Keine Patentrezepte gegen "kleine Monster"

(bikl) "Ich erlebe immer häufiger, dass Eltern kommen und sagen: Das bräuchte ich auch." Was Cordula Dernbach von der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Aschaffenburg meint, sind die Erziehungsratschläge der Super Nanny. Die RTL-Sendung steht seit Monaten in der öffentlichen Kritik, erfreut sich aber gleichzeitig hoher Einschaltquoten.

19.04.2005 Artikel
  • © RTL

Wenn die Heilpädagogin über ihre Erfahrungen mit den Auswirkungen der Sendung erzählt, kommt sie richtig in Fahrt. "Eltern - ermuntert durch das Beispiel Super Nanny - suchen nach einfachen aber wirksamen Rezepten für ihre Erziehungsprobleme. Sie kopieren das, was sie im Fernsehen sehen, eins zu eins und wundern sich, dass es nicht klappt." Das, was Cordula Dernbach kritisiert, scheint von dem Sender so gewollt. "RTL will mit diesem Format einerseits den betroffenen Familien eine Hilfestellung bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer anhand von unterschiedlichen Fällen Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen", heißt es beim Sender.

"Familien sind anschließend gebrandmarkt"

Besonders erschreckend ist für die Erziehungsberaterin "wie sehr sich Eltern emotional vor der Kamera ausziehen. Diese Familien sind anschließend gebrandmarkt. Es ist außerdem ein Missbrauch an den Kindern. Sie werden als kleine Monster dargestellt, werden nie im sozialen Umfeld mit Freunden, im Kindergarten oder auf dem Spielplatz gezeigt. Auch die Botschaft 'man muss nur hart durchgreifen und das Kind funktioniert wieder' ist fatal. Der familiäre und soziale Hintergrund und die bisherige Entwicklung werden ausgeblendet - obwohl das Kind vielleicht gar keine andere Möglichkeit hat, als so zu reagieren."

"Nur Konditionierung"

Auch Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann warnt vor dem schnellen Erziehungserfolg mit einfachen Rezepten. Die Super Nanny setze allein auf Autorität, Disziplin und Konsequenz, erklärte er heute gegenüber der Frankfurter Rundschau. Komplexe Erziehungsvorgänge würden auf kleine Ratschläge verkürzt, die nur die Konditionierung des Kindes zur Folge hätten. Die Frage aber, ob ein Kind gehorsam sei, beantworte sich nicht über die richtige Anleitung, sondern über die Liebe zu seinen Eltern. Indem die Nanny den Eltern sage, was zu tun sei, werde die ganze Gefühlsebene aus der Beziehung zum Kind herausgenommen. "Auf diese Art kann man ein Auto reparieren aber kein Kind", so Bergmann in dem Rundschau-Interview.

"Entwürdigend für Kinder und Familien"

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) und Kinderschutzbund hatten bereits Anfang des Jahres vor den Folgen dieser angeblichen Erziehungsberatung per Reality-TV gewarnt. Das neue Format sei entwürdigend für Kinder und Familien und missachte das Recht auf gewaltfreie Erziehung, hatte der nordrheinwestfälische Landesverband des Kinderschutzbundes erklärt. Die Botschaft der Sendung laute: Kinder, die in einem hohen Maße verhaltensauffällig sind, müssen mit der harten Hand zur Strecke gebracht werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) hatte das pädagogische Vorgehen in der Sendung für unprofessionell und gefährlich angeprangert. Es werde eine "schwarze Gehorsamspädagogik in die Wohnzimmer von Millionen Zuschauern transportiert". Die Super Nanny behandele schwieriges Verhalten als individuelles Problem. Damit verkenne sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass das Verhalten von Kindern nur "im Kontext des Verhaltens der Familienmitglieder" zu verstehen sei.

Erziehungswissenschaftlerin: "Wertvolle Tipps"

Einzig die Osnabrücker Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg kann dieser Art von Erziehungsberatung Positives abgewinnen: "Die Sendung gibt wertvolle Tipps, wenn man sie in Ruhe anschaut und zum Nachdenken kommt", erklärte Professorin vor kurzem gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die von der Super Nanny praktizierte "Auszeit", bei der ein Kind für wenige Minuten ruhig hingesetzt oder in ein anderes Zimmer gebracht werde, sei seit Jahren als hochwirksames Erziehungsmittel bekannt und nicht mit dem grausamen Karzer von früher zu verwechseln.

Die Herangehensweise der Super Nanny, so Hildegard Müller-Kohlenberg gegenüber bildungsklick.de, ermögliche es den Eltern, überhaupt wieder mit ihren Kindern zu sprechen oder sich in die Öffentlichkeit zu wagen.

"Undenkbar für eine professionelle Beratung"

Dem hält der Kinderpsychologe Bergmann heute in dem Interview mit der Frankfurter Rundschau entgegen: "Wenn ich ein Kind - wie in der Sendung - immer wieder auf die stille Treppe schleife, bis es resigniert dort sitzen bleibt, lernt es nicht, eine Ordnung zu befolgen. Es lernt, dass sein Aufbruch in die Welt gescheitert ist. Es erfährt sich als ein verzweifeltes, allein gelassenes und in tiefer seelischer Unordnung befindliches Wesen." Und Cordula Dernbach, die täglich mit den Erziehungssorgen von Eltern konfrontiert wird, vermisst noch etwas: "Es werden nur die Negativseiten der Kinder aufgezeigt, nie die Frage nach den Stärken der Kinder gestellt - undenkbar für eine professionelle Beratung."

Weitere Informationen

"Elterncoaching" - das sind neue Modelle für die Erziehungsberatung. Eltern werden Experten für kindliche Entwicklung oder für gewaltlosen Widerstand. Im Februar hat in Heidelberg ein internationales Forum Coaching für Eltern: Mütter und Väter als Experten" stattgefunden. Informationen: www.hsi-heidelberg.com/tagungen/forum_1.php

Starke Eltern - Starke Kinder heißen die Elternkurse des Deutschen Kinderschutzbundes, die bundesweit angeboten werden. Sie dauern normalerweise 12 Abende. Informationen, auch über die Kurse vor Ort: www.starkeeltern-starkekinder.de

Die "Nanny-Regeln für Eltern & Kinder": www.rtl.de/ratgeber/familie_878516.php


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