Lehrerausbildung:

Gehört Inklusion auf den Stundenplan?

(Inge Michels) "Beim Thema Inklusion scheinen die meisten ihren gesunden Menschenverstand verloren zu haben." Mit diesem Satz macht ein Kommentator auf einem Internet-Portal seinem Ärger darüber Luft, dass der Vorschlag im Raum steht, Sonderpädagogik in der Ausbildung von Grund- und Sekundarstufenlehrern zu verankern. Berlin verzichtet bereits auf ein eigenständiges Lehramt Sonderpädagogik.

06.10.2014 Artikel

Einige Sätze weiter schreibt der Leser spöttisch: "Der Pädagoge der ´all-inclusiven` Bildung kann von allem ein ganz klein wenig. So wünschen wir uns das …" Hat er Recht? Droht die pädagogische Professionalität zu verwässern, wenn Förderschulen aufgelöst und sonderpädagogische Inhalte in die allgemeine Lehrerausbildung aufgenommen werden? Darüber streiten nicht nur Kommentatoren auf diversen Online-Portalen, sondern auch Wissenschaft und Politik.

Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen und seit Januar 2014 Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), macht sich genau dafür stark, worüber sich der zitierte Kommentator ärgert: Die Verabschiedung verbindlicher Module für die Lehrerbildung, um allen Lehramtsstudenten Rüstzeug für den inklusiven Unterricht mitzugeben. In diesen Modulen soll, so die KMK-Präsidentin, festgehalten werden, was Lehrer können müssen, um inklusives Lernen erfolgreich zu gestalten. Wortwörtlich sagt sie: "Das ist das Kerngeschäft von Unterricht heute: der Umgang mit heterogener, vielfältiger Schülerschaft."

"Immense Komplexitätssteigerung"

Was zunächst nachvollziehbar klingt, sorgt für Kopfschütteln bei manchen, die in der Lehrerausbildung tätig sind. Sie möchten angesichts der aufgeregten gesellschaftlichen Debatten den Blick auf das System Schule lenken. Dieses nämlich sei kaum geeignet, solche komplexen und schul- wie unterrichtsfremden gesellschaftlichen Ansprüche zu befriedigen.

Die Verfechter individueller Förderung ignorieren die "Funktionslogik der Schule", gibt zum Beispiel die Professorin für Erziehungswissenschaften Beate Wischer zu bedenken, die an der Uni Osnabrück angehende Lehrerinnen und Lehrer ausbildet. Sie befasst sich u. a. mit dem Spannungsverhältnis zwischen dem schillernden Begriff "Vielfalt" und Schule als einem Ort systematisch angelegten Lernens. Kurz und knapp lautet einer ihrer Kritikpunkte an der aktuellen Debatte: Unterricht und das ganze System Schule ist auf große Gruppen ausgerichtet. Dies setzt Strategien zur Vereinheitlichung, Musterbildungen und Kategorisierungen voraus. Wer also den Umgang mit Vielfalt favorisiert und den Blick auf das einzelne Kind lenken möchte, muss sich zunächst einmal mit der Grammatik von Schule auseinandersetzen. "Unbedingt beachtet werden sollte auch, dass sämtliche Formen einer Individualisierung und Differenzierung des Unterrichts mit einer immensen Komplexitätssteigerung einhergehen, in der man sich schnell verlieren kann – bzw. die schnell an Kapazitätsgrenzen führt", mahnt Wischer.

Inklusion bleibt ein Spagat

Schaut man sich Schulen an, die u. a. für ihren "Umgang mit Vielfalt" mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden sind, dann stellt man schnell fest, dass sich das Kollegium dort nicht nur durch eine offene Haltung, einen besonderen "Geist" auszeichnet, sondern – ganz pragmatisch – aus einem Team unterschiedlicher Professionen besteht. Hier arbeiten Fachlehrer mit Sonderschulpädagogen, Musiktherapeuten, Sozialarbeitern, Ernährungsberatern, Logopäden, Lerntherapeuten und weiteren spezialisierten Fachkräften zusammen. Die Schulleitungen, die diese Vielfalt steuern, achten darauf, dass sich die Professionen durch regelmäßige Reflexionsschleifen über Ziele und Methoden miteinander verständigen und sich die jeweilige Schule in der Komplexität, auf die Beate Wischer hinweist, nicht verliert. Und: Diese Schulen haben verstanden und reflektiert, dass Inklusion ein Spagat, ein Dilemma bleibt, weil der Charakter des Systems Schule eigentlich ein ausschließender ist.

Den Mix aus Professionen hält auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) für einen gangbaren Weg. Angehende Lehrerinnen und Lehrer zu befähigen, mit verschiedenen Professionen kooperieren zu können, darin sieht sie ein berechtigtes Anliegen an die Ausbildungsstätte Hochschule. Der HRK-Vizepräsident Prof. Dr. Holger Burckhart formuliert dies so: Wir sprechen uns dafür aus, "bei der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams zu legen. Angehenden Lehrkräften sollen diagnostische Kompetenzen vermittelt werden, die sie zu einer wirkungsvollen Zusammenarbeit mit Inklusions-, Sonder- und Sozialpädagogen befähigen."

Kompakt

In der Frage, ob auf die Ausbildung zum Sonderschulpädagogen verzichtet werden kann, ist sich die Fachwelt uneins. Während die einen davor warnen, das deutsche System Schule durch den Anspruch an Inklusion zu überfrachten, plädieren andere dafür, Sonderpädagogik in der Ausbildung von Grund- und Sekundarstufenlehrern zu verankern. Die Hochschulen selbst schlagen einen Kompromiss vor: Angehende Lehrkräfte sollen im Studium lernen, mit unterschiedlichen pädagogischen Professionen zu arbeiten.

Erstveröffentlichung und aller Rechte: Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 65


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