DPhV warnt vor weiterer Verkürzung der Lehrkräftebildung und fordert Entlastung
Die Deutschland-Befunde des OECD-Berichts „Bildung auf einen Blick 2026“ mit dem Schwerpunktthema Lehrkräftemangel geben Anlass zur Sorge: 55 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler besuchen Schulen, deren Leitung angibt, dass die Abwesenheit von Lehrkräften das Lernen beeinträchtigt.
29.09.2026 Bundesweit Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)Das ist der zweithöchste Wert im OECD-Raum und mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt von 27 Prozent.
Zudem gelten 16,2 Prozent der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen im Sekundarbereich als nicht voll qualifiziert – fast doppelt so viele wie im OECD-Durchschnitt (8,4 Prozent). Eine Entspannung ist nicht in Sicht: Während im OECD-Durchschnitt die Zahl der Kinder zwischen 5 und 14 Jahren bis 2033 voraussichtlich um 9 Prozent sinken wird, wird sie in Deutschland um 3 Prozent steigen, bei den 10- bis 14-Jährigen sogar um 8 Prozent. Gleichzeitig ist fast jede vierte Lehrkraft im Sekundarbereich 55 Jahre oder älter. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) fordert eine jetzt spürbare Entlastung der im Dienst stehenden Lehrkräfte, damit sie bis zum regulären Ruhestandsalter durchhalten, er warnt zugleich vor weiteren Kürzungen in der Lehrkräfteausbildung und fordert ein vollwertiges 24-monatiges Referendariat.
DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing: „Die Zahlen zeigen schwarz auf weiß: Der Lehrkräftemangel ist in Deutschlands Schulen ein dramatisches und alltäglich präsentes Problem, und er wird sich nicht von selbst erledigen. Anders als in vielen anderen Vergleichsstaaten wird die Zahl der Kinder im Schulalter bei uns weiter steigen, weshalb die Bildungsministerinnen und -minister alles Erdenkliche dafür tun müssen, die jetzt tätigen Lehrkräfte nachhaltig gesund im Dienst zu halten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die nachfolgende Generation voll ausgebildet wird – und nicht weniger Zeit und folglich weniger Qualität in der Ausbildung erfahren wird.“
Voll ausgebildet ist in Deutschland, wer einen Master oder das Erste Staatsexamen sowie das Referendariat abgeschlossen hat. Für den hohen Anteil nicht voll qualifizierter Lehrkräfte nennt die OECD zwei mögliche Gründe: die vergleichsweise lange Ausbildung und den anhaltenden Einsatz alternativer Zugangswege. Der zweite Befund bestätigt die Kritik des DPhV: Wer den Mangel über Quer- und Seiteneinstieg ohne vollständige Nachqualifizierung zu decken versucht, hält den Anteil nicht voll qualifizierter Lehrkräfte dauerhaft hoch. Aus dem ersten Befund dürfen dagegen keine falschen Schlüsse gezogen werden: Eine kürzere Ausbildung ist keine Lösung. Denn nach den ländervergleichenden Befunden sind hohe Anforderungen an den Hochschulabschluss nicht die Hauptursache des Lehrkräftemangels. Die Ursachen liegen aus Sicht des DPhV vielmehr in den Arbeitsbedingungen: Zu hohe Unterrichtsdeputate und immer mehr unterrichtsferne Aufgaben überlasten die Lehrkräfte – das System verliert sie durch Krankheit und Frühpensionierung. Lin-Klitzing: „Wer aus dem Bericht ableiten will, die Lehrkräftebildung müsse weiter verkürzt werden, macht es sich hier zu einfach. Qualität kann nicht übers Knie gebrochen werden.“
Erfreulich ist: Deutschland bleibt im MINT-Bereich Spitzenreiter. Unter den inländischen Absolventinnen und Absolventen im Tertiärbereich liegt der Anteil der MINT-Abschlüsse bei 34 Prozent. Das ist mehr als in jedem anderen OECD-Land. Diese Stärke hängt maßgeblich an gut ausgebildeten Fachlehrkräften an den Schulen. Umso wichtiger ist es, den Lehrberuf attraktiv zu halten – doch auch hier zeigt der Bericht deutliche Warnsignale. Zwar zählen die Lehrkräftegehälter in Deutschland nach wie vor zu den höchsten im OECD-Raum. Sie stagnierten jedoch in den letzten zehn Jahren bzw. waren real rückläufig: Inflationsbereinigt sind die gesetzlichen bzw. vertraglich vereinbarten Gehälter von Lehrkräften im Sekundarbereich I mit 15 Jahren Berufserfahrung um 1 Prozent gesunken, im OECD-Durchschnitt dagegen um 6 Prozent gestiegen. Mehr noch: Die tatsächlich gezahlten Gehälter sind in Deutschland real auf allen Schulstufen gesunken, für die Daten vorliegen. Und während im OECD-Durchschnitt 9,8 Prozent der öffentlichen Gesamtausgaben auf Bildung entfallen, waren es in Deutschland 2023 nur 8,5 Prozent.
Lin-Klitzing: „Die Schieflage ist seit Jahren bekannt – Studie um Studie belegt sie. Doch statt an den entscheidenden Hebeln anzusetzen, werden immer neue Ausweichdebatten geführt: über kürzere Ausbildungswege, Schnellqualifizierungen und Notlösungen, die vom eigentlichen Problem ablenken. Damit muss Schluss sein.“ Der DPhV fordert jetzt und erneut:
- Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag durch den Abbau überflüssiger Bürokratie und durch zusätzliches Unterstützungspersonal, damit sich Lehrkräfte auf ihren pädagogischen Auftrag konzentrieren können
- eine Senkung des Unterrichtsdeputats sowie attraktive Altersteilzeitmodelle, damit erfahrene Lehrkräfte gesund bis zum regulären Ruhestandsalter im Beruf bleiben können
- Freistellungen der Lehrkräfte für Fortbildungen: Fortbildungszeit muss als reguläre Arbeitszeit angerechnet werden und darf nicht zusätzlich zum Unterrichtsdeputat aufgebracht werden
- eine amtsangemessene Besoldung der Lehrkräfte, die real nicht an Wert verliert
- Quer- und Seiteneinstieg nur als Ausnahme – ohne vollständige Nachqualifizierung darf es keine Einstellung in den Schuldienst geben
- auf Perspektive eine Unterrichtsversorgung mit ausreichenden Reserven, damit die Abwesenheit von Lehrkräften nicht zulasten des Lernens der Schülerinnen und Schüler geht
- keine Vergrößerung von Klassen und Kursen
- ein anspruchsvolles 24-monatiges Referendariat und keine weitere Verkürzung der Lehrkräftebildung
Lin-Klitzing: „Wenn Lehrkräfte fehlen, leidet das gesamte System: die verbleibenden Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler, der Leistungsanspruch und die Chancengerechtigkeit. Wer dem Lehrkräftemangel wirksam begegnen will, muss jetzt investieren – in die Gesunderhaltung der derzeit im System befindlichen Lehrkräfte und nachhaltig in die Ausbildung zukünftiger, statt erneut auf Ausweichlösungen zu setzen. Der Spitzenwert im MINT-Bereich zeigt, welches Potenzial wir haben. Dieses Potenzial dürfen wir nicht verspielen.“ Der DPhV ruft die Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker in den Ländern eindringlich dazu auf, Bildung in den Landeshaushalten die Priorität einzuräumen, die sie verdient.
- Lehrkräftemangel setzt Bildungssysteme im OECD-Raum unter Druck
- Neue OECD- Studie zu Bildungsindikatoren veröffentlicht
- Ausbildung ist nicht gleich Ausbildung
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