"Was Eltern für wertlos halten, trägt gratis zur Bildung bei."
(bikl) Es komme beim Computerspiel nicht so sehr auf irgendwelche kreativen Lösungen an, sondern man müsse sich an bestimmte Vorgaben halten. "Aber auch im Schulunterricht gibt es eine richtige und eine falsche Antwort. Unser Bildungssystem hat in diesem Punkt eine ähnliche Struktur wie die Spiele. Zudem haben die spannendsten Games eine offene Architektur und multiple Lösungsmöglichkeiten", so der amerikanische Publizist Steven Johnson in einem Interview mit der Sonntagszeitung, Zürich. Dass Computerspiele schlauer machen hatte der Autor in seinem weltweit erfolgreichen Buch "Everything Bad Is Good For You" erläutert ([bildungsklick.de berichtete darüber](http://bildungsklick.de/serviceText.html?serviceTextId=15066)).
27.06.2005 ArtikelRegeln erkennen - Strategien erarbeiten
Computerspielen, so Johnson, sei viel komplexer als möglichst schnell auf viele Knöpfe zu drücken und auf Ziele zu schießen. Das könne nur behaupten, wer "keine Ahnung hat". Bei diesen Spielen gehe es darum, Regeln zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Das geschehe indem ich "überlege, welche Muster ich während des Games beobachtet habe, ob mir etwas in der Spielwelt, am Verhalten anderer Figuren aufgefallen ist. Dann überprüfe ich meine Ressourcen, wiege kurz- und langfristige Ziele ab. Habe ich diese Daten analysiert, wage ich den nächsten Schritt. Das schult die analytischen Fähigkeiten und lehrt mich, komplexe Entscheidungen zu fällen", so der Autor weiter.
Auf die Anregung von Fantasie durch Computerspiele angesprochen meinte Johnson, er habe früher "stundenlang auf der Bettkante gesessen" und Pilot gespielt. Er habe sich vielleicht noch überlegen können, ob sein Flugzeug blau sei, aber ansonsten habe er nur da gesessen. Und weiter: "Heute lernt ein Achtjähriger mit einer Flugsimulation das Fliegen. Bei mir gab es keine Regeln, das Kind heute muss sich mit physikalischen Realitäten auseinander setzen. Macht es einen Fehler, stürzt sein Flugzeug ab. Das stimuliert das Gehirn."
Insgesamt sei seit 10 bis 15 Jahren zu beobachten, dass die Bevölkerung bei Intelligenztests immer besser abschneide und dazu trage die so genannte Populärkultur sicher ihren Teil bei. Zumindest die analytische lösungsorientierte Intelligenz werde durch moderne Medien gefördert. Und gerade das sei ja die gute Nachricht: "Was Eltern für wertlos halten, trägt gratis zur Bildung bei. Also können wir uns darauf konzentrieren, das Lesen oder die emotionale Intelligenz zu fördern." Und deshalb, so der Autor weiter, "sollten wir alles tun für ein gutes Schulsystem".
Link:
Das vollständige Interview in der Sonntagszeitung
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