Bildungssenator Klaus Böger spricht am Samstag zu den Teilnehmern des 6. Bundeskongresses der Türkischen Gemeinde in Deutschland
Auszüge aus der Rede von Bildungssenator Klaus Böger:
22.04.2006 Berlin Pressemeldung Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung"Der 6. Bundeskongress mit dem Motto "Bildung: Zukunft unserer Kinder – Reichtum unseres Landes" könnte nicht zu einem besseren Zeitpunkt und an keinem besseren Ort stattfinden: Berlin. Wie an keinem Ort in Deutschland, zeigen sich in Berlin die Chancen und die Probleme des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft.
Schauen wir uns die Ereignisse der letzten Monate an, die heftige Debatten über die Integration in Deutschland ausgelöst haben: Der Beschluss der Schulkonferenz einer Berliner Realschule, dass innerhalb und außerhalb des Unterrichts Deutsch gesprochen wird, die Aufregung über Gewalt an Hauptschulen und die kaltblütige Ermordung von Hatun Sürücü.
Wir alle sind empört über die menschenverachtenden Vorstellungen von familiärer Ehre und Gehorsam: Die Ermordung der Schwester ist keine Ehre, sondern eine Schande. Wer den Mord an Hatun Sürücü nicht schärfstens verurteilt, sondern womöglich sogar beklatscht, der ist mitverantwortlich. Unser gemeinsames Band ist nicht nur die Einhaltung der Gesetze. Wir haben einen Gesellschaftsvertrag, der auf den Grundrechten unserer Verfassung basiert: Würde des Menschen, Gleichberechtigung, Individualität, Freiheit, Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz. Das sind auch die Menschenrechte der internationalen Gemeinschaft.
Es gibt immer wieder Verstöße gegen das gemeinsame Band. Das liegt in der menschlichen Natur. Der Punkt ist: Wir können nicht hinnehmen, das sich Menschen oder Gruppen prinzipiell von diesem Grundkonsens verabschieden.
Die öffentliche Diskussionen hat jetzt deutlich gemacht, was lange von vielen negiert worden ist: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Menschen verschiedener Kulturen sind bei uns zu Hause und willkommen. Dafür müssen wir die Bedingungen schaffen: Wir wollen diese Menschen integrieren und ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben ermöglichen.
Weil das so ist, haben wir einen Anspruch darauf, dass sich alle, die hier leben, zu diesem Grundkonsens bekennen und eigene Anstrengungen und Bemühungen zur Integration unternehmen.
Das gilt auch umgekehrt: Wir brauchen die Bereitschaft zur Aufnahme und Rahmenbedingungen, um Integration möglich zu machen.
Damit wird vielen erst jetzt deutlich: Was Integration geleistet hat und noch leisten muss - vor allem die Integration durch Bildung.
Daran müssen wir gemeinsam arbeiten: Wer in diesem Land lebt, muss deutsch sprechen können, sonst kann er keinen Bildungs- und beruflichen Erfolg erzielen und damit nicht an unserer Gesellschaft aktiv teilhaben.
Wir haben nichts voneinander zu befürchten – sondern können nur voneinander lernen. Und es ist richtig, wenn ich sage: Ihre Kinder auch unsere Kinder in unserer gemeinsamen Gesellschaft.
Die Realität ist: viele Kinder wachsen auf, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, oder gar zu sprechen. Die Fähigkeit Deutsch zu sprechen, ist gewiss keine hinreichende, aber eine notwendige Bedingung der Integration. Deutsch sprechen ist nicht alles, aber ohne die deutsche Sprache ist alles nichts.
Dabei ist die Muttersprache kein verschenktes Gut. Aber damit junge Berliner aus anderen Kulturen eine Chance auf schulischen und beruflichen Erfolg haben, müssen wir sie in Deutsch fördern und fordern. Unser Konzept heißt "Integration durch Bildung". Daran arbeiten wir seit vielen Jahren. Das ist eine riesige Herausforderung für die Bildungspolitik und eine lohnende Investition unserer Gesellschaft.
Die Türkische Gemeinde ist jetzt schon unser zentraler Partner für den Integrationsprozess. Wir wollen unsere Zusammenarbeit mit Verbänden und Migrantenorganisationen erweitern. Wir wollen mit Ihnen die Eltern unter den türkisch-stämmigen Deutschen und den Türken in Deutschland mobilisieren und für Bildung- und Erziehungsfragen gewinnen.
Es ist wahr: Viele Kinder nichtdeutscher Herkunft leben in bildungsfernen Familien und haben damit vergleichbare Probleme wie Kinder aus bildungsfernen deutschen Familien. Gerade weil die Effekte kumulieren - eine andere Kultur, eine andere Religion, soziale Probleme, Bildungsferne und eine andere Sprache - ist die Integration eine so große Herausforderung.
Wir wollen, dass sich jeder die Werte unserer Verfassung zu eigen macht: die Grund- und Menschenrechte aus dem Grundgesetz. Dazu braucht Niemand seine Religion, Kultur, Identität oder Lebensweise aufzugeben. Wir wollen keinen Einheitsbrei und keine Uniformitätssoße. Wir wollen die Vielfalt. In Berlin gilt – und das seit Friedrich II.: Jeder kann nach seiner Facon selig werden.
Willy Brandt hat in seiner ersten Regierungserklärung gesagt: "Die Schule der Nation ist die Schule". Ich sage: "Die Schule der Einwanderungsnation Deutschland - ist die Schule!"
Sonntagsreden gibt es genug. Integration ist harte Arbeit im Alltag. Wir brauchen mehr konkrete Projekte. Wir wollen mit Ihnen die gemeinsame Arbeit fortsetzen."
(Es gilt das gesprochene Wort!)
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