referentin der SchiLf Akademie – erklärt, wie sie funktioniert und welche erstaunlichen Effekte sich erzielen lassen.

27.10.2016 Bundesweit Pressemeldung SchiLf Akademie
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Wenn Sie die letzten 15 Jahre als Lehrerin Revue passieren lassen: Hat sich die Konzentrationsfähigkeit verändert?

Weber: Wenn ich eine erste Klasse Ende der 1990er mit den Kindern von heute vergleiche, wird ganz deutlich, dass die motorische Unruhe der Kinder gestiegen ist. Manche können kaum auf ihrem Stuhl sitzen bleiben. Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeitsspanne kürzer und Ausdauer geringer geworden. 

Welche Ursachen sehen Sie für diese Veränderung?

Vorne weg möchte ich sagen, ist dies ein durchaus komplexes Phänomen. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Umwelt um ein Vielfaches an unterschiedlichster Ablenkung zugenommen hat und Konzentration und Orientierung dadurch erschwert werden. Angefangen bei der Überreizung durch blinkende und lärmende Reklameangebote in sämtlichen Geschäften, unüberschaubaren Massenangeboten an Spielzeugen und sonstigen Gütern bishin zu unzähligen Freizeitangeboten auch für die Kleinsten. Da sind Eltern ordentlich gefordert.

Wo liegen dabei die Knackpunkte? 

Es ist auch eine Frage des Erziehungsstils. Auch wenn ich eine partnerschaftliche Erziehung befürworte, erhalten manche Kinder zu wenig Vorgaben von Erwachsenen. Viele Eltern tragen für ihre Kinder zum Beispiel die Schultasche und  trauen ihnen auch sonst  wenig Veranwortung zu. Zu häufig wird jeder Wunsch  umgehend erfüllt. Die Kinder sind dadurch immer stärker bedürfnisorientiert und können sich schlecht kontrollieren. Wenn sie Hunger oder Durst haben, halten sie es kaum aus, bis zur nächsten Pause zu warten. 

Auf der anderen Seite müssen sich viele Kinder mit den Sorgen ihrer Eltern – etwa nach einer Trennung – beschäftigen. Da haben sie den Kopf dann nicht fürs Lernen frei.

5 allgemeine Tipps zur Unterstützung der Konzentration

  1. Frische Luft im Klassenzimmer (häufiges Lüften)
  2. Reizüberflutung im Klassenzimmer vermeiden (Bild- und Anschauungsmaterialien sparsam verwenden)
  3. Planen Sie täglich einige Minuten ein: Zur Unterstützung der Selbst- und Körperwahrnehmung: z.B. durch darstellendes Spiel und Pantomime, Spiele zu Muskelan- und entspannung wie Stopptanz, Verzaubern, sich gegenseitig wegdrücken, ….
  4. Um die  Selbststeuerung unterstützen: z.B. feinmotorische Lernspiele, Karten- und Brettspiele, Zirkus AG, Kampfsport AG, … 
  5. Für das Lernen in Bewegung und mit allen Sinnen: z.B. Schleichdiktate, Geräusche Quiz, Bewegungsmemory, …

Spielt die Mediennutzung ebenfalls eine Rolle?

Das sicherlich auch. Wir sehen immer wieder Erstklässler, die einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer haben und sich non-stop berieseln lassen können. Wer ständig fernsieht verlernt, seinen Körper zu spüren, wenn er nicht genügend Zeit zum analogen Spielen und Toben hat. Gleichzeitig bleibt dadurch weniger Raum für direkte Kommunikation und emotionalen Austausch,  mit Spielkameraden ebenso wie mit den Eltern. 

Dann bleibt es wahrscheinlich nicht nur bei Problemen mit der Aufmerksamkeit …

Genau! Das soziale Miteinander wird schwieriger, oft steigt auch das Aggressionspotenzial  und die Kinder können ihre eigenen Grenzen nur schwer einschätzen. Aber in Wirklichkeit sehnen sich die Kinder danach, sich als lebendige und kompetente Person zu erfahren,die ihren festen Platz in der Klasse hat. Hier will sie Neues erfahren, sich an einem Thema festbeißen, bis  es durchdrungen und verstanden ist. 

Wie erkenne ich als Lehrkraft, ob sich ein Kind schlecht konzentrieren kann oder - salopp gesagt - sich einfach schlecht benimmt?

Die Kinder sind nicht absichtlich unkonzentriert. Meine Erfahrung ist, dass alle Kinder gut sein und gut lernen wollen. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, sie dabei zu unterstützen. 

Kommen wir zur brennendsten Frage: Wie trainiere die Konzentrationsfähigkeit meiner Schüler?

Die besten Erfahrungen habe ich mit der körpertherapeutischen ganzheitlichen Lernförderung nach Frauke und Wilfried Teschler gesammelt. 

Wie sieht das in der Praxis aus?

Aus einer Klasse wähle ich vier Kinder aus. Diese inklusive Kleingruppe bilde ich zu sogenannten „KonzCoaches“ aus. Sie erlernen vier Körperübungen und eine Massage, die helfen, sich auf ein Thema auszurichten und dabei zu bleiben. Diese Coaches tragen ihr Wissen und Können dann zurück in die Klasse. Zur siebenwöchigen Ausbildung der jeweiligen Coach-Teams bedarf es nur einer Lehrkraft der Schule, damit im Laufe der Zeit alle Klassen mit KonzCoaches versorgt werden können.

Und was bewirken die Übungen und die Massage?

Sobald die Kinder die  Haltung eingenommen haben, wird ein Prozess im Körper angestoßen, der die Konzentration körperlich aufbaut und gegen Ablenkung stabil macht. Die Übungen sind einfach zu erlernen. Die Herausforderung bezüglich der Übungs-Ausdauer nehmen die Kinder gerne an, auch wenn dies über einen längeren Zeitraum geschieht. Die Kinder merken selbst, dass die Übungen ihnen gut tun. Nach einer gewissen Zeit beobachte ich in diesen Klassen eine angenehme Ruhe, Wachheit und Kreativität. Indem wir das Augenmerk auf das Körperliche richten und dem Körper sein Recht geben, zeigen wir den Kindern, wie sie sich selbst helfen können. 

Christine Weber arbeitet seit vielen Jahren als Sonderpädagogin, Körper- und Lerntherapeutin. Neben Ihrer Arbeit als Coach an Schulen und Institutionen gilt ihr Engagement der Mitarbeit bei EU Inklusionsprojekten. Sie bietet unter anderem die SchiLf-Fortbildung „Konzentrations-förderung im Unterricht – gewusst wie!“ an. 

Wie integrieren Sie die Übungen in einen Schultag? 

Es genügt, wenn die Kinder morgens die Übungen praktizieren und bei Bedarf – wenn die Konzentrationsfähigkeit nachlässt. 

Wie kommt diese Arbeit bei den Schülerinnen und Schülern an? 

Es sind durchaus Übungen, die die Kinder sehr schätzen. Mich hat ein Mädchen sehr beeindruckt, das sagte: „Ich wusste gar nicht, dass ich nicht so viel lernen muss, um gut zu sein.“ Sie konnte ihre Überspannung loswerden. Ein Junge war einfach froh, dass er endlich seine Aufgaben im vorgegebenen Zeitrahmen schaffen konnte. Die Kinder sind erleichtert - und auch ihre Leistungen und ihre Noten verbessern sich merklich.

Als Dozentin vermitteln Sie im Rahmen einer schulinternen Lehrerfortbildung an der SchiLf Akademie ganzen Kollegien diese Methode. Worin liegt der Vorteil? 

Wenn die Schulleitung und das Team die Methode erlernen, wird die Idee und die Praxis auch von allen mitgetragen und diffundiert in alle Klassen. Im kollegialen Austausch können sich die Lehrerinnen und Lehrer gegenseitig unterstützen. Indem der Unruhepegel merklich sinkt und die Lernlust steigt, werden die Lehrkräfte deutlich entlastet. 

Besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andrea Stickel 

Über die SchiLf Akademie

Die SchiLf Akademie bietet direkte Lösungen und individuelle Beratung für den Schulalltag. Fachlich fundiert richten sich die Angebote an den konkreten Anforderungen der jeweiligen Schule aus und berücksichtigen dabei die Dynamik des gesamten Kollegiums. Gemeinsam mit einem Beirat aus schulerfahrenen Fachleuten – Lehrern und Schulleitern, Wissen¬schaftlern und Seminarleitern – bietet die Akademie ein praxisorientiertes Weiterbildungsprogramm. Die erfahrenen Referenten – allesamt Praktiker – wissen genau, wovon sie sprechen und schneiden ihr Fortbildungsangebot gezielt auf die jeweilige individuelle Situation zu. 

http://www.schilf-akademie.de

Ansprechpartner

SchiLf Akademie
Memminger Straße 6
86159 Augsburg
Web: http://www.schilf-akademie.de


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