"Eine halbe Stunde Präventionsschulung ist lächerlich"

(bikl) "Zweijährige hocken täglich zwei Stunden vor dem Fernsehapparat und um Mitternacht sitzen in Deutschland noch 50.000 Vorschulkinder vor dem Fernseher. Um diese Nachtzeit gibt es keine einzige Sendung ohne Gewalt. Wenn diese Kinder 18 Jahre alt sind, waren sie 13.000 Stunden in der Schule und 25.000 Stunden vor dem Fernseher, und haben mehr als 200.000 Gewalttaten samt Morden gesehen." Diese traurige Bilanz zog Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer von der Uni Ulm am Freitag auf der WORLDDIDAC in Basel. Vor mehreren hundert Pädagogen referierte der Neurowissenschaftler über "Lernen und Selbstbestimmen".

01.11.2004 Artikel

Und Spitzer weiter: "Dabei haben die Gewalttaten im Fernsehen folgende Eigenschaften: Nur bei 4% der Fälle werden gewaltfreie Lösungsstrategien der Konfliktfälle überhaupt angesprochen; in mehr als 50% der Fälle verursacht Gewalt überhaupt keinen Schmerz und in mehr als 70% der Fälle kommen die Gewalttäter ungestraft davon. Mit viel technischem und anderem Aufwand sorgen wir dafür, genau das unseren Kindern beizubringen."

Die Lehren, die das sich entwickelnde Gehirn von Kindern und Jugendlichen aus dieser Flut von Gewaltszenen zögen, lägen auf der Hand: Es gibt keine Alternative zur Gewalt, es tut nicht weh und es verdient keine Strafe. "Das lernen unsere Kinder jeden Tag 2 bis 4 Stunden lang."

Einzelne Projekte gegen Gewaltprävention, so seine provozierende These, seien dagegen geradezu lächerlich. Als Beleg diente ihm ein Beispiel aus Freiburg in Baden-Württemberg. Dort besuche die Polizei so genannte Brennpunktschulen, um mit den Schülern jede Woche eine halbe Stunde lang Gewaltprävention zu üben. "Das Fernsehen macht vier Stunden lang tagtäglich genau das Gegenteil. Dagegen kommt man mit einer halben Stunde pro Woche mit keiner Präventionsschulung der Welt an", so Spitzer.

"Ich bin sicher, dass man sich in hundert, vielleicht auch schon in zwanzig Jahren an den Kopf greifen und sagen wird: Was haben die damals für einen Blödsinn gemacht, sie hätten es doch besser wissen können! Wie konnten sie mit ihren Medien dafür sorgen, dass die Kinder zur Gewalt erzogen werden."

Weiterführende Links:

Sendereihe "Geist & Gehirn" im Bayerischen Rundfunk
www.uni-ulm.de/klinik/psychiatrie3/leitung


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