"Brockhaus ohne Enzyklopädie ist schwer vorstellbar"
29.09.2005 Artikel
Die neue Brockhaus Enzyklopädie ist das aufwendigste Buchprojekt im deutschsprachigen Raum. Warum bringen Sie noch einmal eine Enzyklopädie in Buchform?
Dr. Alexander Bob: Zum 200-jährigen Verlagsjubiläum von Brockhaus ist die Herausgabe der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie als Buch auch eine Hommage an das Medium. Durch die hochwertige Ausstattung in Kombination mit meisterlicher buchbinderischer Verarbeitung ist die Enzyklopädie damit eine Freude für alle bibliophilen Menschen. Die perfekte Typografie und Grafik ermöglichen zudem ermüdungsfreies Lesen. Die Möglichkeit, eine Frage, die sich beispielsweise beim Abendessen ergibt, durch den Gang zum Regal schwarz auf weiß zu klären, ist ein Vorteil, den die gedruckte Ausgabe besitzt.
Aber das Buch hat noch weitere, für mich entscheidende Vorteile gegenüber anderen Medien. Es hat diese wunderbare Sinnlichkeit und Haptizität, die dem Benutzer nicht nur die Fakten nahe bringt, sondern auch ein emotionales Element darstellt. Ohne Hochfahren eines Computers und die umständliche Suche im Internet ist durch einfaches Nachschlagen Wissen sofort dort greifbar, wo Fragen auftauchen, in der Familie, im Wohnzimmer, im Esszimmer. Nicht zuletzt ist das Buch auch eines der langlebigsten Medien überhaupt. Im Bereich der neuen Medien geht der Wechsel viel schneller vonstatten: Die CD-ROM löste die Diskette ab, die DVD verdrängt nach und nach die CD-ROM. Ein Buch hat bleibenden Wert. Dass wir die ebenfalls vorhandenen Vorteile der digitalen Medien nicht negieren, sondern für unsere Kunden nutzen, zeigen wir durch die Ausstattung der Enzyklopädie mit der Brockhaus Enzyklopädie Audiothek und dem Onlineportal. Dies sind innovative Ausstattungsmerkmale, die es bisher noch nicht gab und die diese Auflage zu etwas ganz Besonderem machen.
Rund 2 500 Euro kostet eine Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Wie rechtfertigen Sie diesen Preis?
Dr. Alexander Bob: Die Brockhaus Enzyklopädie stellt eine Investition in die Bildung dar. Gemessen an den rund 200 000 Redaktionsstunden, die für die Erarbeitung der 21. Auflage notwendig waren, und der prächtigen Ausstattung ist dieser Preis angemessen. Viele kulturell interessierte Menschen werden sich dieses Jahr zwischen der Brockhaus Enzyklopädie und kurzlebigeren Konsumgütern wie einem Flachbildfernseher, einer Digitalkamera oder einer Auslandsreise entscheiden. An der Brockhaus Enzyklopädie, da bin ich mir sicher, werden sie am längsten Freude haben. Wir haben den Umfang der 21. Auflage unserer Enzyklopädie gegenüber der Vorgängerauflage von 24 auf 30 Bände erweitert, wir bieten jetzt 24 500 Seiten statt 17 500, das entspricht einem Zuwachs von rund 40 Prozent. Und wir bieten mit der Audiothek und dem Onlineportal neue Dimensionen des Wissenszugangs. Der komplette Bildbestand ist ausgetauscht und erweitert worden. Trotz dieses erheblichen Zuwachses bleibt es beim Preis des 24-bändigen Brockhaus. Diese Preisgestaltung ist möglich, weil wir den technischen Fortschritt bei der Realisierung der Enzyklopädie genutzt haben und den sich daraus ergebenden Vorteil an unsere Leser weitergeben.
Warum überhaupt Geld bezahlen, wenn es im Internet kostenlose Informationen gibt?
Dr. Alexander Bob: Alle Käufer der Brockhaus Enzyklopädie, egal ob es sich um die gedruckte Ausgabe oder die digitale Version in Form des USB-Sticks handelt, haben die kostenlose Nutzung des Onlineportals www.brockhaus-enzyklopaedie.de bis 2010 inklusive. Für diese glücklichen Besitzer gibt es die Möglichkeit, auch in der digitalen Welt auf zuverlässige Informationen zuzugreifen und sich nicht auf die zum Teil unbekannten Quellen des Internets verlassen zu müssen.
Zudem bedienen sich Brockhaus-Nutzer, die von Natur aus neugierige und wissbegierige Menschen sind, unterschiedlicher Medien, je nach Situation. Das haben uns auch Marktforschungen bestätigt. Wer sich auf Informationen verlassen möchte, weil er beispielsweise eine Seminararbeit oder einen Artikel verfasst, wird eher zum Brockhaus greifen oder unsere Onlineangebote nutzen. Denn unsere 70- köpfige Redaktion und über 1 000 wissenschaftliche Autoren sorgen dafür, dass alles, was im Brockhaus steht, als geprüftes und objektives Wissen gelten kann. Mehrere verschiedene Quellen werden für einen Sachverhalt konsultiert, überhaupt wird nur aufgenommen, was als gesicherte Erkenntnis gelten kann. Bei vielen kostenlosen Angeboten im Internet dagegen gibt es keine konkreten Maßstäbe für Qualitätssicherung, hier ist alles flüchtig, kann alles korrigiert und wieder zurückkorrigiert werden. Deshalb sind solche Quellen auch nicht zitierfähig und werden von zahlreichen Universitäten nicht für wissenschaftliche Arbeiten anerkannt.
Wie hoch sind die Investitionen des Verlags in das Projekt?
Dr. Alexander Bob: Mit dem Erscheinen des 30. Bandes der Enzyklopädie im Herbst 2006 werden wir in das Projekt rund 20 Millionen Euro, davon ca. 5 Millionen Euro für das Marketing, investiert haben. Anders als bei den Vorgängerauflagen müssen wir diesen Betrag praktisch auf einen Schlag zur Verfügung stellen, weil wir durch den schnellen Erscheinungsrhythmus nicht mit den Erlösen aus bereits verkauften Bänden die folgenden Bände finanzieren können. Der Verlag und seine Gremien sind aber überzeugt, dass wir uns für eine Investition entschieden haben, die die Kunden auch honorieren.
Gibt es im Ausland vergleichbare Projekte?
Dr. Alexander Bob: Die Encyclopedia Britannica ist 2002 nach mehreren Jahren, in denen sie nur noch übers Internet angeboten wurde, wieder gedruckt erschienen und umfasst 32 Bände. Auch dem französischsprachigen Buchmarkt steht mit der Encyclopédie Universalis seit 2002 ein modernes Werk mit 28 Bänden zur Verfügung. Besonders erfreut waren wir über die erfolgreiche Lexikonedition des norwegischen Verlags Kunnskapsforlaget Anfang 2005, die bereits nach wenigen Monaten vergriffen war. Auch im spanischen und italienischen Sprachraum werden vielbändige Lexika erwartet. Das bedeutet also, dass gedruckte mehrbändige Lexika und Enzyklopädien auch international wieder nachgefragt werden.
Was bedeutet die Brockhaus Enzyklopädie für den Verlag?
Dr. Alexander Bob: Die Neuauflage der Enzyklopädie ist auch die Fortsetzung der Verlagstradition. Mit ihr hat alles begonnen und sie hat den Verlag über 200 Jahre geprägt. Die Enzyklopädie hat insofern Leuchtturmcharakter, als sie identitätsstiftend für den Verlag und konstituierend für die Tradition und die Werte der Marke Brockhaus ist. Brockhaus ohne Enzyklopädie ist schwer vorstellbar.
Jede Auflage erforderte vom Verlag mit allen seinen Mitarbeitern eine maximale Anstrengung, um einmal pro Generation dieses jede Routine sprengende Projekt erfolgreich umzusetzen.
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