"Mit der Globalisierung ist die Welt näher gerückt, da entsteht neuer Nachschlagebedarf"

29.09.2005 Artikel
  • © F.A. BROCKHAUS AG

Wer schreibt die Brockhaus Enzyklopädie?

Dr. Annette Zwahr: In der Leipziger Redaktion arbeiten 66 Redakteure, davon 40 Fachredakteure an der Brockhaus Enzyklopädie. Sie sind Historiker, Naturwissenschaftler, Mediziner, Juristen, Ökonomen, Geografen, Kunst-, Literatur- oder Religionswissenschaftler. Die Redakteure erstellen die Stichwortlisten ihres jeweiligen Fachgebietes, schreiben Einträge und machen auch Vorschläge für die Bebilderung ihrer Artikel. Außerdem arbeiten wir mit rund 1 000 wissenschaftlichen Autoren zusammen. Sie alle sind Fachleute auf ihrem Gebiet, vor allem Professoren und Dozenten an Universitäten und Fachhochschulen, die sich in der Regel auch durch zahlreiche Publikationen einen Namen gemacht haben. Auch Behörden, Kommunen und Verbände liefern uns wichtige Informationen. Wir müssen schließlich berücksichtigen, wenn sich beispielsweise die Gewichtsklassen im Boxen ändern oder die Größe der Kampffläche im Judo neu festgelegt wird. Die Brockhaus Enzyklopädie ist also ein Werk von vielen und nicht nur eines kleinen erlauchten Kreises.

Woher kommen die Autoren der Brockhaus Enzyklopädie?

Dr. Annette Zwahr: In erster Linie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus anderen europäischen Ländern wie Italien oder Finnland. Für spezielle Länderinformationen arbeiten wir mit Autoren zusammen, die seit längerer Zeit in dem jeweiligen Land leben und sich dort sehr gut auskennen, zum Beispiel in China, Mexiko, Thailand, Usbekistan oder den Vereinigten Staaten.

Wie geschieht in der Brockhaus Enzyklopädie die Aufteilung der Welt?

Dr. Annette Zwahr: Die Brockhaus-Redaktion recherchiert, prüft und sammelt nicht nur Informationen, sondern sorgt auch dafür, dass alle 98 thematischen Hauptgebiete - von den Geistes- und Naturwissenschaften über Literatur und Kunst bis zu Technik und Medizin - ausgewogen zueinander dargestellt werden. In intensiven Diskussionen einigen sich die Redakteure zunächst über den Anteil ihrer Fachgebiete in der Enzyklopädie. Dann wird die Stichwortliste erstellt und danach die Länge der einzelnen Stichworteinträge festgelegt. Welches Thema ist zum Beispiel von globalem Interesse und wird als Schlüsselbegriff allseitig behandelt? Einträge über Politiker mit ähnlichem Status, zum Beispiel Bundeskanzler oder Bundespräsidenten, müssen in den wesentlichen Inhalten abgestimmt und miteinander vergleichbar sein, auch wenn der eine eine bewegtere Biografie vorzuweisen hat als der andere.

Wann kommt ein neuer Begriff in den Brockhaus?

Dr. Annette Zwahr: Im Brockhaus wird der gesellschaftliche Wandel berücksichtigt. Immer wenn in der Öffentlichkeit ein hoher Nachschlagebedarf für bestimmte neue Begriffe auszumachen ist, dann prüfen und reagieren wir. Zum Beispiel die Begriffe "all- inclusive" oder "Biometrie". Auch auf dem Gebiet der Wissenschaften bewegt sich viel. Neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse fließen natürlich in das Werk ein - vorausgesetzt, diese neuen Erkenntnisse gelten als gesichert und sind von mehreren Instanzen nachgeprüft. Unsere Fachredakteure und gleichermaßen die Autoren werten viele Medien aus und machen Vorschläge, welche Begriffe aus ihrem jeweiligen Fachgebiet neu aufgenommen werden sollten. Gerade die enge Zusammenarbeit zwischen Redakteuren und Autoren erweist sich als fruchtbar für neue Stichwörter.

Wann bescheinigen Sie Personen die "Brockhaus-Reife"?

Dr. Annette Zwahr: In erster Linie zählt das Lebenswerk einer Person. Nehmen wir zum Beispiel Reinhold Messner, der schon seit 1978 einen Eintrag im Brockhaus hat. Er hat sämtliche Achttausender bestiegen, alle ohne Sauerstoffgerät. In Verbindung mit seinen kulturgeschichtlichen Interessen, mit seinen ökologischen Ambitionen und mit seinem Engagement im Europaparlament als er noch Abgeordneter war erbrachte er eine phänomenale Lebensleistung. Auf der anderen Seite prüfen wir zum Beispiel bei Schriftstellern, wie viele Bücher von ihnen lieferbar sind, ob ihre Werke in andere Sprachen übersetzt werden, ob ein Bestseller nur ein kurzfristiges Medienereignis war oder wie die Rezensionen aussehen. Wir haben eine "Beobachtungsliste", auf der sich Künstler, Schriftsteller und andere Personen befinden, die bereits öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben und deren weitere Entwicklung wir verfolgen. Nobelpreisträger und Repräsentanten höchster politischer Ämter werden natürlich grundsätzlich berücksichtigt. Aber das Verfassen nur eines erfolgreichen Romans oder das einmalige Erringen eines Weltmeistertitels reichen in der Regel nicht aus. Wann fallen Stichwörter aus dem Brockhaus heraus?

Dr. Annette Zwahr: Personen ohne wesentliche historische Leistungen fallen nach Aufgabe ihres politischen Amtes heraus. Ehemalige Staatsoberhäupter beispielsweise haben dann zwar keinen eigenen Eintrag mehr, wir erwähnen sie aber in den jeweiligen Länderartikeln im Kapitel Geschichte durchaus noch. Auch Begriffe wie Fernsprecher (jetzt Telefon) oder Fernschreiber (jetzt Telefax) sind keine Hauptstichwörter mehr.

Die neue Enzyklopädie bietet 300 000 Stichwörter, das sind rund 60 000 mehr als die Vorgängerauflage. Schauen Sie sich jedes einzelne an?

Dr. Annette Zwahr: Jeder Text, tatsächlich jeder, wird geprüft. Ist er noch aktuell, ist er verständlich, muss er gekürzt, gestrichen oder erweitert werden? - Das sind die Fragen, mit denen sich unsere Lexikonredakteure beschäftigen. Die neue Auflage der Brockhaus Enzyklopädie ist redaktionell komplett überarbeitet worden.

Welche neuen Themen haben Sie in der Neuauflage besonders berücksichtigt?

Dr. Annette Zwahr: Die Neuauflage steht unter dem Motto der globalen Welt. Vor allem die Informationen über Afrika, Lateinamerika und Asien haben wir erweitert und ausgebaut. Gab es früher beispielsweise ein Überblickskapitel zur lateinamerikanischen Literatur, findet der Leser jetzt unter jedem lateinamerikanischen Land eigene Kapitel zu Literatur und Kunst. Neben Weltkulturerbe, Telekommunikation und medizinischen Themen haben wir verstärkt Gebiete wie internationaler Film, Theater, Rockmusik, Medienkunst, Völkerkunde und Weltnaturerbe berücksichtigt. Es ist unmöglich, die ganze Vielfalt, die in sechs zusätzlichen Bänden enthalten ist, aufzuzählen.

Wie garantieren Sie die Aktualität der Brockhaus Enzyklopädie?

Dr. Annette Zwahr: Mit dem neuen Onlineportal, zu dem ausschließlich Besitzer der Brockhaus Enzyklopädie Zugang haben, haben wir jetzt die Möglichkeit, dem Nutzer regelmäßige zweiwöchentliche Aktualisierungen des in den Bänden enthaltenen Stichwortguts zu bieten, und zwar kostenfrei.
Wenn Ereignisse eintreten, die die Welt verändern, wie zum Beispiel der 11. September 2001 mit den Terroranschlägen in den USA, dann reagieren wir natürlich darauf. Auch Wahlergebnisse, wie zum Beispiel das Ergebnis der Bundestagswahl, arbeiten wir an den entsprechenden Stellen ein. Liegt ein Ergebnis zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht fest, dann wird das in der gedruckten Version auch so dokumentiert. Einträge zu klassischem Stichwortgut, zum Beispiel zu Goethe oder Schiller, werden ebenfalls aktualisiert, wenn es neue Erkenntnisse gibt.

Der Aktualisierungsbedarf einer Enzyklopädie wird allerdings häufig überschätzt. In einem großen Lexikon sind es vielleicht drei oder vier Prozent der Artikel, die aktualisierungsanfällig sind. Tagesaktualität kann und will nicht Ziel einer Enzyklopädie sein. Wir geben den Leserinnen und Lesern aber das notwendige Hintergrundwissen an die Hand, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen.

Wie würden Sie noch einmal zusammenfassend das Gesamtwerk 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie beschreiben?

Dr. Annette Zwahr: Die Brockhaus Enzyklopädie ist wie ein großes Orchesterwerk, mit dem die Welt von heute auf unvergleichliche Weise zum Klingen gebracht wird. 66 Redakteure und 1 000 wissenschaftliche Autoren schaffen in ihrem Zusammenspiel ein Werk von Harmonie, Ausgewogenheit und beeindruckender Stimmgewalt.


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