"Eine Art Marathonlauf"
29.09.2005 Artikel
Wie entsteht eine Enzyklopädie mit 24 500 Seiten in 30 Bänden in drei Jahren?
Marion Winkenbach: Durch den Einsatz modernster Technik, durch ein optimiertes, für unsere Zwecke programmiertes Redaktionssystem und die Nutzung umfangreicher Bilddatenbanken, aber auch durch den schnellen Datenaustausch über das Internet hat sich die Herstellungszeit der Enzyklopädie deutlich verringert. Dennoch gleicht die Entstehung unserer neuen Enzyklopädie einem Marathonlauf. Zwar wird das ganze Projekt in Teamarbeit erstellt, aber jeder einzelne Projektbeteiligte muss die gleiche Hartnäckigkeit und Ausdauer an den Tag legen, um die eigenen Grenzen zu überwinden. Alle müssen sich ungeheuer motivieren, denn das Ziel ist hoch gesteckt: die Realisierung der umfassendsten Enzyklopädie in der Verlagsgeschichte und ihrer zahlreichen Innovationen.
Was ist neu an der 21. Auflage?
Marion Winkenbach: Da ist zunächst einmal die Audiothek. Sie macht das Unbeschreibliche hörbar. Über 3 000 Hörbeispiele aus dem Bereich der Literatur, der Musik, der Natur, der Geschichte und der Technik vermitteln ein akustisches Abbild der Welt. Oder das Onlineportal www.brockhaus- enzyklopaedie.de, das regelmäßig aktualisiert wird und die gesamte Textsubstanz von A bis Z, Tausende von Bildern sowie einen frei dreh- und zoombaren 3-D-Globus mit zwei Millionen geografischen Einträgen enthält. Neu sind auch die herausnehmbaren Faltkarten in jedem zweiten Band. Sie geben Informationen über die globale Welt, wie Weltreligionen, UNESCO-Weltkulturerbe, Naturkatastrophen und vieles mehr.
Wer braucht heutzutage noch eine Enzyklopädie?
Marion Winkenbach: Die Wissensvielfalt ist so groß, dass niemand mehr auf allen Gebieten Bescheid wissen kann. Deshalb muss es eine Plattform geben, auf der alle Themen, die in der Gesellschaft diskutiert werden und wichtig sind, nachgeschlagen werden können. Und das ist auch unsere Intention: das Wissen allumfassend zusammenzustellen und verfügbar zu machen. Aber nicht durch willkürliches Sammeln und Auflisten, sondern nach den bekannten enzyklopädischen Kriterien: Objektivität, Ausgewogenheit und der von Brockhaus gewohnten Zuverlässigkeit. Warum bieten Sie neben der Enzyklopädie digital überhaupt noch eine gedruckte Ausgabe?
Marion Winkenbach: Wir bieten unseren Kunden das Wissen der Welt in verschiedenen Ausprägungen an. Wer aus beruflichen Gründen die Enzyklopädie nutzen will und am Rechner arbeitet, wird sich eher für die elektronische Variante entscheiden. Wer im häuslichen Umfeld etwas nachschlagen möchte und eine repräsentative, bibliophile Ausgabe schätzt, wird die gedruckten Bände bevorzugen. Aber es wird auch Mischformen geben: Wer die 30 Printbände erwirbt, hat damit zugleich Zugang zum Onlineportal und damit von Beginn an Zugriff auf die komplette Lexikonsubstanz.
Was hat sich an der Darstellung des Inhalts im Vergleich zur Vorgängerauflage geändert?
Marion Winkenbach: Wir legen noch größeren Wert auf Anschaulichkeit und Verständlichkeit der Inhalte. Eine wichtige Rolle spielen dabei Strukturierung und Gliederung der Texte sowie eine bessere Nutzerführung. Beispielsweise sind nun längere Schlüsselbegriffe in einzelne Kapitel gegliedert und alle Länderartikel haben einen einheitlichen Kopfteil. Außerdem haben wir neue Sondertextelemente geschaffen. 600 Quellentexte mit historischen Originaldokumenten, zum Beispiel Auszüge aus Briefen von Dichtern oder Gelehrten oder auch Gesetzestexte, bieten unmittelbar Einblicke in vergangene Zeiten. Auch die Verweistechnik innerhalb des Werks ist wesentlich verbessert worden.
Wie kommt der Umfangszuwachs von sechs Bänden zustande?
Marion Winkenbach: Zum einen natürlich durch eine Erweiterung des Stichwortumfangs. Wir haben nun rund 300 000 Stichwörter, das sind 40 000 mehr im Vergleich zur Vorgängerauflage, zum Beispiel aus neuen Wissensgebieten wie der Gentechnologie und der Biometrie. Zum anderen aber auch durch die opulentere Bebilderung. Insgesamt finden sich in der komplett neu bebilderten Enzyklopädie 40 000 visuelle Elemente, das sind Fotos, Karten, Grafiken, Tabellen oder auch Satellitenaufnahmen, die den Beginn eines neuen Buchstabens illustrieren. Erstmals gibt es jetzt auch farbprächtige Bildtafeln zu Städten, Kunstepochen oder Naturphänomenen.
Nimmt die Enzyklopädie nun noch mehr Regalmeter ein?
Marion Winkenbach: Nein, die neue Enzyklopädie nimmt mit 1,70 Regalmetern kaum mehr Platz ein als die Vorgängerauflage. Dies haben wir vor allem durch die Auswahl einer neuen, eigens für uns entwickelten geschmeidigeren Papiersorte erreicht. 16 Papiersorten aus ganz Europa hat unser Herstellungsleiter Herr Weintz getestet, drei davon kamen in die engere Auswahl. Und nun haben wir ein Papier gefunden, das höchsten Ansprüchen an Haptizität, Qualität und an Lebensdauer genügt, 400 Jahre soll es haltbar sein.
Was fasziniert Sie persönlich an der Enzyklopädie?
Marion Winkenbach: Das Faszinierende dieser Werke liegt für mich vor allem in der Kombination eines rationalen und eines höchst emotionalen Aspekts: Sie ermöglichen einerseits rasche, unkomplizierte Orientierung in der schier unglaublichen, äußerst umfassenden Vielfalt des dargestellten Wissens. Andererseits sind sie mir eine stete Verführung zum Schmökern, sei es durch Weiterlesen und Blättern oder durch systematisches Erforschen anhand der Verweise, jedenfalls sind sie immer gut für überraschende Erkenntnisse. Und der Umgang mit den 30 Printbänden in ihrer edlen Ausstattung - Goldschnitt, Leder und Leinen - ist immer wieder ein wunderbar sinnliches Erlebnis.
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