Universitäten im Umbruch: Hochschulbildung nach Corona

Der Universitätsalltag zu Zeiten der Coronakrise war geprägt von beschleunigter Digitalisierung und neuen Lehrformaten. Nun ist es notwendig, die in der Krise gewonnenen Erkenntnisse auszuwerten und für die zukünftige Hochschullehre zu nutzen.

03.11.2021 Bundesweit Pressemeldung ACAD WRITE
  • © Miguel Henriques / Unsplash.com

von Merle-Sophie Lösing von ACAD WRITE

Bereits im Juli 2020 forderten Elisabeth Heinemann und Janine Funke in ihrem Zeit-Gastbeitrag „Schluss mit dem betreuten Vorlesen!“, dass es kein „einfaches Zurück“ zur klassischen Hochschullehre geben dürfe1.  Stattdessen müssten die Hochschulen der Zukunft überzeugende Antworten für eine individuellere Lebensgestaltung der Studierenden liefern und die Vermittlung digitaler Souveränität stärker berücksichtigen. Während sich im Juni desselben Jahres in einem offenen Brief2 4.000 Lehrende und Studierende für eine möglichst zügige Rückkehr zur Präsenzlehre ausgesprochen hatten, forderten die Autorinnen eine Mischung aus digitaler Lehre und Präsenzangeboten. Für eine zukunftsfähige Hochschulbildung seien Digitalisierung und innovative Konzepte unabdingbar. Ähnliche Forderungen beinhaltete das im Oktober 2020 veröffentlichte „Hagener Manifest zum New Learning“3 . Das Positionspapier formuliert zwölf Thesen zur Veränderung des Lernens im Zeitalter des digitalen Wandels. Nicht nur mache die Entwicklung hin zu „New Work“ lebenslanges Lernen unabdingbar, auch Chancengerechtigkeit und die Individualität und Selbstbestimmtheit der Lernenden müssten stärker berücksichtigt werden. Weitere Schwerpunkte des Manifests, das bis dato von 1272 Personen unterzeichnet wurde, sind die Förderung vernetzten Lernens, eine Neudefinition der Rollen der Lernenden und Lehrenden, die Stärkung von Medienkompetenz und Data Literacy, die Sicherstellung von Datensicherheit sowie eine stärkere Zusammenarbeit unterschiedlicher Bildungsinstitutionen. Für die Ausgestaltung des „New Learnings“ sind nach Meinung der Unterzeichnenden zudem eine gemeinschaftliche Bildungspolitik von Bund, Ländern und Kommunen sowie eine angemessene gesellschaftliche Debatte und finanzielle Förderung notwendig.

Den oben genannten Veröffentlichungen ist gemein, dass sie die Krise auch als Chance verstehen möchten, längst überfällige Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung auf den Weg zu bringen. Der durch die Pandemie ausgelöste Anpassungs- und Veränderungsdruck wird in diesem Kontext als etwas Positives verstanden.

Fakt ist, dass Digitalisierungs- und Lehrstrategien in der Hochschullehre lange nicht so konsequent weitergedacht wurden wie etwa Internationalisierungs- und Forschungsstrategien4.  Obwohl – so zeigt es eine Untersuchung der CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung GmbH – der Lehrbetrieb auch während der Coronazeit weitestgehend aufrechterhalten werden konnte und ein Großteil der Studierenden die Umsetzung sogar als sehr gut bis gut bewertete, wurden im Kontext der Krise auch zahlreiche frühere Versäumnisse sichtbar. Gerade im Bereich des digitalen Zugangs zu studienrelevanter Infrastruktur und Bibliotheken zeigten sich etwa immer wieder Probleme. Mangelnde Digitalkompetenzen der Lehrenden und Lernenden, unzureichende Vernetzungsangebote für die Studierenden sowie fächerspezifische Schwierigkeiten (z. B. Wegfall von Laborpraktika etc.) fielen ebenfalls negativ auf.

Trotzdem wurde in der Coronazeit vor allem auch deutlich, wie gut digitale Lernangebote funktionieren können und welche Chancen sie für eine zukunftsorientierte, transparente und inklusive Hochschullehre bieten können. Gerade vor dem Hintergrund einer immer diverser werdenden Studierendenschaft, immer größeren Studierendenzahlen und verschiedenster Studienmodelle5 können die Vorteile von Angeboten jenseits der klassischen Präsenzlehre nicht einfach ignoriert werden, sondern müssen zwingend in die zukünftige Lehrentwicklung einfließen. Folglich spricht sich – in Übereinstimmung mit den Zeit-Gastautorinnen und den Unterzeichnenden des Hagener Manifests – in einer vom CHE durchgeführten Befragung von Studierenden und Lehrpersonen auch ein Großteil der Befragten dafür aus, die neuen Lehrformate nach dem Ende der Coronazeit beizubehalten.

Hiermit ist jedoch keinesfalls das Ende der Präsenzlehre eingeläutet. Vielmehr präferieren die meisten der Befragten eine Ergänzung der klassischen Lehre durch digitale Zusatzangebote (36 %) oder ein Modell des Blended Learning (39 %), indem digitale und analoge Angebote miteinander verwoben werden. Die unbestrittenen Vorteile der Präsenzlehre wie sozialer Austausch, bessere Diskussionsmöglichkeiten, die Möglichkeit zu Praktika etc. bleiben bei diesen Lehrkonzepten geschätzt und erhalten. Ergänzt werden sie durch die positiven Aspekte des digitalen Lernens, zu denen Wiederholbarkeit, optimierte zeitliche Flexibilität, Möglichkeiten des interdisziplinären Austauschs und eine bessere Vereinbarkeit mit Berufs- und Familienleben gehören. Auch eine Entzerrung von Präsenzveranstaltungen und damit eine bessere Betreuung durch die Lehrenden werden möglich. In den Fokus rücken dabei zudem eine gesteigerte Eigenverantwortung der Lernenden in Bezug auf Lerntempo und -inhalte sowie die stärkere Vermittlung von Kompetenzen, die auf das Arbeiten und lebenslange Lernen in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vorbereiten. Diese Entwicklungen bedingen im Hochschulsystem eine immer stärkere Diversifizierung, die den Zuschnitt des Studiums auf individuelle Lern- und Lebenswege ermöglicht.

Um die Lehren aus der Coronazeit bestmöglich umzusetzen, ist es jedoch notwendig, nicht bei passabel funktionierenden Notlösungen stehenzubleiben, sondern die digitalen Lernstrategien und -angebote kontinuierlich zu verbessern. Auch für den Umgang mit Cyberkriminalität und sensiblen Daten müssen in diesem Zusammenhang Lösungen gefunden werden. Mediendidaktische Unterstützungsangebote für Lehrende, Investitionen in Ausstattung und Softwarelizenzen und evtl. sinnvolle Kooperationen mit Start-ups und Unternehmen können weitere wichtige Schritte darstellen.


1Heinemann, Elisabeth; Funke, Janine (2020): Schluss mit dem betreuten Vorlesen! Digitalisierung der Hochschullehre. Gastbeitrag. Hg. v. ZEIT (32). Online verfügbar hier, aufgerufen am 15.10.2020.
2Zur Verteidigung der Präsenzlehre. Offener Brief (2020). Online verfügbar hier, aufgerufen am 15.10.2021.
3FernUniversität in Hagen (Hg.) (2020): Lernen neu denken. Das Hagener Manifest zu New Learning. Online verfügbar hier, aufgerufen am 15.10.2020.
4Berghoff, Sonja et. al. (2021): Studium und Lehre in Zeiten der Corona-Pandemie. Online verfügbar hier, aufgerufen am 15.10.2021, S. 32.
5Ziegele, Frank; Neubert, Phillip, Mordhorst, Lisa (2019): Die Hochschule der Zukunft – Ein Fels in der Brandung, in ADH 2/2019. Online verfügbar unter: hier + hier, aufgerufen am 15.10.2021, S. 20 f.

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