Hochschulen

Immer weniger Erziehungswissenschaftler

(red/pm) Im Vorfeld ihres Kongresses "Erziehungswissenschaftliche Grenzgänge" im März mit rund 1.800 Teilnehmenden in Osnabrück veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) in Berlin aktuelle Daten zur Situation der Erziehungswissenschaft an Hochschulen – und verknüpft sie erstmals mit einem bildungspolitischen Appell: Die Einrichtung von neuen Professorenstellen sowie weitere Maßnahmen seien notwendig, um die Qualität der akademischen Ausbildung sichtbar zu verbessern.

28.01.2012 Artikel

"In den erziehungswissenschaftlichen Studiengängen entfallen auf eine Professur ein Drittel mehr Studierende als im Durchschnitt an bundesrepublikanischen Universitäten": Mit Kernaussagen wie dieser kritisiert der im Rahmen eines Pressegespräches in der Vertretung des Landes Niedersachsens in Berlin veröffentlichte"Datenreport 2012" der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) die Rahmenbedingungen einer Fachdisziplin, die mit allein rund 45.000 Hauptfach-Studierenden zu den drei größten universitären Studiengebieten in Deutschland zählt.

Ebenso kritisch lautet die Bilanz des Reports im Hinblick auf die Entwicklung von 1995 bis 2010: In dieser Zeit habe die Erziehungswissenschaft knapp 15 Prozent ihrer Professorenstellen eingebüßt – bei konstant steigenden Studierendenzahlen. "Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Aufgaben, die an die Erziehungswissenschaft herangetragen werden, ist das eine alarmierende Entwicklung", betont Prof. Dr. Werner Thole, Vorstandsvorsitzender der DGfE und einer der Autoren des Datenreports. "Die Professionalisierung des pädagogischen Personals ist eine von vielen gesellschaftlichen Kräften formulierte Forderung; umgekehrt wird weitgehend übersehen, dass an den Hochschulen die Basis für diese Professionalisierung des Bildungs- und Sozialsystems geschaffen wird."

Die DGfE verknüpft daher die Veröffentlichung des insgesamt 5. Datenberichtes erstmals mit bildungspolitischen Forderungen: Die Erziehungswissenschaft benötigt Thole zufolge neben anderen Maßnahmen einen Ausbau der erziehungswissenschaftlichen Professuren um mindestens 30 Prozent - und somit die Einrichtung von rund 200 erziehungswissenschaftlichen Professuren. Nur ein ausgewogenes Verhältnis von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Professuren kann den gewachsenen Qualitätsansprüchen in der Lehre gerecht werden.

Dass die Erziehungswissenschaft in den vergangenen Jahren der defizitären infrastrukturellen Ausstattung zum Trotz eine "herausragende Leistungsbilanz" vorweisen könne, illustrierte Datenreport-Autor Prof. Dr. Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit weiteren Daten des Reports: Knapp 9.500 erziehungswissenschaftliche Abschlussprüfungen wurden im Jahr 2010 von Studierenden abgelegt. Weishaupt: "Werden allein die universitären Erstabschlüsse in Hauptfachstudiengängen zugrunde gelegt, dann platziert sich die Erziehungswissenschaft mit ungefähr 8.200 Abschlüssen gegenwärtig auf den vierten Rang im Fächervergleich." Gemessen am Drittmittelaufkommen positioniere sich die Erziehungswissenschaft deutlich vor der Politik- und den Sozialwissenschaften auf einem mit der Psychologie inzwischen ungefähr gleichstehendem Niveau – allerdings immer noch deutlich hinter der Wirtschaftswissenschaft. Mit über 4.400 Personen waren noch nie so viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fach Erziehungswissenschaft an deutschen Hochschulen beschäftigt, dieser Anstieg beziehe sich jedoch wie oben erwähnt nicht auf die Zahl der Professuren. Doch auch auf diesem Sektor sei eine bemerkenswerte Entwicklung hervorzuheben: der kontinuierliche Anstieg des Frauenanteils an den Professuren von 24 Prozent im Jahr 2000 auf mittlerweile 43 Prozent im Jahr 2010.

Flankierend zu den Zahlen des Datenreports nahm Prof. Dr. Tina Hascher, Vorstandsmitglied der DGfE, einen zentralen Aspekt der infrastrukturellen Situation der Erziehungswissenschaft in den Blick – die Lehrerbildung. In keinem anderen pädagogischen Segment sei die Diversifizierung der Arbeitsbedingungen so stark vorangeschritten.

Hascher: "Die Schere zwischen einem sehr zu begrüßenden generellen Qualitätssprung bei der Professionalisierung der Akteurinnen und Akteure und der in vielen Teilbereichen dramatischen Einstellungssituation der Absolventinnen und Absolventen hat sich weit geöffnet."

Neben der Forderung nach einer Verbesserung der Infrastruktur in der universitären Lehre werde auf dem Kongress "Erziehungswissenschaftliche Grenzgänge" vom 12. bis zum 14. März 2012 in Osnabrück eine Vielzahl aktueller Fragestellungen zur pädagogischen Forschung und Professionalisierung unter den sich wandelnden gesellschaftlichen Voraussetzungen auf der Agenda stehen, erklärte Prof. Dr. Hans-Rüdiger Müller. Als Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück und DGfE-Vorstandsmitglied ist er verantwortlich für den größten deutschsprachigen Bildungskongress.

Zum 23. Kongress der DGfE werden mehr als 1.800 Teilnehmer erwartet, darunter prominente Namen wie das mehrmalige PISA-Konsortiumsmitglied Prof. Dr. Eckhard Klieme, der Lernpsychologe Prof. Dr. Detlev Leutner sowie der Bildungstheoretiker Prof. Dr. Dietrich Benner und der Kindheitsforscher Prof. Dr. Michael-Sebastian Honig.


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