Gastbeitrag

Über die Grenze

Subhi Azizi steht vor der Reichstagskuppel des Deutschen Bundestages. An seinem schwarzen Anzug prangt die Anstecknadel, die eine deutsche Flagge zeigt. Das Besondere daran: Subhi Azizi ist der erste syrische Praktikant im Bundestag.

22.08.2017 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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„Ich habe nie vom Bundestag zu träumen gewagt. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass ich irgendwann eine Chance bekommen kann, wenn ich mich anstrenge“, sagt Azizi.

Vor zwei Jahren kam der 24-Jährige aus Aleppo nach Deutschland. In Syrien ging er sechs Jahre in die Grundschule und drei Jahre in eine Realschule. Dann nahm er freiwillig an einer Abiturprüfung teil, bestand und studierte an einer privaten Universität Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen. „Bei der staatlichen Uni versuchen die Professoren, die Studenten in eine Richtung zu lenken“, erklärt Azizi seine Entscheidung.

Obwohl die Lage in Syrien gefährlich ist, wollte Azizi zuerst bei seiner Familie in Aleppo bleiben. Aber nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, durfte er seinen Militärdienst nicht weiter verschieben. Weil er weder mit den Rebellen oder mit dem Regime kämpfen, keine anderen Menschen töten, noch sein Leben opfern wollte, blieb ihm nur die Flucht. „Darüber hinaus ist der Bürgerkrieg in Syrien in meinen Augen nicht nur ein syrischer, sondern ein internationaler Krieg aufgrund der verschiedenen Interessenlagen. Ich war immer bereit, meine Heimat zu schützen und dafür zu kämpfen. Aber nicht bedingungslos“, sagt Azizi. Er flüchtete nach Deutschland. Auch, weil Deutschland in Syrien als eines der attraktivsten Studienländer zählt.

Der Weg von der Ankunft bis zum ersten Praktikumsplatz, für den er sich offiziell beworben hat, war nicht einfach. Azizi leidet seit seiner Ankunft unter der Bürokratie. Eine große Hürde ist die viele Post, die er bekommt. „In Syrien gibt es diese nicht.“ Oft musste er stundenlang am Tisch sitzen, um einen Brief zu verstehen. Falls er bei Mitarbeitern einer Behörde nachfragte, gab ihm jeder eine andere Antwort. Besonders schwierig sei es, wenn man kein Deutsch spreche und etwas vom Jobcenter brauche.

Azizis nächstes großes Ziel ist, sein Studium fortzusetzen. Er will sich dieses Jahr für das Wintersemester an der Universität in Berlin bewerben. Seit Oktober besucht er hierfür regelmäßig einen Sprachkurs für Fortgeschrittene in einer kleinen Klasse. „Ich war und bin der festen Überzeugung, dass der Erfolgsschlüssel für mich als Ausländer in diesem Land die Sprache ist. Daher habe ich versucht, auf Biegen und Brechen schnell Deutsch zu lernen und deutsche Freunde zu finden“, sagt er.

Trotzdem weiß er, dass er viel Glück hat. Ein Flüchtling aus Guinea machte ein Praktikum bei einer Firma. Er durfte dort Staub wischen, mehr nicht. Dabei sind Flüchtlinge eine Investition, ist Azizi überzeugt. „Flüchtlinge bieten wirtschaftliche Chancen. Allerdings nur, wenn die Integration funktioniert. Ich finde es schön, dass die meisten Menschen, die hierherkommen, dieses Land als ihre Wahlheimat sehen und Deutschland sehr schätzen.“

Subhi Azizi ist ein Beispiel, das zeigt, dass Integration funktionieren kann. In Zeiten, in denen Kritiker sie scheitern sehen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 2/2017, S.6, www.didacta.de


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