Wer hat Angst vor neuen Tönen?

(nad) "Die Welt der modernen Musik ist ein einziges großes Gewitter. Flächendeckend. Das System, mit dem wir so lange lebten, wird hinweggefegt. Nichts ist mehr, wie es war. Dur und Moll werden verabschiedet. Eine ganze Kultur wird erschüttert. Es hat sich lange angekündigt. Alles hat seine Zeit", sagt Ingo Metzmacher - einer der international gefragtesten Dirigenten - in seinem Buch. Denn der Generalmusikdirektor der Stadt Hamburg und zukünftige Chefdirigent die Nederlandse Opera in Amsterdam hat jetzt auch als unterhaltsamer Sachbuchautor reüssiert.

07.02.2005 Artikel

Zunächst skeptisch hatte er 2002 auf die Anfrage reagiert, ob er nicht ein Buch über Musik schreiben wolle. Aber er ließ sich überzeugen: Zum Glück. Denn es ist kein weiteres Nachschlagewerk in Sachen Musikgeschichte entstanden, sondern eine persönliche Entdeckungsreise in die wunderbare Welt der Musik - vor allem die des 20. Jahrhunderts. Und schon nach den ersten Seiten ist der Leser dem Bann dieser Reise erlegen.

Von Ives über Stockhausen bis Cage

"Viele denken, Kunst hätte etwas mit Verstehen zu tun, aber das ist nicht der Fall. Sie hat vielmehr mit Erfahren zu tun." Man könnte meinen, dass John Cage mit diesem Zitat Metzmachers Buch beschreibt. Metzmacher führt uns von Ives, Mahler und Mesiaen zu Schönberg, Stockhausen und Cage. Insgesamt befasst er sich mit elf Komponisten. Unterbrochen sind die Portraits von sieben Essays mit den Titeln Zeit, Farbe, Natur, Geräusch, Stille, Bekenntnis und Spiel. Mit diesen Zwischenspielen legt Metzmacher geniale Links von einem Komponisten zum nächsten. Ein Kunstgriff Metzmachers, der Musik in einen Sinnzusammenhang bringt und Licht auf die Ideen hinter der Musik wirft.

"Erfinderisch und voller Lust"

"Nicht umsonst heißt es ja: ein Instrument spielen. Die Sprache verrät uns sehr genau den ursprünglichen Charakter einer Tätigkeit. Spielerisch soll der Umgang sein. Erfinderisch, voller Lust an allen möglichen Varianten, mal links herum, mal rechts herum", heißt es unter der Überschrift "Spiel". Dem Bericht über die eigenen Erfahrungen während seines Studiums in einer Improvisationsgruppe, wo er lernte, in neuen Ordnungen zu denken, neue Systeme zu begreifen und zuzulassen. So leitet Metzmacher praxisnah über zum Portrait des Erneuerers von John Cage. Ein Beispiel von vielen, wie der Autor Musik zum Leben erweckt, sie "spürbar" macht für die Leser.

Weder langweilig noch verstaubt

"Am 29. Mai 1913 erlebte die Welt einen der größten Skandale der Musikgeschichte. "Le sacre du printemps" wird im Théâtre des Champs-Élysées in Paris uraufgeführt. Strawinsky ist gerade 30 Jahre alt und weiß nicht, wie ihm geschieht. Wie ein Meteor aus dem All schlägt dieses Stück ein, mitten ins Herz der bürgerlichen Musikkultur. Wut und Raserei sind die Folgen. Etwas Bahnbrechendes hat sich ereignet." Was diesem beinahe krimiartigen Intro folgt, ist eine Analyse des "Sacre", eingebettet in die Zeit und das Leben Strawinskys. Ähnlich verfährt Metzmacher auch mit den anderen Komponisten. Diese Analysen sind allerdings alles andere als langweilig und verstaubt. Metzmacher gelingt es, die Musik mit Worten so spannend auf das Papier zu bringen, dass sie beinahe hörbar wird und neugierig macht auf mehr.

Stoff für den Musikunterricht

Keine Angst vor neuen Tönen - Eine Reise in die Welt der Musik, geschrieben vom neuen Max-Bauer-Preisträger Ingo Metzmacher, bietet sowohl dem Musikinteressierten als auch dem Laien begeisternde Einblicke in die westliche Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt aber ist dieses Werk eine spannende Lektüre, die auch Jugendliche ansprechen kann und deshalb jeder Musiklehrerin und jedem Musiklehrer als Basis für das Thema Musikgeschichte im 20. Jahrhundert zu empfehlen ist.

Ingo Metzmacher
Keine Angst vor neuen Tönen - Eine Reise in die Welt der Musik
Rowohlt Verlag, 2005
190 S., 16,90 Euro
ISBN 3-87134-478-8


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