"Bestnoteninflation ist letztendlich leistungs- und studentenfeindlich!"
Als leistungsfeindlich und nur scheinbar studentenfreundlich hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die vom Wissenschaftsrat dokumentierte Inflation von Bestnoten bei Examensabschlüssen an deutschen Hochschulen kritisiert.
12.11.2012 Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)"Es ist ein Zeichen hochgradigen Versagens der Fakultäten und Hochschulleitungen, dass sie trotz der bereits für 2001 und für 2005 festgestellten Aufweichung von Leistungskriterien in keiner Weise gegengesteuert haben. Wenn 80 Prozent aller Examensarbeiten mit den Bestnoten 1 und 2 bewertet werden, in einzelnen Fächern sogar die Eins die Regelnote ist, dann kann von differenzierter Notengebung keine Rede mehr sein! Die eigentlich Leidtragenden sind die guten, leistungsstarken Absolventen, deren Leistungsvorsprung dadurch kaum mehr deutlich wird!", betonte Meidinger.
Der Verbandschef wandte sich auch gegen die These, wegen der starken Selektion in den unteren Semestern blieben eben nur die Besten übrig. In den Fächern Biologie und Jura seien die Studienabbruchsquoten fast gleich hoch, trotzdem zählten die Rechtswissenschaften zu den wenigen Fächern mit differenzierter Notengebung, während in Biologie die Eins dabei sei, zur Regelnote zu werden. Er wies darauf hin: "Die Folgewirkung dieser Bestnoteninflation besteht nicht nur in einer zunehmenden Entwertung von Abschlussnoten, sondern auch darin, dass Arbeitgeber bei der Einstellung auf andere Kriterien ausweichen: persönliche Empfehlungen und Beziehungen, Selbstdarstellungsvermögen oder Auslandsaufenthalte, die sich vor allem Studenten vermögender Eltern leisten können. Mehr Bildungsgerechtigkeit entsteht dadurch nicht!"
Die Gründe für diese Entwicklung, so Meidinger, seien vielfältig. Zum einen gebe es durchaus den verdeckten Kuhhandel "Gute Noten des Professors gegen gute Bewertung seiner Lehrveranstaltung", zum anderen fänden sich gerade in den geisteswissenschaftlichen Fächern eine Reihe von Dozenten, die dadurch ihre grundsätzliche Ablehnung jeglicher Notenvergabe beweisen wollten. Außerdem habe der Bologna-Prozess zu einer Konkurrenz der Bachelorstudiengänge untereinander um die besten Abschlussnoten geführt, da Studenten für die Zulassung zum Masterstudiengang auf gute Noten beim Bachelor angewiesen seien.
Meidinger mahnte eine grundsätzliche Reform des Prüfungssystems an den Hochschulen an: "Man müsste in viel stärkerem Maße die Hauptverantwortung für die Notenvergabe dem betreuenden Dozenten entreißen und Zweitkorrekturen durch Fachkollegen vorsehen, die den Prüfling nicht kennen."
Selbstkritisch merkte der DPhV-Vorsitzende an, dass die Tendenz zu immer besseren Noten auch vor den Schulen nicht haltgemacht habe, wie sich an den in vielen Ländern ständig besser werdenden Abiturschnitten zeige: "Wenn dahinter bessere Leistungen stünden, wäre es ja in Ordnung, aber in mehreren Bundesländern wurden nur die Regularien der Notenerhebung so geändert, dass bessere Schnitte herauskommen. Auch damit tut man den Schülern keinen Gefallen!"
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