Lernen mit Fingerspitzengefühl: Schulbücher für Blinde

Mit welchen Schulbüchern arbeiten eigentlich blinde Schülerinnen und Schüler? Woher bekommen sie ihre Bücher? Wie entstehen diese Schulbücher? Wie wird damit unterrichtet?

04.10.2005 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Lernen ohne Hindernisse

In jedem Schuljahr benötigen blinde und sehbehinderte Kinder vor allem in integrierten Klassen bestimmte Lehrwerke in blindengerechter Form oder Braille-Schrift (Blindenpunktschrift). Eine Lizenzvereinbarung der Kultusministerien mit dem VdS Bildungsmedien sorgt dafür, dass Schulbücher schnell und unkompliziert in Braille übertragen werden können. Die Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg koordiniert die Anfragen von Schulen und Medienzentren und ist Verbindungsstelle zu den Schulbuchverlagen: Die benötigten Schulbücher werden in elektronischer Form übermittelt. Damit entfällt das Scannen der Schwarzschrift-Vorlagen, das oft zu fehlerhaften Ergebnissen geführt hat.

Wie funktioniert Unterricht mit einem Braille-Schulbuch?

Uwe Dettner lehrt Englisch an der Johann-August-Zeune-Schule in Berlin-Steglitz, Deutschlands ältester Blindenschule. Die Schülerinnen seiner Berufsschulklasse sind stark sehbehindert oder vollständig blind. Sie arbeiten mit dem Englisch-Lehrwerk Work with English von Cornelsen - in Blindenschrift. Auf den ersten Blick eine normale Unterrichtssituation: Eine klassische Tafel und Pulte. Hausaufgaben werden eingesammelt, auf einem Blatt fehlt ein Name. "Schreib den noch dazu.", meint Dettner und gibt das Blatt zurück. Die junge Frau spannt das Blatt in ihren "Perkins Brailler", eine manuelle Blindenschreibmaschine, prägt ihren Namen in Punktschrift ein und fährt zur Überprüfung mit den Fingerspitzen noch einmal über das Papier. Bevor Dettner einen Lehrbuch-Dialog auf dem Kassettenrekorder vorspielt, werden die wichtigsten Vokabeln geklärt. Er notiert sie an der Tafel, lässt die Schülerinnen die vermutete Schreibweise buchstabieren. "Was ich an die Tafel schreibe, könnten die Sehbehinderten auch nur lesen, wenn sie unmittelbar davor stehen.", erklärt Dettner. "Es hilft mir aber den Unterricht zu strukturieren und gibt auch den Schülern mehr Zeit, etwas mitzuschreiben." Mit den Augen dicht über dem Blatt werden Notizen gemacht oder mit erheblichem Lautstärkepegel auf den Braillern getippt. Aus dem Buch wird ein Dialog mit verteilten Rollen gelesen. Die Sehbehinderten können noch - dicht über das Blatt gebeugt - unsere so genannte "Schwarzschrift" erkennen. Für sie sind entsprechende Seiten des Englischbuches auf DIN A3 hochgezogen. Die blinden Schülerinnen fahren mit den Fingern kaum merklich über die erhabenen Punkte im Papier und entziffern den Text. Eine Hand liest, die andere fühlt die nächste Zeile vor. Für Sehende sieht die Stunde irgendwie doch ganz normal aus. Wie anders sie dennoch ist, merkt man erst, wenn man kurz die Augen schließt und nur hört.

Wie entsteht ein Braille-Buch?

Für die Übertragung eines Schwarzschrift-Buches in Braille liefern die Verlage Dateien, die durch ein Braille-Übersetzungsprogramm geschickt werden. Das Ergebnis wird nach aufwändiger Korrektur über einen Braille-Drucker auf Endlospapier ausgedruckt, zugeschnitten und zum Buch gebunden. Braille-Bücher haben in der Regel dreimal mehr Seiten als Schwarzschriftbücher. Jede Übertragung wird in Friedberg noch einmal sorgfältig von Blinden, Sehbehinderten und Sehenden Korrektur gelesen. Eine Schulbuchseite besteht jedoch nicht nur aus reinem Text. Gerade im integrierten Unterricht ist es für die blinden Schüler/innen wichtig zu wissen, was die Mitschüler/innen sehen. Deshalb werden Bilder beschrieben, Tabellen übertragen sowie Diagramme tastbar gemacht. Ein Schulbuch wird sozusagen im wörtlichen Sinne für die Hand des Schülers umgesetzt. Landkarten etwa, die ja viele Informationen auf einem Blatt konzentrieren, werden für Blinde in mehrere einzelne taktile Karten nach inhaltlichen Schwerpunkten aufgesplittet. Es gibt auch die Möglichkeit, das umgewandelte Buch als Datei zu bekommen, so dass es über einen Computer mit Braille-Zeile zu lesen ist. Die Mitarbeiterinnen der Johann-Peter-Schäfer Schule bekommen jährlich bundesweit rund 400 Anfragen. Der Cornelsen Verlag ist mit rund 90 Aufträgen dabei, darunter Titel wie English G 2000, Entdecken und Verstehen, Biologie 1. Auch Klett und Westermann/ Schroedel sind vertreten.

Brailleschrift

Die von Louis Braille (1809-1852) konzipierte, bis heute noch gültige und weltweit verbreitete Blindenschrift wird auch Punktschrift oder Braille-Schrift genannt: Sie besteht aus höchstens 6 erhabenen Punkten, die 63 Punktkombinationen zulassen. Mit ihr lassen sich Buchstaben, Zahlen, Satzzeichen, mathematische Zeichen oder Noten darstellen. Ebenso bietet sie Möglichkeiten zur Stenografie, indem in der Kurzschrift einzelne Zeichen für Silben bzw. ganze Wörter stehen können. Das geniale System ist sogar für das Computerzeitalter geeignet. Computer für Blinde verfügen über eine so genannte Braillezeile. Das sind Computerausgabegeräte, die an den Rechner angeschlossen werden. Die Schrift wird durch elektronisch gesteuerte kleine Stifte dargestellt. Moderne Braillezeilen haben im Gegensatz zur Papierform Zeichenelemente mit 8 Punkten. Somit kann der ASCII-Zeichensatz ohne Einschränkungen dargestellt werden.

Ansprechpartner

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Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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