Das deutsche Halbtagsmodell - Ein Sonderweg in Europa?
(bikl/idw) Ganztägige Betreuung und Bildung in Grund- und Vorschulen sind in fast allen europäischen Wohlfahrtsstaaten der Normalfall. Im Vergleich zu Ländern wie Dänemark, Frankreich und Schweden ist in der Bundesrepublik das ganztägige Angebot für Vor- und Grundschulkinder außerordentlich gering. Nicht mehr als 5 Prozent aller Kinder im Grundschulalter besuchen derzeit eine Ganztagsschule und nur weitere 5 Prozent haben einen Hortplatz. Damit stellt sich das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Bundesrepublik in besonderem Maße.
28.03.2006 ArtikelWie und warum sich der bundesdeutsche Weg zum Halbtagsmodell in der öffentlichen Bildung von der Entwicklung anderer europäischer Länder unterscheidet, ist Gegenstand des internationalen und interdisziplinären Workshops "Welfare State Regimes, Public Education and Child Care - Theoretical Concepts for a Comparison of East and West".
Der Workshop ist die erste von zwei Veranstaltungen im Rahmen eines internationalen und interdisziplinären Forschungsprojektes zum Thema "Das deutsche Halbtagsmodell: Ein Sonderweg in Europa? Eine Analyse der Zeitpolitiken öffentlicher Bildung im Ost-West-Vergleich (1945 - 2000)".
Karriereblocker bei Frauen: „Familienpflichten“
Vor allem Frauen, die im Alltag nach wie vor überwiegend für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder zuständig sind, haben erhebliche Probleme, ihre berufliche Karriere mit den Familienpflichten zu vereinbaren. Eine Konsequenz ist der dramatische Rückgang der Geburtenzahlen, der in der Bundesrepublik stärker ausgeprägt ist als in den meisten anderen Ländern Europas, vor allem bei Frauen mit einer akademischen Ausbildung.
Erfolgsblocker bei Schülern: Halbtagsunterricht
Da diese Entwicklung weitreiche Konsequenzen für die Zukunft des Sozialstaates hat, wird das bundesdeutsche Halbtagssystem in den sozialpolitischen Debatten zunehmend in Frage gestellt. Doch auch in den bildungspolitischen Diskussionen wird es immer häufiger kritisiert. Da deutsche Schulkinder in den internationalen Vergleichsstudien des Program for International Student Assessment (PISA) im Durchschnitt deutlich schlechter abschnitten als Kinder vergleichbarer Industriestaaten, wird als eine strukturelle Lösung neben einer obligatorischen Vorschulerziehung die Einführung des ganztägigen Schulsystems diskutiert.
Mittlerweile sprechen sich alle Parteien für einen Ausbau des Ganztagsangebots aus. Einer flächendeckenden Realisierung steht aber bislang nicht nur das finanzielle Argument, sondern auch die ausgeprägte Tradition der (west-)deutschen Halbtagsschule selbst entgegen. Aktuelle Reformansätze treffen hierzulande auf erhebliche kulturelle und politische Blockaden, die eine lange Geschichte haben.
Der Workshop wird von der Volkswagen-Stiftung gefördert. Die Tagungssprache ist Englisch. Ein vollständiges Programm gibt es im Internet unter www.time-politics.com.
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