Vorsicht, Falle!

"Der VBE wird nicht tatenlos dabei zusehen, dass Grundschullehrerinnen und –lehrer künftig für die Fehler des gegliederten Schulsystems verantwortlich gemacht und in die Pflicht genommen werden", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). "Dass bereits vor der Einführung der verbindlichen Grundschulgutachten die Diskussion in die Richtung geht, künftig die Verantwortung für die Schullaufbahn eines Kindes allein den Grundschullehrerinnen und –lehrern übertragen zu wollen, beobachtet der VBE sehr genau. Dagegen werden wir uns konsequent zu wehren wissen."

09.03.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

Grundschullehrerinnen und –lehrer können in ihren Gutachten nicht voraussehen, wie ein Kind in der weiterführenden Schule integriert und gefördert wird. Sie können auch nicht voraussehen, welche Entwicklungsschübe ein Kind zu einem späteren Zeitpunkt noch machen wird. Sie sind vor allem nicht für die rigide Auslesepraxis in einem Schulsystem verantwortlich, in dem jedes Jahr Tausende von Kindern in den jeweils niedrigeren Bildungsgang abgeschoben werden. Die IGLU- Studie belegt, dass Grundschullehrerinnen und –lehrer gute Arbeit leisten und viele Probleme, die dann PISA attestiert hat, offensichtlich erst in der Sekundarstufe I auftauchen.

"Grundschullehrerinnen und –lehrer bedenken bei ihren Empfehlungen auch immer mit, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt", so Beckmann weiter. "Das tun sie auch, weil sie wissen, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten in den weiterführenden Schulen häufig nicht die Unterstützung bekommen, die sie bräuchten, um die von zu Hause mitgebrachten Defizite kompensieren zu können. Letzteres zu leisten, ist aber auch Aufgabe eines sozial gerechten Schulsystems."

Da das traditionelle gegliederte Schulsystem mehr auf Auslese als auf Förderung basiert und die nordrhein- westfälische Bildungspolitik an dem irrigen Glauben festhält, Kinder im Alter von neun Jahren "begabungsgerecht" verteilen zu müssen, wird es auch künftig in den weiterführenden Schulen viele so genannte Versager geben. Der Fehler steckt aber im System und darf auch künftig nicht den Grundschullehrerinnen und –lehrern angelastet werden. Auch in den weiterführenden Schulen ist sowohl mehr Diagnosefähigkeit als auch eine größere Fähigkeit zum Umgang mit heterogenen Lerngruppen unverzichtbar.

"Versuche, die Professionalität und Kompetenz von Grundschullehrerinnen und –lehrern auf deren Fähigkeit zur Abgabe von Schullaufbahnprognosen zu reduzieren, nimmt der VBE nicht hin", so Beckmann abschließend." Es kann nicht angehen, dass ihnen künftig vorgeworfen wird, doch offensichtlich die falsche Empfehlung ausgesprochen zu haben, wenn ein Kind in einer weiterführenden Schule nicht ausreichend gefördert wird. Wir lassen nicht zu, dass Grundschullehrer in eine Falle tappen, die andere aufgestellt haben, um ein überkommenes System erhalten zu können."

Link:

VBE-Stellungnahme zur Anhörung im Landtag am 08.03.06


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