Kürzer studieren, stärkerer Praxisbezug

(md). 2010 soll es in 40 europäischen Staaten den so genannten Europäischen Hochschulraum geben, was bedeutet, dass bis dahin an allen Hochschulen einheitliche Studiengänge etabliert werden. In Deutschland werden bereits mehr als 2900 Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten - überwiegend zur Freude der Arbeitgeber.

18.08.2005 Artikel
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Die Reformbedürftigkeit des deutschen Hochschulsystems ist seit den frühen 1990er-Jahren bekannt. Die Forderung nach einheitlichen Studiengängen in Europa kam daher für die deutschen Bildungspolitiker zum richtigen Zeitpunkt. 2003 hat der Erneuerungsprozess, der 1999 mit der Bologna-Deklaration begann, an Dynamik gewonnen. Inzwischen sammeln bereits die ersten Absolventen Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.

Die wichtigsten Ziele, die in der Bologna-Deklaration von den Bildungsvertretern der europäischen Staaten formuliert wurden, waren europäische Einheitlichkeit, kürzere Studienzeiten, engere Verzahnung mit der Wirtschaft und bedarfsorientierte Qualifizierung. "Praxisbezogen" und "dem internationalen Wettbewerb gewachsen" lautet die Vision, die für den akademischen Nachwuchs Wirklichkeit werden soll. Erreichen möchte man diese Ziele durch die Ablösung von Magister- und Diplomabschlüssen sowie die europaweite Einführung eines zweigestuften Studiensystems bis spätestens 2010. Im Modell dauert das Bachelor-Studium drei Jahre, ein zweijähriges Masterstudium kann sich fakultativ - auch nach dem Einstieg in den Beruf - anschließen.

Einheitliches Hochschulmodell nicht in Sicht

Schon jetzt zeigt sich, dass die Einheitlichkeit der Studiengänge auf EU-Ebene noch nicht abzusehen ist, ja eventuell sogar überhaupt nicht erreicht werden kann. In einer Studie, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BmBF) in Auftrag gegeben hat, werden zwei grundsätzliche Probleme aufgezeigt, die auf nationaler Ebene unterschiedlich gelöst werden und daher die europaweite Einheitlichkeit gefährden. Die erste Schwierigkeit bringt die binäre Struktur des Hochschulsystems mit sich: Die Unterscheidung in Fachhochschulstudium mit mehr Praxisbezug und Universitätsstudium mit mehr Forschungsbezug führt zu zahlreichen Funktionsüberschneidungen, die für Verwirrung sorgen und von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt werden. Ungarn hat sich beispielsweise zur Abschaffung der binären Struktur entschlossen. Die zweite Schwierigkeit liegt in der unterschiedlichen Dauer der Studiengänge: Die gleiche Länge sowohl der Bachelor- als auch der Masterstudiengänge in allen Studienfächern und allen Staaten festzulegen scheint nicht möglich sein. Der Hochschulwechsel ist daher für Studierende noch immer mit Hindernissen verbunden und bedeutet oft eine Verlängerung der Studienzeit.

Die Einführungstermine der neuen Studiengänge schwanken von Staat zu Staat stark. Während in Norwegen und den Niederlanden der Reformprozess zumindest hinsichtlich der Einführung neuer Studiengänge bereits fast abgeschlossen ist, nennen andere Staaten zum Teil noch gar keine konkreten Termine. Deutschland bewegt sich trotz seiner föderalistischen Struktur im Mittelfeld: Laut BmBF wurden im Sommersemester 2005 bereits mehr als 2900 Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten, was einem Anteil von 27% am gesamten Studienangebot entspricht.

Arbeitgeber beurteilen neue Abschlüsse positiv

Vergleicht man die Ergebnisse der ersten Evaluierungen mit den 1999 in Bologna gesetzten Zielen, fällt die Zwischenbilanz trotz der erwähnten Umsetzungsprobleme schon jetzt positiv aus: Vor allem bei mittelständischen Arbeitgebern ist die Akzeptanz der Bachelor-Studiengänge sehr hoch. Eine stichprobenartige Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) unter seinen Mitgliedsunternehmen ergab, dass die Unternehmer "auf eine kurze und praxisnahe Ausbildung" setzen. Knapp 90% der Befragten haben, so BVMW-PräsidentMario Ohoven, "diese langjährige Forderung des Mittelstandes untermauert".

Als in Grundlagen geschulte Generalisten sind vor allem Abgänger der Fachhochschulen begehrt, weil sie die wichtigsten Schlüsselqualifikationen von akademischen Berufseinsteigern besitzen: Sie arbeiten selbstständig und haben bereits erste Berufserfahrungen gemacht. Im Vergleich zum bisherigen Akademikerprofil sind sie aber deutlich jünger und zeigen eine große Bereitschaft, sich relevantes Fachwissen anzueignen. Ihre Einstiegsgehälter liegen durchschnittlich 15% unter denen von Diplom- und Magisterabgängern. Die Qualifizierung durch einen Masterabschluss steht den Absolventen auch später noch frei. Vor allem berufsbegleitende Masterprogramme können sich auch für die Arbeitgeber als wertvolle Nachwuchsförderung erweisen. Der Einwand, dass mit der verkürzten Studienzeit bei Bachelor-Studiengängen ein akademischer Niveauverlust einhergehe und die Absolventen sich daher nicht auf dem Arbeitsmarkt behaupten könnten, scheint also entkräftet. Tatsächlich schafft das Bachelor-Studium ein Ausbildungsprofil, das es bisher nicht gab, für das aber bei Arbeitgebern eine große Nachfrage besteht.

Geisteswissenschaften mit neuer Rolle

Die Hochschulreform bedeutet für Studiengänge, die bereits einen hohen Praxisbezug aufweisen, kaum Veränderung: Vor allem die wirtschaftlichen und technischen Disziplinen der Fachhochschulen sind ohnehin schon so organisiert, dass sie den neuen europäischen Maßgaben entsprechen. Lediglich Fächer, die keinem klassischen Berufsbild entsprechen, werden sich grundsätzlich wandeln müssen. Gemeint sind insbesondere die Geisteswissenschaften. Die Quote arbeitsloser Akademiker mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund war bisher besonders hoch. Bildungsvertreter hoffen, dass die Verzahnung - insbesondere mit wirtschaftlichen Fächern - den gewünschten Praxisbezug bringt und sich für die Absolventen dadurch die Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt verbessern. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass diese neue Generation der Geisteswissenschaftler verstärkt soziale Werte und kulturelles Wissen in die Unternehmen und damit die Gesellschaft transportiert. Dadurch könnte sich die Spaltung zwischen gesellschaftlicher Realität und wirtschaftlicher Notwendigkeit verringern, wovon die Menschen gerade im Kontext von Hartz IV profitieren würden.

Fazit

So schwer sich manche Hochschulen mit der Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master auch tun: In der Wirtschaft kommen sie gut an, da die Absolventen jünger sind und einen größeren Praxisbezug haben.

Erstveröffentlichung und alle Rechte: Klett Themendienst


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