Kindesvernachlässigung früher erkennen und Prävention verbessern - Heute beginnt Fachforum in Ulm zu "Elterlicher Feinfühligkeit"

Je stabiler die Bindung zwischen Eltern und Kind, desto seltener kommt es zu Vernachlässigung und Misshandlung. "Frühe Präven­tion" und "frühe Förderung der Bindung" in Risikofamilien sind daher die besten Vorausset­zun­gen für das Kindeswohl, um tragische Fälle, wie sie jüngst die Öffentlichkeit aufge­schreckt haben, zu verhindern. In Deutschland gibt es allerdings häufig ein Zuständig­keitsproblem: Medizinische und soziale Hilfesysteme sind ungenügend vernetzt, Früh­erkennung unzuverlässig. Was tun? Zu dieser Frage beginnt heute ein dreitägiges Fach­forum in Ulm, an dem 25 Experten aus Fa­milien- und Sozialrecht, Kinder- und Jugend­psychiat­rie, Entwicklungspsychologie, So­zialpsychiatrie (für Erwachsene), Jugendhilfe und Familienpolitik teilnehmen. Das Fachforum wird von der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiat­rie/Psychotherapie veranstaltet und von der Stiftung Ravensburger Verlag mit 15.400 € gesamtfinanziert.

18.01.2006 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag

Armut, Alkohol, Alleinsein – die Risiken

"Besonders gefährdet sind Kinder in ihren ersten fünf Le­bensjahren. 77 % aller misshand­lungs­bedingten Todesfälle ereignen sich in den ersten 48 Lebensmonaten." Professor Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Universitätskli­nik für Kinder- und Jugendpsychiat­rie/ Psychotherapie äußert sich sehr besorgt zum Auftakt des Fachforums. Es sei wissen­schaftlich belegt, dass besonders Säuglinge und Kleinkinder in "Hoch-Risikofamilien" ge­fährdet seien. Als Risiken nannte er Armut, fehlende soziale Unterstützung, Isolationsge­fühle, eigene Miss­brauchserfahrungen, Depressionen oder andere psychische Er­krankungen, Alko­hol- oder Drogenprobleme, ungewollte Schwangerschaft oder niedriges Alter der Eltern.

Flüssigkeitsmangel, Schütteltrauma - Lebensgefahren

Säuglinge sind besonders gefährdet, weil eine Vernachlässigung oder Misshandlung rasch le­bensbedrohlich werden kann. Profes­sor Fegert nannte Beispiele für Gefahren: rasches Aus­trocknen, wenn das Baby zu wenig trinkt oder zuviel Flüssigkeit verliert, ohne dass die Eltern es bemerken; Verletzung durch Schüt­teltrauma; unbeachtete Gedeihstörungen; falsches Füt­tern; stundenlanges Allein­lassen; fehlender Schutz vor Kälte, Hitze, Zugluft, Lärm, Rauch u.ä.

Bedrohte Babys erkennen

"Gestresste und belastete Säuglinge zeigen ihr Unwohlsein ganz körperlich, oft indem sie besonders ruhig, ausdruckslos, geradezu starr und wachsam wirken. Das macht es sogar für Hebammen, Sozialarbeiter und Ärzte oft schwer, das Problem rechtzeitig zu erkennen", be­richtet PD Dr. Ute Ziegenhain, Forschungskoordinatorin und Pädagogische Leiterin in der Ulmer Kinderpsychiatrie. Manche Babys seien für immer ge­schädigt. Erst spät, im Kinder­garten- oder Grundschulalter seien Folgen leichter erkennbar: Etwa 18 % der Kindergarten­kinder litten unter behandlungsbedürftigen emotionalen und Ver­haltensstö­rungen. Umso positiver sei die zum 1.10.2005 erfolgte Novellierung des Paragrafen 8 des Sozialgesetzbu­ches VIII zu beurteilen. Die Kinder- und Jugendhilfe soll jetzt zum Schutz des Kindes nicht nur Beratung und Hilfe anbieten (denn viele Eltern nehmen diese aktiv gar nicht wahr), son­dern muss im Krisenfall koordinierter und systematischer intervenieren.

Mehr Routine für Frühwarnung

"Wir brauchen vor allem eine Routine für Frühwarnsysteme, Diagnostik und Risikobeurtei­lung, möglichst verbindliche Kriterien, mit denen alle arbeiten: Jugendhilfe, Kinder- und Jugendpsychi­ater, Psychologen und Kinderärzte", formuliert Professor Fegert den aktuellen Handlungsbe­darf. Es gehe vor allem um Verhaltensbeobachtung: Wie feinfühlig gehen Mütter und Väter mit ihren Babys und kleinen Kindern um? Wie sicher ist ihre Bindung? Sogar Profis seien oft mit der Aufgabe überfordert, weil sie im Ernstfall nicht allein handeln könn­ten. Die unter­schiedlichen Hilfesysteme seien aufeinander angewiesen und müssten zusam­menarbeiten. Fegert nannte ein Beispiel mangelnder Koordination: Selten werde eine psy­chisch kranke Frau bei der Einlieferung in eine Klinik gefragt, ob sie zufällig zuhause ein unversorgtes Kind habe. Bis das Kind von der Kinderhilfe entdeckt werde, vergehe wertvolle Zeit, sofern kein soziales Netz aus Familie, Freunden, Nachbarn da sei.

Keine Bildung ohne Bindung

"Emotionales Kindeswohl" sei eine Grundvoraussetzung für ein gutes Bildungsklima, sagte Dorothee Hess-Maier, Vorsitzende der Stiftung Ravensburger Verlag. Damit begründete sie das Engagement der Stiftung, die bereit war, das kurzfristig organisierte Ulmer Fachforum mit 15.400 € allein zu finanzieren. "Vorsorge ist wichtiger als Reparatur", sagte sie und be­grüßte ausdrücklich das soeben von der Bundesfamilienministerin ange­kündigte Frühwarn­system zur Vorbeugung von Vernachlässigung. Ohne elterliche Zu­wendung und Bindung zeigten Kinder leichter Sprachdefizite. Eine bewusste Werteerzie­hung sei praktisch nicht möglich. Hess-Maier lobte das "in Deutschland einmalige Ulmer Modell" eines pädagogi­schen Ansatzes in der Kinderpsychiatrie und nannte es "ein Vorbild für gelungene Koopera­tion". Die Pädagogin PD Dr. Ziegenhain hat eine Leitungsfunktion für Forschung und Praxis­projekte inne.

Ansprechpartner

Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
Postfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de

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