didacta-Themendienst

Auf der Suche nach dem Aha-Erlebnis

Mögen es Briefmarken oder Maikäfer sein: Faszination und Leidenschaft beflügeln nachhaltigen Lernerfolg, weiß Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther. Neurobiologisch betrachtet, lernt man das am besten, was Freude bereitet. Lehrkräfte können ihre Schüler dabei durch gemeinsames und außerschulisches Lernen unterstützen.

06.01.2016 Artikel
  • © Josef Fischnaller Prof. Dr. Gerald Hüther

Herr Prof. Dr. Hüther, wie lernt man glücklich?

Jeder weiß, wie man glücklich lernt und kann sich daran erinnern: Als Kind war man der glücklichste Mensch der Welt, wenn man ein weiteres Wort oder eine Bewegung gelernt hat. Wenn wir das aus der wissenschaftlichen Perspektive anschauen, heißt das, man ist glücklich, wenn man durch einen eigenen Lernprozess einen kohärenteren Zustand im Gehirn erreicht. Das Hirn beginnt, die bereits angelegten eigenen Wissensinhalte und Netzwerke zu erweitern, damit das neue irgendwie rein passt. Und wenn es gelungen ist, das Neue in das Alte zu inkorporieren, entsteht Kohärenz. Neues Wissen wird in den Schatz der alten Erfahrungen integriert und dieser Lernprozess macht glücklich. Wir nennen das Aha-Erlebnis. Man hat etwas begriffen und verstanden. Das hat nicht allzu viel mit klassischem Auswendiglernen zu tun. Leider ist diese Art von Lernen häufiger in der Schule gefordert. Da geht es nicht ums Verstehen oder ums Einbetten, da geht es ums Pauken.

Wie kann man das glückliche Lernen in den Schullalltag integrieren?

Auswendiglernen geschieht unter dem Druck eine "Belohnung" oder "Bestrafung" zu erhalten. Deswegen gleicht es in gewisser Weise einer Dressur wie im Zirkus. Es bleibt zwar ein bisschen Wissen hängen, aber es wäre schöner, wenn man es freiwillig täte. Das Schlimmste, was unser gegenwärtiges Schulsystem unseren Schülern antut, ist, dass sie durch die Fokussierung auf die Durchschnittsnoten dazu gezwungen werden, ihre Leidenschaft am eigenen Entdecken und Gestalten zu unterdrücken. Wenn diese in der Schule verloren gegangen ist, entstehen leidenschaftslose Menschen, die sich später nicht richtig engagieren. Der Mensch muss sich einen Bereich aufbauen, in dem er seine Lust am Lernen unabhängig von Vorgaben entfalten kann. Für Kinder und Heranwachsende wäre es toll, wenn sie sich Wissen selbst erschließen können. Lehrer können sie dabei unterstützen, auch wenn sie sich an Lehrpläne halten müssen. Sie sollten Themen gemeinsam mit den Schülern erarbeiten, denn dann entsteht nicht nur ein tieferes und nachhaltigeres Verständnis für Zusammenhänge, sondern auch mehr Verbundenheit und Verantwortung innerhalb der Klassengemeinschaft.

Welche Faktoren sind ausschlaggebend, um lebenslanges Lernen zu gewährleisten?

Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass einem die Lust am Lernen vergeht. Solange diese Lust noch da ist, bleibt jeder Mensch ein Lernender. Wenn er diese Lust verloren hat, ist er möglicherweise ein Wissender, der aber keine Entwicklungsperspektive mehr hat. Das bringt uns zu der zweiten Fähigkeit, die auch niemand verlieren sollte: Wissen von anderen zu übernehmen. Wir brauchen andere Menschen, die wir mögen und von denen wir gerne alles lernen, was sie wissen und können. Je mehr sie sich von uns unterscheiden, desto mehr können wir von ihnen lernen.

Wie Lernen ein Kribbeln im Gehirn verursachen kann, erklärt Prof. Dr. Hüther auf der didacta 2016 in Köln:

Forum Bildung
Freude am Lernen ein Leben lang
Prof. Dr. Gerald Hüther
16.02.2016
14:00 - 15:15 Uhr
Halle 6, E 50/F 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Forum Unterrichtspraxis
"Wir haben gut Lachen" – Humor als Lernbeschleuniger
Eva Ullmann, Rednerin und Autorin
17.02.2016
11:00 - 12:00
Halle 7, B 50/C 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Sonderschau
"Lernen zum Anfassen" zum außerschulischen Lernen
16. - 20. Februar 2016
09:00 – 18:00 Uhr
Halle 7
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Einen ausführlichen Hintergrundbericht zum Thema Lernatmosphäre und weitere Veranstaltungstipps finden Sie hier.


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