Literarisches Lernen

Mit Poetry Slam die Lust an Lyrik wecken

(Katja Gartz) Am vergangenen Wochenende ist die Deutsche Meisterschaft "Slam U2014" in Berlin zu Ende gegangen. Teilgenommen haben Schülerinnen und Schüler unter 20 Jahren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Poetry Slam ist beliebt und das, obwohl sich viele Schüler so schwer tun mit lyrischen Texten.

29.09.2014 Artikel
  • © Lars Ruppel

Bestimmt Lyrik den Unterricht, sinkt das Fach Deutsch bei vielen Schülern auf der Beliebtheitsskala schnell nach unten. Mit ihren kurzen Texten, in denen es nur so von Metaphern, Anaphern, Stilmitteln, Versmaßen und Strophenformen wimmelt, können Schüler häufig nichts anfangen. Laut Petra Anders, Dozentin für Fachdidaktik Deutsch an der Humboldt-Universität Berlin, liegt das vor allem an der Vermittlung von lyrischen Texten im Unterricht. "Hier könnten Lehrer gut mit Songtexten oder Raptexten einsteigen oder den Schülern zeigen, wie sie selbst ganz textnah mit Gedichten umgehen und Zeile für Zeile paraphrasieren", sagt sie. Manchmal helfe den Schülern auch ein biografischer Zugang zum Autor, um ihn und seine Lyrik besser zu verstehen.

Ein zentraler Aspekt des literarischen Lernens sei es, sich mit anderen über die eigene Leseerfahrung auszutauschen. Die Rolle des Lehrers ist dabei entscheidend. "Er partizipiert, gibt jedoch keine Lesart durch gelenkte Unterrichtsgespräche vor, sondern ermöglicht allen und auch sich selbst, in Kleingruppen über das Gedicht zu sprechen und Fragen zu stellen", erklärt die Dozentin. Abschreckend für Schüler könne auch das Vortragen von Gedichten sein. Eine vorherige Beschäftigung mit Rhythmus und Versmaß unterstützt sie beim richtigen Sprechen und Betonen. Eine alternative Form, mit der Schüler einen Zugang zu Gedichten und sinngestalten dem Vortragen finden, ist der unter Jugendlichen immer beliebter werdende Poetry Slam. Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, bei dem jeder selbstverfasste Texte von ca. fünf Minuten Länge auswendig vortragen oder vorlesen kann. Zahlreiche regionale Veranstaltungen und Wettbewerbe, online gestellte Live-Mitschnitte und Poeten, die als Workshopleiter in die Schule kommen, machen diese Form heute attraktiv für den Deutschunterricht. In Berlin und Bremen ist das Thema Poetry Slam bereits im Rahmenprogramm der Lehrpläne verankert. Aber auch in anderen Bundesländern gehören Poetry-Slam-Projekte bereits zum Schulprogramm.

Poetry Slam bietet ein hohes Identifikationspotential für Jugendliche, besonders, wenn Gleichaltrige auf der Bühne stehen. In Poetry-Slam-Unterrichtseinheiten lernen Schüler sich selbst, ihre Alltagsbeobachtungen und ihre Umwelt anderen vorzustellen. Gleichzeitig werden Erzählmuster, Stilmittel und Inhalte im Rahmen des Unterrichts analysiert. So lernen Schüler, wie Poetry-Slam-Texte funktionieren, bei Zuhörern ankommen, wie sie Stilmittel einsetzen und Reimwörter finden, um ihre Texte zu gestalten. Außerdem probieren sie Vortragsstile und -techniken und tauschen sich mit den anderen dazu intensiv aus.

Wolf Hogekamp, Begründer der Berliner Slam-Poetry-Szene und Veranstalter der 10. Deutschen Meisterschaft "Slam U20" Ende September 2014 in Berlin führt ebenfalls Workshops mit Schülern und Lehrern an Schulen durch. "Bei den Schülerprojekten geht es um ihre Sprache, ganz gleich, ob Dialekte, Umgangssprache oder eine durch das Herkunftsland gefärbte Sprache", sagt der Slam-Poet, der den Schülern spielerisch Sprachrhythmus und Reime beibringt. Gefragt sei dabei immer die Fantasie der Schüler. So geht es in einer Übung darum, dass die Schüler spontan einen Namen, den sie nicht mögen, ein Adjektiv und einen Beruf nennen. Rauskommen kann dabei beispielsweise "Sebastian, der hektische Baggerfahrer". Anschließend gehe es um das Alter und den Wohnort, um den Charakter und eine Geschichte zu entwickeln. In einer anderen Übung suchen die Schüler zu jedem Buchstaben ein Wort, um daraus eine Geschichte zu erfinden. Eine gute Vorbereitung für die Bühne ist beispielsweise, einen Text als Heiratsantrag, wie ein Verkäufer und als Bahnhofsdurchsage zu lesen. "Die Schüler lernen dabei mit Sprache umzugehen", sagt Hogekamp. Poetry Slam bringe ihnen auch Stilmittel lyrischer Texte näher. Bei den Workshops für Lehrer nutzt er die gleichen Übungen wie bei den Schülern. "Häufig haben Lehrer Blockaden, selbst zu slammen, die einfachen Übungen helfen ihnen dabei, diese zu lösen", berichtet der Workshop-Leiter. Schüler wie Lehrer schreiben abschließend Texte und tragen sie den anderen Teilnehmern vor. Dabei werden ganz verschiedene Genres genutzt, von Lyrik über Kurzgeschichten bis hin zu Comedy. Lehrerin Brigitte Schulte, die ebenfalls Fortbildungen für die Sekundarstufe I in Berlin anbietet, weist darauf hin, dass Lehrer durch eigene Slam-Erfahrungen ihre Schüler gut motivieren können. Durch Workshops, Projekttage und den Besuch von Veranstaltungen werde Poetry Slam zunehmend in den Unterricht integriert.

Poetry-Slam-Veranstaltungen finden mittlerweile bundesweit in über 100 Städten statt. Besonders lebendig ist die Szene in Berlin, wo bereits 1997 die ersten Meisterschaften stattfanden. Auch in diesem Jahr trugen dort Jugendliche unter 20 Jahren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wieder ihre Gedichte und Geschichten allein oder im Team bei der Meisterschaft "Slam U20.14" in Berlin vor. Der Ernst Klett Verlag unterstützte die Veranstaltung und bot im Vorfeld gesonderte Lehrerfortbildungen an. ‹‹

Kompakt

Poetry Slam holt Schüler in ihrer Lebenswelt ab, fördert ihre Kreativität und ihren Umgang mit Sprache. Gleichzeitig stärkt es ihre Motivation, sich mit literarischen Texten zu beschäftigen sowie selbst Texte zu verfassen und vorzutragen. So schlägt Poetry Slam auch eine Brücke zu klassischen Gedichten und bringt den Schülern lyrische Stilmittel näher.

Erstveröffentlichung und aller Rechte: Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 65


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