Bericht über Internationales Parlaments-Stipendium (IPS)
115 Hochschulabsolventinnen und -absolventen aus 25 Ländern lernen derzeit das politische, kulturelle und wirtschaftliche Leben in Deutschland kennen. Der Deutsche Bundestag bietet mit dem Internationalen Parlaments-Stipendium (IPS) jungen Menschen fünf Monate lang die Möglichkeit, parlamentarische Entscheidungsprozesse live zu erleben. Unter den Stipendiatinnen ist auch Jenny aus den USA. Sie hat für mitmischen.de ihre ersten Berührungen mit dem gerade unabhängig gewordenen Kosovo geschildert.
28.05.2008 Pressemeldung mitmischen.deKosovo: Ein Staat und eine Kultur aus der Perspektive einer neugierigen Amerikanerin
Symbol für die USA: die Freiheitsstatue in New YorkAmerika: der Schmelztiegel der Kulturen. Dieser Spruch behält sogar heute noch etwas Wahres in sich. Obwohl die letzten drei Generationen meiner Familie in den USA geboren wurden, fließt schwedisches, elsässisches, englisches, irisches und schottisches Blut in meinen Adern. Doch die Möglichkeit, als "IPSlerin" fünf Monate lang im Deutschen Bundestag mit jungen Menschen aus 25 anderen Staaten zu arbeiten, hat mir einige Kulturen näher gebracht, die vorher nur ferne Begriffe in den Nachrichten waren.
Eine bewusste politische Entscheidung
Schon am ersten Tag des Programms am 1. März 2008 lernte ich Leute kennen aus Staaten kennen, die ich zuvor nur auf einer Karte gesehen habe. Zusammen zogen wir in unsere neuen Wohnungen ein, aßen, gingen spazieren und kauften Lebensmittel, und am Abend lud eine Stipendiatin aus Bulgarien alle zu sich ein. Viele der anwesenden Stipendiatinnen hatte ich während des Nachmittags schon kennengelernt und wir erzählten einander über unsere Heimatländer: Politik, Musik, Sprache, alles wurde vorgestellt und verglichen. Nach und nach kamen immer mehr Leute dazu, schließlich zwei junge Männer aus dem Kosovo.
Vor der Versammlung hatte ich schon die Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms durchgelesen und etwas erstaunt festgestellt, dass zwei Vertreter des gerade unabhängig gewordenen Staats Kosovo dabei waren! Kosovo hatte sich ja erst am 17. Februar 2008, wenige Tage vor meiner Ankunft in Berlin, für unabhängig erklärt, und es gab zu dem Zeitpunkt nicht sehr viele Staaten, die diesen neuen Staat anerkannt hatten. Deshalb empfand ich die Einladung zur IPS-Teilnahme als eine starke, bewusst politische Entscheidung des Bundestages, diesen Staat auch durch ihre Nachwuchspolitiker und Wissenschaftler zu unterstützen.
Kosovo – der jüngste Staat der Welt
Aufgrund der aufregenden Ereignisse der letzten Wochen in Kosovo freute ich mich umso mehr darüber, von seinen Bürgern persönlich über ihre Lage und über ihr bisheriges Leben hören zu dürfen. Diese jungen Männer waren schon am ersten Abend des Programms sehr offen und ehrlich mit uns und haben uns über die Ereignisse in ihrer Heimat berichtet. Man merkte sofort, wie stolz sie auf die neue, schwer erkämpfte Unabhängigkeit waren und wie dankbar den Staaten, die das Kosovo schon anerkannt hatten. Sie erzählten natürlich auch erschütternde Geschichten, wie ich sie zuvor nur in den Nachrichten oder in Filmen gehört hatte. Ich hatte somit noch größeren Respekt vor diesen zwei Stipendiaten, die schon so viel Trauriges erlebt haben und trotzdem voller Hoffnung in die Zukunft blicken.
Neulich veranlasste dieser Stolz die zwei Stipendiaten aus dem Kosovo dazu, alle Stipendiatinnen und Stipendiaten des Programms zu einem kosovarischen Abend einzuladen. Da mein Interesse schon durch persönliche Gespräche geweckt wurde, freute ich mich natürlich über diese Möglichkeit, das Land besser kennenzulernen.
Mit dem Bus nach Kosovo
Am Freitag, dem 16. Mai 2008, war es so weit. Viele Stipendiatinnen und Stipendiaten aus fast allen Ländern des Programms, inklusive Serbien, stiegen in den Bus ein und fuhren Richtung Schönefeld zum Kosovarischen Verein, wo wir alle herzlich begrüßt wurden. Im kleinen aber schön geschmückten Saal hörten wir zuerst einen kurzen Vortrag zur Geschichte und Geographie Kosovos, der von einem der Stipendiaten vorgestellt wurde. Interessant waren nicht nur die jüngsten Ereignisse, sondern auch die ältere Geschichte (Kosovo war 523 Jahre lang Teil des Osmanischen Reiches!) und die Bilder von den Städten Kosovos. Ich lernte auch, dass der Euro für die zwei Millionen Einwohner des Staates gilt, und dass bis jetzt 40 Staaten das Kosovo anerkannt haben.
Nach dem informativen Vortrag genoss das Publikum kosovarische Musik und Tänze. Mädchen in schönen Trachten mit weißen Blusen, Tüchern aus roter Seide und schwarz-roten Röcken lächelten und tanzten für uns. Nach ihrem Beitrag durften wir die kosovarische Küche kosten. Viele von uns haben eine Spezialität aus vielen Teigschichten probiert, die uns sehr geschmeckt hat.
Gemeinsamkeit und Vielfalt
Der kosovarische Abend war die perfekte Gelegenheit, mich über den neuen Staat zu informieren. Er ist nicht nur für mich neu, sondern auch als eigenständiger Staat ganz neu und spannend. Es ist schön, das Kosovo mit mehr als Krieg und Bomben assoziieren zu können.
Amerika mag immer noch ein Schmelztiegel der Kulturen sein, aber auch Berlin und Deutschland sind kontaktfreudig gegenüber unbekannten Ländern. Während des Internationalen Parlaments-Stipendium des Deutschen Bundestages habe ich hier natürlich viel über Deutschland und deutsche Politik gelernt. Aber ich habe auch sehr viel über die Staaten Osteuropas durch meine Mitstipendiatinnen und Mitstipendiaten gelernt. Mir ist klar, dass wir alle etwas Kulturelles gemeinsam haben, und es ist mir eine Freude, über diese Staaten mehr erfahren zu dürfen. Ich freue mich schon auf den ungarischen Abend, der nächste Woche stattfinden soll!
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