Lehrerverband

BLLV fordert ganzheitliches Bildungsverständnis

Die nukleare Katastrophe von Fukushima, neue Kriege oder Finanzcrashs, diese Ereignisse haben auch an den bayerischen Schulen Spuren hinterlassen. "Lehrkräfte sind nicht nur mit den Sorgen und Ängsten ihrer Schüler konfrontiert, sondern auch mit ihren eigenen Gefühlen. Ob sie wollen oder nicht: Sie müssen Stellung beziehen und Antworten finden, denn junge Menschen brauchen Perspektiven. In Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Umbruchsprozesse wird besonders deutlich, dass Schulen nicht nur zentrale Bildungseinrichtungen sind, sondern dass sie Heranwachsenden Halt und Sicherheit geben können - und müssen", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, bei der 52. Landesdelegiertenversammlung in Würzburg.

03.06.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

In seiner Grundsatzrede bezeichnete er es als wegweisende Aufgabe aller Pädagogen, jungen Menschen den Wert intakter Lebenswelten erfahrbar zu machen. "Sie müssen lernen, dass es sich lohnt, für den Erhalt einer lebenswerten Zukunft einzutreten. Grundlage ist ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das sich nicht ausschließlich über Faktenwissen definiert. Es umfasst alle Bereiche des Lebens, es integriert und stabilisiert. Es befähigt zur Orientierung in einer komplexer werdenden Realität und es erfordert lebenslanges Bemühen. Für ein solches Bildungsverständnis wird sich der BLLV stark machen. Das Motto der LDV, "Aufbrechen! Bildung im 21. Jahrhundert" sei nicht zufällig gewählt.

Weil sich alles um aus- und abgrenzende Abschlüsse und Berechtigungen dreht, ist der Bildungsbereich vielfältigen Instrumentalisierungs- und Kommerzialisierungstendenzen ausgesetzt. "Mit umfassender Bildung, die Menschen befähigt, humane, ökologische, zukunftsfähige und am Gemeinwohl orientierte Gesellschaften zu entwickeln, hat der heutige Bildungsbegriff wenig zu tun", sagte Wenzel. In Zukunft müsse es sehr viel mehr um die Qualität von Bildung und sehr viel weniger um Quantität gehen, wobei sich Bildungssysteme nicht einseitig den Bedürfnissen der Wirtschaft unterordnen dürften. Wenzel hält deshalb eine grundlegende Neudefinition des Begriffs Bildung für dringend erforderlich.

"Heute akzeptieren wir ohne zu hinterfragen angebotene Bildungssegmente, wie zum Beispiel hierarchisch gegliederte Schulabschlüsse. Wobei vorgetäuscht wird: Je höher der erworbene Abschluss, umso höher die jeweilig erworbene Bildung." Es zähle nur prüfungsrelevantes Wissen. Die Folge: Schulen und Hochschulen werden zu Paukanstalten, in denen weniger reflektiert, dafür mehr geprüft wird. Wissen und Bildung würden zunehmend kanalisiert, Lern- und Leistungsprozesse beschleunigt. "Die Prozesse entfalten sich bereits in der Grundschule und setzen sich im Studium oder im Berufsleben fort. "Viele Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt, es gibt kaum noch Zeit zum Innehalten, zur kritischen Auseinandersetzung. Bereits junge Menschen brennen aus und geraten in Krisen." Das sei eine gefährliche und kontraproduktive Entwicklung. "Sie hemmt Kreativität, Lebens- und letztlich auch Lernfreude. Wenn Bildung in Schieflage gerät, gerät die Gesellschaft in Schieflage", betonte Wenzel.

"Es wäre ein großer Erfolg, wenn von dieser Delegiertenversammlung der Impuls ausgehen könnte, dass der BLLV dieses Verständnis von Bildung kritisch hinterfragt und nach neuen Wegen sucht", sagte Wenzel unter lang anhaltendem Beifall der über 500 Delegierten und etwa 150 Gäste aus ganz Bayern.

"Wer sich die angebotenen Bildungssegmente genauer anschaut, merkt schnell, dass sich die dadurch erworbenen Abschlüsse aus Noten zusammensetzen, die unter fragwürdigen Bedingungen zustande gekommen sind: zum Beispiel durch Wiedergabe schnell angehäuften und zum richtigen Zeitpunkt abgespulten Wissens zu einem bestimmten Thema. Hinzu kommt, dass Bildungssegmente käuflich zu erwerben sind, was u. a. auch dazu führt, dass Bildungsabschlüsse mit privatem Förderunterricht wesentlich zu verbessern sind. "Der kommerzielle Bildungsmarkt ist gigantisch angeschwollen, gleichzeitig hat die Bildungsungerechtigkeit zugenommen. Partizipieren können nur die, die für diese Angebote zahlen können. Die Folge sind Aus- und Abgrenzungstendenzen, die das Konfliktpotential einer Gesellschaft befördern und die Sozialsysteme unnötig belasten."

Die Zeit sei reif für ein Umdenken und eine Neudefinition des Begriffs Bildung. "Gesellschaften im 21. Jahrhundert brauchen neugestaltete Schulen und anspruchsvolle Lernarrangements. Schulabschlüsse, Lerninhalte und Schulstrukturen müssen kritisch hinterfragt und so definiert werden, dass möglichst viele möglichst gute Lebenschancen haben und gleichzeitig befähigt werden, die gewaltigen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu lösen", forderte der BLLV-Präsident.


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