Hat das Lebensmodell Familie eine Zukunft? Was tun gegen Überforderung vieler Eltern?

"Neue, asexuelle Methoden der Fortpflanzung bedrohen keineswegs den Bestand der liebevoll verbundenen Kleinfamilie – im Gegenteil: Sie tragen dazu bei, das gefährdete traditionelle Lebensmodell Vater-Mutter-Kinder zu erhalten." Diese Kernthese seines Buches "Kinder machen" erläu­terte der Kultur­wis­sen­schaftler Professor Dr. Andreas Bernard (Leuphana Universität Lüneburg) am Montagabend in Berlin. Er sprach anlässlich der Ver­leihung der Jah­res­preise 2014 der Stif­tung Ravensburger Verlag.

17.11.2014 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag

An diesem Abend überreichte Stiftungs­vorsitzende Dorothee Hess-Maier den mit 8.000 Euro dotierten Leuchtturm-Preis der Stif­tung an den Hamburger Sozial­un­terneh­mer Volker Baisch für das von ihm gegrün­de­te Väter-Netzwerk (Laudatio Professor Dr. Hans Bertram). Den mit 12.000 Euro versehenen Buch­preis der Stiftung erhielt die Mün­che­ner Schrift­­­stellerin Lena Gorelik für ihren Familienro­man "Die Listensammle­rin" (Laudatio Dr. Wiebke Porombka).

Ausführliche Berichte über die Preisträger 2014 und die Preisbegründungen finden Sie unter www.ravensburger.de/stiftung/aktuelles/buchpreis-2014/index.html und www.ravensburger.de/stiftung/aktuelles/leuchtturm-preis-2014/index.html.

Wie entsteht ein Kind im 21. Jahrhundert?

Leihmutter, auch Tragemutter genannt, Eizellenspenderin, Samenspender, künstliche Befruch­tung – diese in Deutschland teils illegalen, jedoch international praktizierten Möglichkeiten der "assistierten Empfängnis" führen zu veränderten Familienkonstellationen. "Weltweit gibt es über fünf Millionen durch In-vitro-Fertilisation entstandene Menschen. In Deutschland geht jede vierzigste Geburt auf künstliche Befruchtung zurück, und mehr als 100.000 Kinder sollen durch die Samenspende eines Dritten gezeugt worden sein." Professor Dr. Andreas Bernard sprach in seinem Vortrag "Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie" von einem "neuen Menschenbild" des 21. Jahrhunderts.

Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie

Das zweihundert Jahre unangetastete gesellschaftliche Idealbild der Kleinfamilie sei infolge der gesellschaftlichen Umbrüche von 1968 in eine "tiefe Krise" geraten: stetig steigende Schei­dungsraten, Geburtenrückgang, freie Sexualbeziehungen, Selbstbestimmung der Frauen. Bernard: "Einerseits zerfasert seit den 1970er Jahren eine Lebensform, die lange Zeit als maß­geb­liches sozia­les Modell galt. Andererseits erlebte die Reproduktionsmedizin in jenem Jahr­zehnt einen ent­scheidenden Durchbruch." Die neuen Möglichkeiten, Kinder zu zeugen und auszutra­gen, fielen genau in diese Phase hoher sozialer Labilität, erläuterte der Kulturwissen­schaft­ler. "Jedoch wirken sie nicht zerstöre­risch, sondern bewahrend. Warum sind in IVF-Kliniken oder Samenbanken die Wände voll mit Fotos von Babys, Kindern und jungen Fami­lien? Weil das Zuhause mit biologischen oder sozialen Vätern, leiblichen oder Wahl-Müttern, sei es in klassi­scher Vater-Mutter-Kind-Konstellation, in Regenbogen- oder in Patchwork-Familien immer die entscheidende Komponente für Kinder ist, mögen Spermium, Eizelle, Gebärmutter auch von beliebigen Perso­nen beigesteuert worden sein."

Eltern in der "Rush-Hour des Lebens"

Der Mikrosoziologe Professor Dr. Hans Bertram (Humboldt-Universität Berlin) fand in seiner Laudatio auf Leuchtturmpreisträger Volker Baisch (Väter gGmbH) deutliche Worte über die "überfor­derte Generation" der 30- bis 45jährigen, die sich durch die "Rush Hour des Lebens" kämpften, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssten. "Für Familien ist es viel schwerer geworden, den Alltag zu bewältigen. Die Väter und Mütter stehen unter star­kem Zeitdruck, schlafen weniger, essen schneller, nehmen sich weniger Zeit für Erholung. Es gab eine Zeitverschiebung zugunsten der Arbeitswelt und zugunsten der Kindererziehung – obwohl es weniger Kinder gibt und wir durchschnittlich weniger Wochenstunden arbeiten!"

Mehr Lebensqualität für die überforderte Generation!

Bertram, dessen wissenschaftliche Untersuchungen und Erkenntnisse zum Thema familiäre Lebensqualität demnächst in dem Buch "Die überforderte Generation – Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft" nachzulesen sind, forderte von der Politik, alters­flexiblere Karriere­muster zu fördern und scheinbar chaotische Biografien zuzulassen. "Wir benötigen mehr Durch­lässigkeit und gesellschaftliche Anerkennung für anders strukturierte berufliche und familiäre Lebensphasen der Menschen. Ein Beispiel: Mit 55 Jahren sollte es möglich sein, sich intensiv um die Enkel zu kümmern oder ein Studium zu beginnen oder Karriere zu machen oder den 15jährigen Sohn und die 14jährige Tochter auf ihrem Bildungsweg zu begleiten."

Die Laudatio von Dr. Wiebke Porombka auf Buchpreisträgerin Lena Gorelik können Sie in den nächsten Tagen auf www.stiftung.ravensburger.de (Aktuelles) nachlesen.

Ansprechpartner

Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
Postfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de

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