Jugendschutz im Schulnetz

(Arno Scholten) Basierend auf Meinungsfreiheit, Wissensfreiheit und Inhaltsfreiheit bietet das Internet einen unüberschaubaren Fundus an Informationen. Was liegt näher, als dieses Reservoir auch für schulische Zwecke zu nutzen?

12.05.2004 Artikel

Nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer müssen allerdings erkennen, dass die Umsetzung der Idee: Auflockerung des üblichen Unterrichts durch die Einbindung des Internets, erhebliche Probleme aufweisen kann. So manche, spontan geplante Online-Recherche der Schülerinnen und Schüler endet schnell in einem Sumpf aus pornographischen und gewaltverherrlichenden Texten, Bildern und Tondokumenten oder im Nichts – je nachdem ob und wie der IT-Administrator der Schule eine Jugendschutzsoftware installiert hat.

Sicherlich ist in Deutschland vieles verboten oder eingeschränkt, vor allem nach dem gerade in Kraft getretenen neuen Jugendschutzgesetz; mit jugendschutz.net existiert eine Organisation der Bundesländer, die ständig Internet-Inhalte kontrolliert und mit Betreibern und Providern redet – was aber bewirken nationalen Regelungen im WWW, wenn Länder mit völlig anderen ethischen Vorstellungen nur einen Klick entfernt sind? Auch ein gutwilliger Surfer, der nicht gezielt nach Schmutz sucht, landet mit zwei, drei Klicks in Sodom oder Gomorrha. Pornografieanbieter setzen auf eine mangelhafte Orthografie der Suchenden und politische Extremisten verstecken ihre Ideologien in pseudo-wissenschaftlichen Texten und locken damit auf ihre Seiten.

Bereits seit Mitte der 90er-Jahre wird daher weltweit an softwarebasierten Schutzkonzepten für eine jugendgerechte Nutzung des Internets gearbeitet. Zumeist sind es kommerzielle Anbieter, die diese Marktnische erkannt haben und ihre Produkte sowohl Eltern, für den privaten Rechner als auch den Schulen, für das komplette Schulnetz anbieten. Die Funktionsweisen der Software scheinen auf den ersten Blick recht einfach und damit effektiv zu sein. Sie basieren überwiegend auf drei Varianten: Positiv- oder Negativlisten, textbasierende Filter sowie komplexe heuristische Systeme.

Das naheliegendste und technisch anspruchloseste Verfahren ist die Erstellung von Positiv- oder Negativlisten. Positivlisten erfassen alle Internetseiten, die von den Schülerinnen und Schülern angesurft werden dürfen. Eine Adresse, die auf der Liste nicht verzeichnet ist, kann nicht erreicht werden. Das Internet wird auf einen klar definierten Bereich eingegrenzt – verliert allerdings auch an Attraktivität. Der notwendige Zeitaufwand zur Pflege ist überschaubar, wenn auch nicht zu unterschätzen.

Wird mit Negativlisten gearbeitet, werden alle bekannten jugendgefährdenden Seiten in der Liste verzeichnet und damit für die Nutzer gesperrt. Der permanente Wandel des Internets - Ausdruck der Kreativität seiner Akteure - bedingt eine kontinuierliche Erweiterung der Liste. Der notwendige Zeitaufwand ist nicht überschaubar und kann von einzelnen Personen nicht mehr geleistet werden. Daher greifen die Schulverantwortlichen immer häufiger auf Listen zurück, die von Dritten erstellt wurden. Im Internet stehen standardisierte Listen teilweise kostenlos zur Verfügung. Individualisierte, auf die Anforderungen der Nutzer zugeschnittene und permanent aktualisierte Listen, werden von den Softwareanbietern gegen Gebühr zur Verfügung gestellt.

Textbasierte Filtersoftware überprüft die aufgerufenen Internetseiten auf deren Inhalt bevor der User die Seite einsehen kann. Dabei werden alle Texte der Seite sowie aller Unterseiten, nach bestimmten, von dem oder den Verantwortlichen der Schulen vorgegebenen und auf einen Index gesetzten Begriffen gescannt. Je nachdem wie die Prüfung ausfällt, wird die Seite sichtbar oder der Zugang verweigert. Noch sind diese Programme nicht oder nur bedingt in der Lage, den semantischen Kontext der Begriffe zu erfassen. So verwehren die Filter, z.B. durch die Indizierung des Begriffes "Sex" nicht nur den Zugang zu pornographischen Seiten, sondern auch zu solchen, die über Aids aufklären oder, thematisch völlig losgelöst, über die bevorstehende MarSEXpedition berichten. Besonders gravierend ist der Umstand, dass die Anbieter der Internetseiten, durch eine "sorgfältige" Wortwahl die Software umgehen können und Ihre Inhalte, trotz vermeidlichem Schutz, den Jugendlichen zugänglich sind. Bilder, graphische Elemente und Tondokumente werden gänzlich unberücksichtigt.

Heuristische Systeme, also dynamische wissensbasierte Systeme, die in der Lage sind, neben Texten auch Bilder und Grafiken nach vorgegebenen bzw. selbstgenerierten Mustern zu überprüfen, stecken noch in den Kinderschuhen. Auch wenn diese Systeme weiterentwickelt werden, werden die Grundprobleme wie für die anderen Verfahren geschildert, nur schwer zu beheben sein.

Dessen ungeachtet wollen und sollen Lehrerinnen und Lehrer das Internet mit seinen positiven Möglichkeiten nutzen und müssen daher dafür sorgen, dass den Jugendlichen keine verbotenen Internetseiten zugänglich sind, bzw. diese wenig Interesse an diesen Seiten zeigen. Die Softwareprodukte bieten auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichem Erfolg eine Hilfestellung bei dieser Aufgabe. Sich ausschließlich auf einen automatisierten Schutzmechanismus zu verlassen, wäre in mehrfacher Hinsicht falsch. Zum einen bietet die Software keinen absoluten Schutz, zum anderen kann sie eine gravierende, ungewollte Einschränkung des Internet darstellen. Pädagoginnen und Pädagogen heben daher immer wieder die Bedeutung von Absprachen zwischen den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrerinnen und Lehrern hervor. Im Rahmen von Internet-Nutzungsabkommen wird gemeinsam ein Verhaltenskodex erarbeitet, der nicht auf dem blinden Befolgen von Vorgaben beruht, sondern sich entwickelt aus der Erkenntnis der Gefahren, die dem Internet innewohnen. Die Einhaltung des Verhaltenskodex kann bei Bedarf mit technischen Mitteln überprüft werden.

Projekt IT works von Schulen ans Netz e. V.: Die Weiterentwicklung und Optimierung von schulischen IT-Systemlösungen liegt im Fokus. Dem Thema "Jugendschutz im Schulnetz" wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Beispielhaft hierfür ist die Bildungsmesse 2003 in Nürnberg. In einer Podiumsdiskussion sowie in Vorträgen und Gesprächen am IT works-Stand wurden die schulspezifischen Anforderungen an eine sichere Internetnutzung präsentiert und diskutiert.

Kontakt:

Arno Scholten
Wissenschaftlicher Mitarbeiter IT works
Schulen ans Netz e. V.
Telefon 0228 91048 - 74
Telefax 0228 91048 - 37
E-Mail:
Internet: www.schulen-ans-netz.de/itworks


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