Philologenverband NRW

Studier-GAU nach Doppelabiturjahrgang befürchtet

Wenn im nächsten Jahr von den 179.000 Abiturienten ca. 129.000 einen Studienplatz u. a. in Nordrhein-Westfalen suchen, dürften viele Studierwillige durch die hohen Numerus clausus-Vorgaben der Universitäten schmerzhaft ausgebremst werden.

25.10.2012 Pressemeldung Philologenverband NRW (PhV NRW)

Seit Jahren fordert der nordrhein-westfälische Philologen-Verband die Landesregierung auf, für den Fall der sprunghaft anwachsenden Studierendenzahlen Vorsorge zu treffen. Unter der schwarz-gelben Landesregierung wurde noch eine interministerielle Arbeitsgruppe (Schul-, Wissenschaft-, Arbeitsministerium) eingerichtet und über die Ergebnisse wurden regelmäßig Lehrer- und Elternverbände informiert. Seit mehr als drei Jahren gibt es Gespräche nur noch hinter verschlossenen Türen. Ein Informations- und Erfahrungsaustausch findet nicht statt. Desinformationspolitik bestimmt das Bild.

Die Landesregierung vertröstet mit dem Versprechen, dass die Hochschulen gut gewappnet seien. Keiner wird verkennen, dass viele Universitäten das ihnen Mögliche unternehmen, um den ´Studierendenberg` zu untertunneln. Hierzu zählen u. a. die Flexibilisierung der Vorlesungszeiten, die Nutzung auch `unorthodoxer` Räumlichkeiten sowie die Beschäftigung weiterer Lehrkräfte. Ggf. können damit Spitzen der Unzumutbarkeit im Studium verhindert werden. Doch das Problem, dass viele Studienbereite in Nordrhein-Westfalen ihr gewünschtes Fach nicht wählen können und keine Chance auf einen Studienort in Nordrhein-Westfalen besitzen, ist damit nicht aus der Welt geschafft.

"Wir steuern auf eine Studier-Katastrophe zu! Es ist das Schlimmste, was zu befürchten war. Unter größten Anstrengungen wurde die Schulzeitverkürzung bewältigt, oft wurde erst nach Protesten pädagogisch `nachgerüstet`. Die Gymnasien gerieten unter heftigsten öffentlichen Druck und jetzt steht man vor der Situation, den Abiturienten und den Eltern kleinlaut erklären zu müssen, dass es zu wenig Studienplätze in NRW gibt. Das ist eine bodenlose Frechheit! Wir haben doch nicht acht Jahre sämtliche Mühen, Unzulänglichkeiten und Anfeindungen auf uns genommen, damit die fertigen Abiturienten jetzt in Warteschleifen eintreten, Wartezeiten hinnehmen müssen und das eingesparte Schuljahr wegen längeren Zuwartens völlig sinnlos wird", zeigt sich Peter Silbernagel äußerst verärgert über die Ignoranz der politisch Verantwortlichen.

Die Universitäten ihrerseits bemühen sich zwar, pochen allerdings auch auf Ihre Autonomie. Um dem Andrang der Studenten Herr zu werden, verschärfen sie in größerem Umfang die Zulassungsbedingungen. In einigen Hochschulen steigt der Numerus Clausus in immer mehr Fächern permanent von Semester zu Semester. Auch wenn sich Pauschalaussagen verbieten und die Situation von Universität zu Universität differenziert zu bewerten ist, sind doch einige Trends offensichtlich.

Die folgenden Aussagen beziehen sich dabei auf das Hauptverfahren der Einschreibung, nicht auf die Nachrückverfahren. Die hochschulinternen Kriterien variieren stark und das Dargestellte kann nur einen exemplarischen Einblick in die recht komplexe Praxis der Zulassungsmodalitäten und -verfahren geben.

  1. Blicken wir auf die beiden Hochschulen, die in Nordrhein-Westfalen im Wesentlichen für das Lehramt für Sonderpädagogik ausbilden. Dies sind Köln und Dortmund. Vergleicht man den erforderlichen Wert der Abiturdurchschnittsnote in Köln im Wintersemester 2011/12 in den Förderschwerpunkten Lernen plus geistige Entwicklung, Hören und Kommunikation sowie Emotionale/Soziale Entwicklung plus Sprache so lag die erforderliche Abiturdurchschnittsnote vor einem Jahr bei 2,3 und wurde zum aktuellen Wintersemester in den drei genannten Förderschwerpunkten angehoben auf 2; 2,1 sowie 2,2. Auch für das Lehramt der Sonderpädagogik in Dortmund erhöhten sich die Zulassungsbedingungen von Jahr zu Jahr. Im Wintersemester 2008/09 lag der Abiturdurchschnittswert noch bei 3,2; im WS 2010/11 bei 2,3; im WS 2011/12 bei 2,2 und im WS 2012/13 bei 2,0. Diese Verengung der Zugangsmöglichkeiten ist bemerkenswert und kontraproduktiv, wenn man bedenkt, dass in den nächsten Jahren wegen des Inklusionsprozesses tausende zusätzliche Förderschullehrkräfte benötigt werden. Die Landesregierung sieht sich veranlasst, beispielsweise ca. 2.500 Grundschullehrkräfte in Sonderpädagogik nachzuqualifizieren, um den entstehenden Bedarf annähernd auffangen zu können.
  2. Selbst in dem händeringend nachgefragten Fach Mathematik für das Lehramt Gymnasium/Gesamtschule liegt der notwendige Abiturdurchschnittswert in Köln aktuell bei 1,8 (vor einem Jahr ebenfalls bei 1,8); in Münster bei 2,0 (vor einem Jahr ebenfalls bei 2,0) und in Duisburg-Essen bei 2,4 (vor einem Jahr noch bei 2,7). Neben dem erforderlichen Abiturdurchschnittswert (WS 2011/12: 1,7) geht beispielsweise ab WS 2012/2013 in Aachen die Note eines Eingangstests in Mathematik in die Entscheidungsnote für die Aufnahme des Faches Mathematik ein (Gewichtung: 70 % Abiturnote; 30 % Ergebnis Mathematiktest).
  3. Für das Lehramt für Gymnasien/Gesamtschule im Fach Deutsch ist eine Abiturdurchschnittsnote in Bielefeld von 1,6 (WS 11/12: 1,6) notwendig; in Dortmund von 2,1 (2011/12: 1,8), in Köln von 2,1 (WS 11/12: 1,9); in Münster von 2,1 (WS 11/12: 2,2); in Duisburg-Essen von 2,1 (WS 11/12: 2,2) und in Bonn von 2,0 (WS 11/12: 3,4). Möchte man Englisch in Köln für das Lehramt Gymnasium/Gesamtschule studieren, benötigt man einen Abiturdurchschnitt von 1,9; in Duisburg-Essen ebenfalls von 1,9 (vor einem Jahr 2,2) und in Wuppertal von 2,4 (vor einem Jahr 2,6).
  4. Für das Lehramt für die Grundschule erwartet Dortmund einen Abiturdurchschnittswert von 2,2 und Wuppertal für die Fächer Deutsch und Mathematik für die Grundschule den Wert von 2,2 (vor einem Jahr 2,4). Anmerkung: In annähernd allen Fächern weist Wuppertal einen im aktuellen Wintersemester höheren Numerus Clausus aus.

Den jungen Menschen ist wenig damit gedient, wenn sich die politisch Verantwortlichen darauf zurückziehen, dass eben nicht jeder jedes Fach und an jedem gewünschten Ort studieren kann. Wenn auch das Gegenteil gleichermaßen nicht eingefordert werden kann, so stimmt es doch mehr als bedenklich, dass sich sehr viele Hochschulen nicht anders zu helfen wissen, als die Zulassungsbeschränkung in vielen Fächern von Semester zu Semester zu verschärfen.

Wie glaubwürdig ist eigentlich vor diesem Hintergrund die Ansage mancher Minister, man benötige viel mehr Akademiker als bisher, wenn gleichzeitig keine rechtzeitige Vorsorge im Hochschulbereich getroffen wird?


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