Lübecker Fraunhofer-Forscher gründen "Eis-Bibliothek" für Wildtierzellen
Alfred Brehm wäre begeistert gewesen: Forschern der Lübecker Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) ist es gelungen, Lebendzellen aus Wildtieren so zu isolieren, dass sie theoretisch für Jahrhunderte erhalten werden können. Dazu werden sie nach den Worten von Projektleiter Prof. Charli Kruse bei Minus 145 Grad Celsius in einen eisigen Tiefschlaf versetzt und einer Zellbank gelagert. Die Einrichtung mit der Bezeichnung "CRYO-BREHM Deutsche Zellbank für Wildtiere Alfred Brehm" ("cryo", griechich: Eis) gründen die Lübecker Forscher mit ihren Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) in St. Ingbert (Saarland) sowie kooperierenden Zoos.
27.05.2008 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein"Mit der Gründung einer solchen ,Eis-Bibliothek' hat die Lübecker Fraunhofer-Einrichtung eine weltweit beachtete Sammlung tierischer Zellen geschaffen, die nicht nur in wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht wertvoll ist. Die Zellbank ist auch ein bedeutender Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und wird den Forschungsstandort Schleswig-Holstein weiter profilieren", sagte Schleswig-Holsteins Wissenschaftsminister Dietrich Austermann heute (27. Mai) in Kiel. Für Prof. Kruse und sein Team werde mit CRYO-BREHM "ein wahrer Schatz geschaffen, ein generationsübergreifendes Lebendarchiv der Tierwelt, mit dem Wissenschaft und Wirtschaft langfristig auf den genetischen Reichtum der Natur zurückgreifen können."
Gründungsmitglieder von CRYO-BREHM sind neben den beiden Fraunhofer-Instituten der Tierpark Hagenbeck in Hamburg, der Zoologische Garten Rostock und der Neunkircher Zoologischen Garten im Saarland - eine Kooperation, die im November 2007 in Lübeck beschlossen wurde und die nach den Worten von Kruse weiter wachsen soll: "Wir wollen gerne mehr Zoos für unser Projekt gewinnen, aber auch andere Einrichtungen, die uns mit Zellmaterial von Tieren beliefern können."
Das besondere Know-how des CRYO-BREHM-Projektes liegt nach den Worten von Austermann in der Kompetenz der Lübecker Forscher vom EMB, aus unterschiedlichsten Geweben stabile, saubere und vermehrungsfähige Zellkulturen zu isolieren und für die Lagerung in der hochmodernen Eisbibliothek zu präparieren. Das technische Verfahren zur Isolierung von Zellgewebe wurde im EMB entwickelt und ist inzwischen durch die Fraunhofer-Gesellschaft weltweit zum Patent angemeldet. Entnommen werden in der Regel vermehrungsfreudige Zellen, die nicht nur die gesamte Information über die Art sondern auch die des individuellen Spendertieres enthalten. Die lebenden Zellen werden mit flüssigem Stickstoff gekühlt und sind später beliebig vermehrungsfähig. Das Besondere an der Sammlung ist, dass durch die entwickelten und verbesserten Isolationsverfahren der Wissenschaftler der Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) kein Tier sterben oder operative Eingriffe erdulden muss: Erst nach dem Ableben werden die Proben aus den verschiedensten Geweben isoliert.
Die Zusammenarbeit mit bisher drei Zoos in der Freien Hansestadt Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland garantiert laut Prof. Kruse ein kontinuierliches Anwachsen der Bestände. Bisher wird die Sammlung aus eigenen Forschungsmitteln und Spenden finanziert. Die Unterbringung und Versorgung der Zellbank mit flüssigem Stickstoff wird von der Fraunhofer-Gesellschaft getragen, die in der Kryotechnologie weltweit eine Vorreiterrolle einnimmt. Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt sind die Zell- und Kryobiologie soweit fortgeschritten, dass Lebend-Zellbanken in hoher Qualität und auf technisch automatisiertem und sicherem Niveau angelegt werden können. Vergleichbare Projekte gibt es mit dem "Frozen Zoo" in San Diego (USA), der "Frozen Ark" in Großbritannien und der "Specialised Collection of Domestic and Wild Animals" in Russland.
Für Prof. Günter Fuhr, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik (IBMT) und gleichzeitig geschäftsführender Direktor der EMB, ist der CRYO-BREHM "eine gesellschaftliche Aufgabe, die längst überfällig war. "Denn Biobanken dieser Art stellen die Bioressourcen der Zukunft dar. Sie sind für unsere Nachkommen so wichtig, wie es für unser Zeitalter die Kohlelagerstätten, Erdölfelder und Metallvorkommen gewesen sind. Da wir jetzt am Beginn einer biologisch orientierten Epoche stehen, gehört die Zukunft einer Gesellschaft, die sorgsam mit ihren Bioressourcen umgeht", so Fuhr.
Kryobanken sind laut Prof. Kruse zwar kein Ersatz für den Umweltschutz und die Biotoperhaltung, denn die Erhaltung der Arten in ihrer natürlichen Umgebung müsse oberste Priorität genießen. Aber der CRYO-BREHM sei ein grundlegender Beitrag, um die Artenvielfalt für nachkommende Generationen zu dokumentieren und zu erhalten. Kruse: "Schön wäre es, wenn ,CRYO-BREHM' so rasch zu einem Synonym für den Artenschutz würde, wie es ,Brehms Tierleben' schon vor gut 100 Jahren eindrucksvoll gelungen ist."
Keine Kommentare vorhanden