Alphabetisierung

7,5 Millionen können nicht richtig lesen und schreiben – es gibt viel zu tun!

Am Montag hat Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan eine Studie zum Ausmaß des Analphabetismus in Deutschland vorgestellt. Zentraler Befund: Etwa 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Bisher gab es keine offiziellen Zahlen – vorsichtige Schätzungen gingen von vier Millionen Betroffenen aus.

01.03.2011 Pressemeldung Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (BVAG) fordert jetzt rasches Handeln.

Geschäftsführer Peter Hubertus kommentiert die neuen Zahlen: "Erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik haben wir verlässliche Angaben. Die hohe Zahl von 7,5 Millionen Betroffenen ist alarmierend und macht dringenden Handlungsbedarf deutlich. Wir erwarten, dass die bildungspolitischen Entscheider in Bund, Ländern und Kommunen nun schnell reagieren." Nach 30 Jahren Alphabetisierungsarbeit in Deutschland müssten endlich konkrete Maßnahmen ergriffen werden:

  1. Ausbau eines flächendeckenden Lernangebots: Derzeit besuchen nur 20.000 Erwachsene Alphabetisierungskurse – gerade 0,25 Prozent der Betroffenen. Nicht nur das Angebot an den Volkshochschulen muss erweitert werden. Zusätzlich müssen unbedingt andere Akteure für die Arbeit gewonnen werden, vor allem Einrichtungen der Jugendberufshilfe. Gefordert wird ein Ausbau der Kursplätze auf 100.000, damit jeder Betroffene Kurse in der Nähe findet.
  2. Verbesserung des Bildungsangebots: Neben traditionellen Kursangeboten der Volkshochschulen müssen neue attraktive und offene Unterrichtsformen entwickelt werden. Dazu gehört eine aufsuchende Alphabetisierungsarbeit in sozialen Brennpunkten. Diese muss deutsche Erwachsene wie Migranten ansprechen und von möglichst vielen verschiedenen Einrichtungen getragen werden.
  3. Kontinuierliche Bildungswerbung: Damit Betroffene erreicht und zum Lernen ermutigt werden, muss die erfolgreiche zielgruppengerechte Medienkampagne des BVAG ausgebaut werden. Zusammen mit anderen Partnern will der Verband seine Sozialkampagne "Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben!" fortsetzen und erweitern. Mit dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt www.iCHANCE.de werden derzeit innovative Zugangswege für junge Erwachsene entwickelt. Hierfür wurden zahlreiche Prominente gewonnen, z.B. Kaya Yanar und Jan Delay.
  4. Arbeitsplatzbezogene Hilfen: Ein Großteil der funktionalen Analphabeten ist arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht. Gleichzeitig fehlen vielen Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter. Der BVAG fordert Modellversuche, in denen Maßnahmen erprobt werden, wie Menschen mit geringer Grundbildung in den Betrieben unterstützt werden können. Ziel muss es sein, die Kompetenzen zu vermitteln, die am konkreten Arbeitsplatz erforderlich sind. Dabei sollen verschiedene Modelle von arbeitsplatzbezogener Assistenz entwickelt werden, z.B. durch geschulte Kollegen.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ist die einzige bundesweit tätige Fach-, Service- und Lobbyeinrichtung. Betroffene erhalten unter der kostenlosen Rufnummer 0800-53 33 44 55 beim ALFA-TELEFON anonyme Beratung und Informationen über ortsnahe Lese- und Schreibkurse. Der Verband arbeitet seit vielen Jahren im engen Kontakt mit Betroffenen und baut derzeit ein Netzwerk von Lernern auf, die sich in der Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Der 51-jährige Lüneburger Uwe Boldt meint: "Ich habe gehofft, die Zahlen verändern sich nach unten. Ich weiß selbst, wie wichtig Lesen und Schreiben sind. Ich habe mich jahrelang ohne Schrift durchs Leben gemogelt. Durch das Lernen bin ich stärker und selbstbewusster geworden. Und ich bin nicht mehr von anderen abhängig. Das fühlt sich richtig gut an, und jeder kann es schaffen!"

Weitere Informationen
Perspektiven für die Alphabetisierung in Deutschland
www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Perspektiven_BVAG_2011.pdf


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