Ein Brückenbauer mit Farben und Worten

(Eigenbericht) Am 25. Juni 1929 wird Eric Carle in Syracuse (USA) als Kind deutscher Einwanderer geboren. 1935 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Der kleine Eric hasst die deutsche Schule mit ihrem autoritären System und den Stockhieben. Er hat Heimweh nach den USA und beschließt, Brückenkonstrukteur zu werden, um eine riesige Brücke über den Ozean zu bauen. Das gelingt ihm auch - nicht mit Beton und Stahl - aber mit einem Kinderbuch. Die kleine Raupe Nimmersatt - in mehr als 30 Sprachen übersetzt - wird zum meistverkauften Bilderbuch der Welt.

25.06.2004 Artikel

Die kleine Raupe wird "geboren"

Über diese Raupe schreibt Carle 1989 in seinem Brief an Kinder: "Vor über 20 Jahren, also lange Zeit vor eurer Geburt, stanzte ich spielerisch, ja geradezu geistesabwesend, Löcher mit einem Locher in einen mehrfach gefalteten Briefbogen. Halb im Spaß, halb der Logik folgend dachte ich sofort an einen fetten, gefräßigen Bücherwurm. Zunächst legte ich das durchlöcherte Stück Papier beiseite. Aber irgendwie hatte sich der Bücherwurm schon in mein Bewusstsein hineingeknabbert. Das war der Anfang der ´Kleinen Raupe Nimmersatt.´"

Die Geschichte der kleinen Raupe Nimmersatt ist einfach und komplex zugleich. Innerhalb einer Woche frisst sie sich durch verschiedene Obstsorten, verdirbt sich den Magen an einem Durcheinander aus Schokoladenkuchen, saurer Gurke, Würstchen und Lolli und kuriert sich schließlich mit frischen Blättern. Dabei knabbert sie sich buchstäblich durch die einzelnen Buchseiten hindurch. So begreifen kleine Kinder spielerisch, was sie sehen und was ihnen vorgelesen wird. Ganz nebenbei lernen sie die Wochentage kennen oder beginnen zu zählen, weil die kleine Raupe mit jedem neuen Tag ein Stück Obst mehr verzehrt. Am Schluss steht die wundersame Wandlung einer etwas hässlichen kleinen Raupe in einen wunderschönen Schmetterling. Heutige Eltern und Erzieher kennen den grünen Vielfraß mit den großen Kulleraugen - der mittlerweile stolze 35 Jahre zählt - schon aus ihrer eigenen Kindheit.

Wanderer zwischen Amerika und Deutschland

Als Carle die kleine Raupe Nimmersatt erfindet, ist er 40 Jahre alt und lebt schon knapp zwei Jahrzehnte in den USA. Von seinem sechsten Lebensjahr an war er ein Wanderer zwischen Amerika und Deutschland. Seine ersten Jahre in den USA schildert er als eine Zeit voller Glück und Harmonie. In Amerika macht der kleine Eric auch seine ersten Schulerfahrungen und gerät an eine aufmerksame Erzieherin mit einem Blick für sein Talent. In seinem Buch 'Ein Künstler für Kinder', das 1989 zu seinem 60. Geburtstag beim Gerstenberg-Verlag erschienen ist, schreibt er dazu: "1935 kam ich in Syracuse zur Schule. Ich erinnere mich lebhaft an ein sonniges Klassenzimmer, große Bogen Papier, bunte Farben und dicke Pinsel. Eines Tages wurde meine Mutter in die Schule bestellt. Sie war überzeugt, dass ihr Sohn sich schlecht betragen hatte - aus welchem Grund hätte man sie sonst in die Schule gebeten? Als man ihr mitteilte, dass ihr Sohn nicht nur große Freude am Malen und Zeichnen habe, sondern auch Talent besitze, war sie sehr erleichtert. Man legte meiner Mutter nahe, alles zu tun, um dieses Talent zu fördern, und sie befolgte diesen Rat ihr ganzes Leben lang."

Bald locken Heimweh und die optimistischen Erzählungen vom aufstrebenden deutschen Reich die Familie zurück nach Deutschland. 1935 verlassen die Carles Amerika und kehren nach Stuttgart zurück, wo der kleine Eric wieder in der Schulbank sitzt. Hier macht er Bekanntschaft mit einer alten deutschen Tradition: der körperlichen Züchtigung. Für ein kleines Vergehen erhält er "drei auf jede Hand". Noch am gleichen Abend bittet er seine Eltern dem Lehrer zu schreiben, dass ihr Sohn für solch eine Erziehung nicht geeignet sei.

89 Prozent

Auf die Frage, warum es gerade seinen Zeichnungen und Geschichten gelingt, die Kinder zu begeistern, antwortet Carle gern mit einem Rechenbeispiel. Die meisten Leute würden 90 Prozent ihrer Kindheit vergessen, vielleicht habe er das Glück gehabt, nur 89 Prozent zu vergessen. Wobei die Sache mit dem einen Prozent natürlich heillos tiefgestapelt ist. Immer wieder lässt Eric Carle auch in Interviews und Gesprächen seine Kindheit auferstehen. Dabei ist ihm ganz besonders der Brief seines amerikanischen Freundes aus Kindertagen in Erinnerung geblieben, der ihn nach seiner Abreise sehr vermisst hat. "Lieber Eric, ich möchte dich so gerne wieder sehen. Wann kommst du wieder? Alles Liebe, Carlton Mayer."

Das muss wohl die Zeit gewesen sein, in der sich in dem kleinen Eric der Traum vom Brückenbau festgesetzt hat. Dieser ersten großen Freundschaft, so schreibt Carle, hat er das Buch 'Die kleine Maus sucht einen Freund' gewidmet - sein Lieblingsbuch.

"Die kleine Maus war einsam und allein; sie wünschte sich nichts lieber als einen Freund.2 So beginnt diese Geschichte. Die Maus fragt ein Tier nach dem anderen: "Wollen wir Freunde sein?" Aber alle lehnen ab. Erst als sie eine andere Maus trifft, wendet sich das Blatt. Sie wird ins Mäusehaus eingeladen. In diesem Moment hält Carle für die Kinder eine Überraschung bereit, die Schreck und Erleichterung zugleich ist. Kaum sind nämlich die beiden Mäuse in ihrer Baumhöhle verschwunden, wird eine riesige Schlange sichtbar, die die ganze Zeit über - unbemerkt - im Sand gelegen hatte. Erst im Nachhinein wird den Kindern klar, in welcher Gefahr die Maus gewesen ist.

Der Auslöser

Kurz vor Kriegsende erhält der 15jährige Eric Carle noch einen Stellungsbefehl. Doch seine Mutter lässt ihn nicht gehen. Wenige Tage später ist der Krieg vorbei. 'Werde etwas Vernünftiges´, rät sein Onkel, der sich damals für Eric verantwortlich fühlt, weil dessen Vater noch in russischer Gefangenschaft ist. Aber seine Mutter erinnert sich an die Ratschläge der amerikanischen Lehrerin. Carle kann an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart studieren. Auch hier trifft er auf einen Lehrer, der ihn fördert. Nach seinem Studium verlässt er Deutschland und beginnt in New York als Werbegrafiker zu arbeiten. Dank der Vermittlung des Art-Direktors vom "Fortune-Magazin", der kein geringerer war als der unterdessen ebenfalls weltberühmte Kinderbuchautor Leo Lionni. Doch schon knapp ein Jahr später ist Carle wieder zurück in 'Germany'. Als GI. Hier lernt er seine erste Frau kennen. Nach seiner Entlassung gehen beide zurück nach New York, wo er viele Jahre als Werbegrafiker arbeitet.

Er ist schon Ende dreißig, als er von Bill Marten das Angebot bekommt, dessen Buch Brown bear, brown bear what do you see zu illustrieren. Und dieser braune Bär, so Carle in einem Interview "set me on fire". Er habe etwas ausgelöst, "was schon jahrelang in mir gesessen ist."

Kinder finden in den Büchern Carles das, was sie lieben: Tiere als Hauptpersonen, eine leicht nachvollziehbare Entwicklung der Protagonisten und immer wieder kleine Überraschungen. Wichtig auch: Reihungen und Wiederholungen wie der Satz in der berühmten Raupe Nimmersatt: ... aber satt war sie noch immer nicht.

Unverkennbar: Seine Bilder

Einmalig ist die Bildsprache von Eric Carle. Er arbeitet überwiegend mit Collagen. Seine Papiere, die er dafür nutzt, stellt er selbst her. Er mischt die Farben, trägt sie auf dünnes Papier auf, verwischt oder strukturiert sie, gibt ihnen mit dem Pinselende noch eine ungewohnte Dynamik - kurz: er spielt und komponiert frei mit Farben und Formen. Aus diesen Papieren schneidet, klebt und übermalt er die Collagen mit klaren Umrissen und leuchtenden Farben. Es entstehen Lebewesen und Gegenstände von respektabler Größe, die sich deutlich von einem meist weißen Hintergrund abheben. Dabei belässt er es nicht bei schlichten Buchseiten. Carle lässt die Seiten wachsen, durchlöchert sie, fügt bewegliche Elemente ein, die zum Aufstellen, Entfalten oder Aufklappen animieren oder zum bloßen Fühlen. Er hat das Spielbilderbuch nicht erfunden, aber ein ganz besonderes Zwitterwesen aus Buch und Spielzeug geschaffen. Die 2002 verstorbene Literaturwissenschaftlerin Jutta Grützmacher hat sich intensiv mit dem Werk Carles auseinandergesetzt. In dem Jubiläumsband 'Hol uns den Mond vom Himmel' schrieb sie.
"Seine Bilderbücher setzen auf Mitmachen, auf Aktivität. Indem die Kinder buchstäblich per Hand begreifen, was dargestellt wird, eignen sie sich die Inhalte im Handlungsvollzug an. Manuelle Tätigkeiten machen natürlich zunächst einmal Spaß; sie fördern aber auch nachhaltig - das belegen neue Forschungsergebnisse der Musikpädagogik - die geistige Entwicklung von Kindern, zumal dann, wenn die Handgriffe konzentriert durchgeführt werden."

Einfache Themen - einfache Grafik

Nach dem Rezept für seinen Erfolg und nach seiner Arbeitsweise gefragt, gibt Carle selbst folgende Antwort: "Meine Bücher behandeln einfache Themen, auch die Grafik ist einfach, die Geschichten sind einfach und die Bestandteile sind einfach, teilweise erreiche ich das durch das Reduzieren. Ich habe schon öfters gesagt, wenn man einen Roman schreibt, fängt man wahrscheinlich mit 20 Worten an baut das auf 200 000 Wörter aus bei mir geht´s umgekehrt. Ich übertreibe ein bisschen, aber ich fange wahrscheinlich mit 2000 Worten an und reduziere die auf 20."

Immer geht es in Carles Büchern um das, was auch schon den kleinen Eric bewegt und interessiert hat. Das ist sein Interesse für die Natur und ganz besonders für winzige Lebewesen wie Ameisen oder Käfer. Und so wurden die Kleinen seine Hauptdarsteller, die Protagonisten seiner Bilderwelt. Auch eine Erklärung für den Erfolg der Bücher bei seiner Zielgruppe.

Eric Carle Museum

Vor knapp zwei Jahren hat Eric Carle gemeinsam mit seiner Frau in Amherst im Bundesstaat Massachusetts - circa drei Autostunden nördlich von New York - das Eric Carle Museum eröffnet. Es ist das einzige Museum in USA, das sich ausschließlich der Kinderbuchillustration widmet. Unter www.picturebookart.org kann man sich auch zu einer virtuellen Museumsvisite aufmachen. Übrigens: Es gibt noch ein weiteres interessantes Ausflugsziel im Netz. Auf seiner Homepage bietet der Gerstenberg-Verlag , bei dem die deutsche Carle-Ausgabe erscheint, einen pädagogischen Service für Kindergärten und Grundschulen an. Unter dem Motto 'Raupe Nimmersatt & Co' werden über 40 Bilderbücher von Eric Carle vorgestellt - verbunden mit praktischen Tipps für die Arbeit mit Kindergruppen. Das reicht vom ersten Schnuppern in eine fremde Sprache mit der neuen englisch-deutschen Ausgabe 'The Very Hungry Caterpillar / Die kleine Raupe Nimmersatt' im Kindergarten bis zum Basteln eines ABC-Spiels. Heute - am 25. Juni - feiert Eric Carle seinen 75. Geburtstag.


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