Jungen lesen anders - Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2006

Jungen lesen weniger als Mädchen - dieses Phänomen ist seit der PISA-Studie eine belegte Tatsache. Der deutsche Buchmarkt spiegelt diese Situation: In den Verlagsprogrammen und Regalen der Buchhandlungen überwiegen Mädchenbücher, Bücher für Jungen fehlen oft.

17.03.2006 Pressemeldung Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Um zu erreichen, dass auch aus Jungen begeisterte Leser werden, müssen Verlage und Buchhandlungen, aber auch Eltern, Bildungseinrichtungen und Bibliotheken eindeutiger auf die Bedürfnisse der Zielgruppe "Junge" eingehen. "Jungen brauchen Bücher für Jungen", das ist eine zentrale Forderung des Trendberichts Kinder- und Jugendbuch 2006, den die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stiftung Lesen heute auf einer Pressekonferenz während der Leipziger Buchmesse vorgestellt haben.

"Kinder- und Jugendbücher sind auf dem deutschen Buchmarkt auf eindeutigem Wachstumskurs", so Anja zum Hingst, Leiterin Kommunikation im Börsenverein. Der Umsatz stieg 2005 im Vergleich zum Vorjahr um 15,7 Prozent. Der Anteil der Kinder- und Jugendliteratur am Gesamtmarkt der Bücher lag 2005 bei 14,3 Prozent. Damit war diese Warengruppe wie im Jahr zuvor eine der stärksten auf dem deutschen Buchmarkt (2004: 12,7 Prozent). Bei den Kinder- und Jugendbüchern hatten die Romane 2005 einen Marktanteil von 54,1 Prozent. Das Sachbuch hatte im gleichen Zeitraum einen Marktanteil von 10,1 Prozent. "Wenn Jungen lesen, wollen sie sich informieren. Der geringe Marktanteil von Sachbüchern zeigt, dass hier ein Vermittlungsbedarf besteht," so Anja zum Hingst. Die Zahlen wurden von media control GfK International im Auftrag des Börsenvereins ermittelt.

"Thema Nr. 1 bei Jungen ist nicht Technik, auch nicht Fußball oder Action, sondern Sex. Darauf wird zu wenig eingegangen. Es ist einfacher, pubertierende Jungen als Nichtleser zu stigmatisieren, als sich mit Büchern ihrer tatsächlichen Lebenswelt zu stellen", sagt Klaus Willberg, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen. Dies zeige sowohl die Durchsicht der Programme der deutschen Kinder- und Jugendbuchverlage wie die unzureichende Vermittlung jungenspezifischer Belletristik. "Diese wird - ganz objektiv gesehen - von der Lektorin bis zur Bibliothekarin von Frauen dominiert. Frauen bestimmen, was Männer lesen sollen", so Willberg.

Jungen lesen, aber sie lesen anders als Mädchen. Dies müsse auch in der Leseförderung berücksichtigt werden, fordert Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen. "Dass Jungen gar nicht lesen, ist ein Mythos", sagt Aufenanger. Entscheidend sei aber, dass Jungen bei der Auswahl ihrer Medien andere Kriterien haben als Mädchen. "Sie achten viel mehr auf das Thema als auf die Story, bevor sie ein Buch in ihren Medien-Mix einbeziehen", so Aufenanger. Für Jungen sei das Lesen auch eine Frage des Images: Das Thema eines Buches muss auch bei den Kumpels gut ankommen. "Es sollte nicht uncool sein, mit dem betreffenden Buch in der Hand gesehen zu werden", meint Aufenanger.

Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) wurde 1950 mit dem Ziel gegründet, die Zusammenarbeit von Jugendbuchverlagen zur gemeinsamen Förderung der Kinder- und Jugendliteratur zu organisieren und die Interessen ihrer Mitglieder in der Öffentlichkeit und gegenüber Behörden, Institutionen und Verbänden zu vertreten. Derzeit gehören der avj rund 70 Mitgliedsverlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an.

Der 1825 gegründete Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. vertritt die Interessen von insgesamt rund 6300 Verlagen, Buchhandlungen und Zwischenbuchhändlern. Der Verband ist Sprachrohr der Buchbranche und steht Öffentlichkeit und Politik beratend zur Seite. Mit der wirtschaftspolitischen Arbeit für das Buch ist untrennbar ein kultureller Auftrag verbunden: Der Börsenverein engagiert sich für das Kulturgut Buch und das Lesen, für die Meinungsfreiheit und die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft. Er veranstaltet die Frankfurter Buchmesse und verleiht jährlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Deutschen Buchpreis. Seit 1959 organisiert der Verband unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten den Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels. Er ist mit rund 700.000 Teilnehmern an 8.000 Schulen die größte Leseförderungsinitiative Deutschlands. 2004 wurde ein weiteres bundesweites Projekt zur Leseförderung ins Leben gerufen: "Ohr liest mit". Der Wettbewerb für kreatives Lesen und Hören.

Die Stiftung Lesen ist eine Ideenwerkstatt für alle, die Spaß am Lesen vermitteln wollen. Seit 1988 entwickelt sie zahlreiche Projekte, um das Lesen in der Medienkultur zu stärken. Dafür hat die gemeinnützige Organisation viele Medienpartner und Kultursponsoren gewonnen. Traditionell steht die Stiftung Lesen unter der Schirmherrschaft der Bundespräsidenten. Zweck der Stiftung Lesen ist die Förderung von Buch, Zeitschrift und Zeitung in allen Bevölkerungskreisen sowie die Pflege und Erhaltung einer zeitgemäßen Lese- und Sprachkultur, nicht zuletzt in den neuen Medien. Die Stiftung Lesen ist eine operative Stiftung. Neben der Durchführung von Forschungs- und Modellprojekten für Bund und Länder liegt der Schwerpunkt der Arbeit in breitenwirksamen Projekten, vor allem in den Feldern Kindergarten, Schule, Bibliothek, Buchhandlung sowie in den Medien. Dabei ist die Stiftung Lesen Plattform für die Verbindung von Wirtschaftsunternehmen mit modernen Formen der Leseförderung.

Ansprechpartner

Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Großer Hirschgraben 17-21
60311 Frankfurt am Main
Web: http://www.boersenverein.de

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