Überschuldung: Betroffenen helfen, finanzielle Allgemeinbildung verbessern

Im Jahr 2002 waren 3,1 Millionen Haushalte in Deutschland überschuldet, das entspricht 8,1 Prozent aller Haushalte. Damit setzte sich der steigende Trend der letzten Jahre weiter fort: Gab es im Jahr 1994 zwei Millionen überschuldeter Haushalte, waren es 1999 2,7 Millionen. Diese neuen Zahlen zur Überschuldung legten die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, und die Bundesministerin der Justiz, Brigitte Zypries heute in Berlin vor.

18.10.2004 Pressemeldung Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Zahlen wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von der GP-Forschungsgruppe München unter Leitung von Dr. Dieter Korczak für das Jahr 2002 ermittelt. Für die Untersuchungen der GP-Forschungsgruppe München wurden Daten der Schufa (z. B. zur Zahl der eidesstattlichen Versicherungen), der Wohnungswirtschaft (z. B. Daten zu Mietschulden) und andere analysiert. Mit Blick auf die ansteigenden Zahlen der Überschuldung forderte Bundesministerin Renate Schmidt eine bessere finanzielle Allgemeinbildung sowie ein ausreichendes Angebot an Schuldnerberatungsstellen. Bundesministerin Brigitte Zypries hob die Möglichkeit hervor, ein Privatinsolvenzverfahren einzuleiten und verwies auf einen Gesetzesentwurf, mit dem ein verbesserter Pfändungsschutz für Girokonten erreicht werden soll.

''3,1 Millionen überschuldete Haushalte in Deutschland ist eine Zahl, die wir sehr ernst nehmen müssen'', so die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt. ''Überschuldung hat für die Betroffenen bittere Folgen, vor allem wenn sie Kinder haben. Überschuldete und ihre Familien dürfen nicht auf ewig in der Schuldenfalle stecken bleiben, sie brauchen einen Weg zurück ins normale Leben. Am besten ist es, wenn es gar nicht erst zu Überschuldung kommt; deshalb ist Aufklärung und Beratung so wichtig. Hier müssen die Bundesländer ihrer Verantwortung nachkommen und weiterhin Schuldnerberatung finanzieren. Vor allem aber muss die finanzielle Allgemeinbildung zu einem selbstverständlichen Teil im Schulunterricht werden: Schon die Kinder müssen lernen, mit Geld umzugehen - wenn das zu Hause nicht geht, müssen sie die Chance haben, es in der Schule zu lernen. Nur wer weiß, was er sich leisten kann und was nicht, kann mit seinem Geld richtig haushalten.''

''Ist die Überschuldung erkannt, muss auch der Staat helfen, dass die Betroffenen wieder aus der Schuldenfalle kommen. Deshalb haben wir einen Gesetzentwurf erarbeitet, mit dem wir Menschen davor bewahren wollen, durch hohe Schulden immer tiefer in Schwierigkeiten zu geraten. Uns ist wichtig, dass sie weiter am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilnehmen können - also Miete, Strom und Wasser nicht bar zahlen müssen, sondern dass sie über das Girokonto überweisen zu können. Deshalb sieht der Gesetzentwurf vor, dass auf Lohn- und Gehaltskonten künftig ein monatlicher Sockelbetrag von 930 Euro vor einer Pfändung geschützt ist. So sollen so genannte Kahlpfändungen vermieden werden, die dazu führen können, dass Banken ihren Kunden das Girokonto kündigen oder verweigern'', ergänzte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries.

Ein Weg aus der Überschuldung ist die 1999 eingeführte Möglichkeit der Privatinsolvenz. Private Haushalte können so - ähnlich wie in der Wirtschaft - Privatinsolvenz anmelden und sind dann nach sechs Jahren schuldenfrei. Im Jahr 2003 haben 32.131 Haushalte von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Für dieses Jahr zeichnet sich eine Steigerung von mindestens 25 Prozent ab.

Als überschuldet gilt, wer trotz dauerhafter Reduzierung des Lebensstandards - bis hin zur Pfändungsfreigrenze - nicht ausreichend Geld hat, um seine Schulden fristgerecht zu tilgen. Der Anteil der überschuldeten Haushalte liegt in den neuen Bundesländern bei 11,3 Prozent, in den alten Bundesländern bei 7,2 Prozent. Die Studie hat auch gezeigt, dass Betroffene überdurchschnittlich häufig in den unteren Einkommensbereichen zu finden sind, dass es ein Phänomen des mittleren Lebensalters ist und dass die Betroffenen eher geringe Bildungs- und Berufsabschlüsse sowie mangelnde finanzielle Allgemeinbildung mitbringen.

Überschuldung hat meist nicht einen, sondern viele Gründe

Überschuldung hat meist nicht nur einen Grund: Fast immer kommen mehrer Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Niedrigeinkommen, Trennung oder Scheidung, Krankheit, gescheiterte Selbständigkeit, mangelnde finanzielle Allgemeinbildung, unwirtschaftliche Haushaltsführung oder auch unangemessene Angebote der Kreditwirtschaft zusammen.

Als Hauptursache für Überschuldung gilt Arbeitslosigkeit - vor allem in den neuen Bundesländern. Bei den Betroffenen, die eine Schuldnerberatung aufsuchten, war in 46 Prozent der Fälle die Arbeitslosigkeit einer der Auslöser für die Überschuldung, in Westdeutschland bei 23 Prozent. Während in Ostdeutschland neben der Arbeitslosigkeit niedrige Einkommen (29 Prozent) und überhöhter Konsum (25 Prozent) als Gründe für die Überschuldung genannt werden, spielen in Westdeutschland vor allem Trennung und Scheidung (23 Prozent) und gescheiterte Selbständigkeit (20 Prozent) eine wichtige Rolle.

Bei den Betroffenen, die die Schuldnerberatung in Anspruch genommen haben, zeigten sich auch deutliche Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern in Bezug auf die Haushaltsgröße: Während im Westen Haushalte mit drei und mehr Personen überproportional häufig Klienten der Schuldnerberatung waren, führte im Osten jeder zweite Klient bzw. Klientin einen Ein-Personen-Haushalt. Unterschiede haben sich auch in Hinsicht auf das Einkommen gezeigt: In Westdeutschland war bei 47 Prozent der Klientinnen und Klienten ein eigenes Erwerbseinkommen die Haupteinkommensquelle, während in Ostdeutschland bei 43 Prozent Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosenhilfe die Haupteinkommensquelle war.

Überschuldete haben fast immer mehrere Gläubiger, in der Hauptsache Kreditinstitute (70 Prozent), der Versandhandel (42 Prozent), Behörden (42 Prozent) und die Telefongesellschaften (27 Prozent). Im Osten spiegeln die Mietschulden mit 32 Prozent eine deutliche größere Rolle als im Westen mit 18 Prozent. Deutlich wurden auch Unterschiede bei der Schuldenhöhe, in den ostdeutschen Bundesländern sind die Schulden niedriger: 52 Prozent der Schuldner hatten unter 10.000 Euro Schulden, im Westen waren das nur 22 Prozent. Schulden über 50.000 Euro hatten im Osten 15 Prozent und im Westen 25 Prozent.

Schuldnerberatung ist wichtige Hilfe

Eine Schlüsselrolle bei der Hilfe für Überschuldete nimmt die Schuldner- und Insolvenzberatung ein. Allerdings fanden im Jahr 2002 nur rund 12 Prozent der Überschuldeten Zugang zu einer Schuldnerberatung. Im Jahr 1999 waren es noch 14 Prozent. Der notwendige Ausbau der Schuldnerberatung hat nicht Schritt gehalten mit der Überschuldungsentwicklung. Die Schuldner- und Insolvenzberatung wird von den Kommunen bzw. den Bundesländern finanziert, einige Länder haben ihre Mittel in diesem Bereich allerdings zurückgefahren oder sogar ganz gestrichen, wie z. B. Hessen oder Bayern.

Es hat sich gezeigt, dass sich die Lebens- und Arbeitssituation von überschuldeten Menschen ohne Intervention und Beratung weiter verschlechtert: Der Arbeitsplatz gerät in Gefahr - insbesondere durch Lohnpfändung, die Arbeitsplatzsuche wird erschwert und der Verlust des Girokontos verhindert die bargeldlosen Zahlungen. Außerdem drohen Wohnungslosigkeit, psychische, soziale und gesundheitliche Beeinträchtigungen sowie die Belastung der Familienmitglieder, insbesondere der Kinder.

Eine Schuldnerberatung in Wohnortnähe kann auch unter der Telefonnummer 0180/5 329 329 (0,12 Euro pro Anruf, Mo.-Fr. von 7.00 - 20.00 Uhr) oder unter www.forum-schuldnerberatung.de abgefragt werden. Neben Aufklärungsmaterialien zur Überschuldung wird das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ab November 2004 auch gemeinsam mit dem Netzwerk Schuldenprävention eine kostenlose Arbeitshilfe für Lehrerinnen und Lehrer über das Internet zur Verfügung stellen (www.unterrichtshilfe-finanzkompetenz.de).

Links:

Weitere Informationen
Was mache ich mit meinen Schulden?

Anlagen:

[PDF] [Informationen zur Überschuldung](http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Pressestelle/Pdf-Anlagen/ueberschuldung,property=pdf.pdf) (42 kB)


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