Von der Uni in den Job: Adäquanz der Beschäftigung Hochschulabsolvierender
Trotz zuletzt wieder leicht gesunkener Studierendenzahlen (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2024b) hat der Anteil an Personen mit tertiärer Bildungsbeteiligung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen (Destatis, 2024a). Von Björn Huß, Johann Carstensen, Hanna Mentges, Tim Albrecht
04.08.2025 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und WissenschaftsforschungDies wirft die Frage auf, inwiefern die dabei erworbenen Zertifikate und Kompetenzen vom Arbeitsmarkt aufgenommen und wirkungsvoll genutzt werden können. Die Passung von Beschäftigung und Qualifikation oder Fähigkeiten hat dabei zuletzt auch Eingang in die Diskussion um den nicht nur in Deutschland akut belastenden Fachkräftemangel gefunden(Cedefop, 2018; Vandeplas & Thum-Thysen,2019), der aus Sicht des ehemaligen Bundesarbeitsministers Hubertus Heil (SPD) das Potenzial hat, zur „zentralen Wachstumsbremse in Deutschland“ zu werden.1 Bisherige Lösungsansätze für dieses Problem zielen häufig eindimensional entweder auf die Angebotsseite und damit die Versorgung des Arbeitsmarktes mit angemessen qualifizierten und kompetenten Arbeitskräften ab oder setzen als nachfrageorientierte Lösungsansätze an den ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an, welche die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bestimmen und in Zukunft bestimmen werden.
Datengrundlage
Das Projekt Student Life Cycle Panel (SLC) ist eine Längsschnittstudie, in der die beiden DZHW-Vorgängerprojekte Studienberechtigtenpanel und Absolventenpanel integriert fortgeführt werden. Die dargestellten Untersuchungsergebnisse basieren auf der ersten Befragung von Hochschulabsolvent*innen des Prüfungsjahrgangs 2021, die im Wintersemester 2020/2021 oder im Sommersemester 2021 ihren ersten berufsqualifizierenden Studienabschluss oder einen Master erworben haben. Aufgrund der Länge der Feldzeit und des Prüfungsjahres variiert der Abstand von Studienabschluss zum Befragungszeitpunkt individuell zwischen ca. 1,5 bis 2,5 Jahren. An der Onlinebefragung haben im Winter 2022/23 bundesweit insgesamt 9.244 Hochschulabsolvent* innen teilgenommen. Diese Anzahl wurde um Fälle bereinigt, für die im Rahmen der Befragung keine ausreichenden Angaben zu ihrem Studienabschluss und Berufseinstieg vorlagen. Die folgenden Auswertungen beruhen auf insgesamt 5.045 Absolvent*innen, von denen 57 % einen Bachelor- und 43 % einen Masterabschluss erworben haben. Personen mit anderen Studienabschlüssen (Staatsexamen, Diplom) wurden für die Analysen nicht berücksichtigt.
In neueren Debattenbeiträgen wird hingegen auch die Passung zwischen den Fähigkeiten und Qualifikationen der Beschäftigten und den Anforderungen der jeweiligen Tätigkeiten fokussiert. Empirisch lässt sich dies etwa am Phänomen (in-)adäquater Beschäftigung (englisch: mismatch) festmachen. Als inadäquat gilt eine Beschäftigung sowohl dann, wenn die eigenen Qualifikationen und Fähigkeiten über oder unter den Anforderungen der ausgeübten Stelle liegen (vertikale Adäquanz), als auch dann, wenn sie nicht ideal zu den Stellenanforderungen passen (horizontale Adäquanz) –beispielsweise durch einen Studienabschluss in einem anderen Fachbereich.
Inadäquate Beschäftigung kann weitreichende individuelle, ökonomische und gesamtgesellschaftliche Folgen nach sich ziehen. Wenn Unternehmen Stellen nicht oder nur mit unterqualifizierten Arbeitnehmer:innen besetzen können, führt das zu Produktivitätseinbußen (Brunello & Wruuck, 2019; Sattinger, 1993; Vandeplas& Thum-Thysen, 2019). Für eine Beschäftigung überqualifiziert zu sein kann auf individueller Ebene hingegen mit geringeren Löhnen (Kracke et al., 2017), einer geringeren Jobzufriedenheit (Allen & van der Velden, 2001; Bischof,2021) und einer höheren Kündigungsneigung (Bischof, 2021) verbunden sein. Von großer Relevanz ist zudem, dass inadäquate Beschäftigung im Lebensverlauf kein vorübergehendes Phänomen ist. Personen mit einer Beschäftigung unterhalb ihres Qualifikationsniveaus sind auch längerfristig mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit unterwertig beschäftigt, was unter anderem mit einer unter diesen Umständen stagnierenden Kompetenzentwicklung zusammenhängen könnte (Cedefop, 2018).
Diese Befunde beziehen sich im Wesentlichen auf die vertikale Dimension von Beschäftigungsadäquanz, also die Passung von Qualifikation und Anforderungsniveau einer Beschäftigung. Der Forschungsstand zu den Folgen von horizontaler Beschäftigungsinadäquanz, also der unzureichenden Passung von Studienfach und inhaltlichen Stellenanforderungen, ist weniger eindeutig. Diese führt in den meisten Ländern nur in Kombination mit Überqualifizierung zu größeren Gehaltseinbußen (Montt, 2015), was ein Anhaltspunkt dafür ist, dass Bildungssysteme in der Regel ausreichendübertragbare Fähigkeiten vermitteln, wodurch viele Beschäftigte flexibel auf die Sättigung bestimmter Arbeitsmarktsegmente reagieren können.
Mit den Daten des Student Life Cycle Panels können sowohl die vertikalen als auch horizontalen Dimensionen der Beschäftigungsadäquanzuntersucht werden. Zudem bedient sich das Student Life Cycle Panel einer Lebensverlaufsperspektive mit der Zielsetzung, auch heterogene Lebensverläufe berücksichtigen zu können. Der vorliegende DZHW Brief beruht auf den Daten der ersten Welle der Hochschulabsolvent:innen des Jahrgangs 2021 und ist damit eher eine Momentaufnahme als ein Verlauf. Die individuellen Situationen sind dabei noch sehr heterogen. Darum betrachten wir als erste Bestandsaufnahme zunächst die Tätigkeit zum Befragungszeitpunkt (siehe Infobox Datengrundlage). Anschließend nehmen wir die Situation derer genauer unter die Lupe, die zu diesem Zeitpunkt bereits den Übergang in den Arbeitsmarkt vollzogen haben, und fokussieren uns auf die subjektiv eingeschätzte2 Adäquanz der Beschäftigungsverhältnisse in dieser frühen Phase nach dem Studienabschluss.
Wege nach dem Studienabschluss
Mit Erreichen eines Studienabschlusses stehen Hochschulabsolvent:innen vor der Entscheidung, ob sie in den Arbeitsmarkt übergehen oder eine weitere Qualifikation (Masterstudium, Promotion) verfolgen wollen. In manchen Fällen schließen sich Übergangstätigkeiten wie längere Reisen, Erziehungs- oder Pflegetätigkeiten oder Phasen der Arbeitssuche an; für manche Absolvent:innen führt der Weg in die Erwerbstätigkeit über Praktika. Einige dieser Tätigkeiten können auch zeitlich parallel stattfinden.
Erwerbstätigkeiten machen den größten Teil der Tätigkeiten der Absolvent:innen des Prüfungsjahres 2021 in der Frühphase nachdem Erwerb des Studienabschlusses aus: 62 % haben eine nichtselbstständige Erwerbstätigkeit aufgenommen, während 9 % selbstständig erwerbstätig ind. 40 % der Absolvent:innen befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einem weiteren Studium, 7 % der Befragten promovieren.
Erwartungsgemäß unterscheidet sich die Tätigkeit nach dem Studienabschluss stark nach der Abschlussart (siehe Abbildung 1): Während mit 85 % ein Großteil der Masterabsolvent:innen zum Befragungszeitpunkt bereits erwerbstätig ist (76 % nichtselbstständig und 9 % selbstständig), sind es unter den Bachelorabsolvent:innen lediglich 60 % (52 % nichtselbstständig und 8 % selbstständig). Für 47 % der erwerbstätigen Bachelorabsolvent:innen findet diese Erwerbstätigkeit zudem parallel zum Studium statt (MA: 3 %, nicht dargestellt). 63 % der Absolvent:innen eines Bachelorabschlusses sind zum Befragungszeitpunkt in einem weiteren Studium; unter den Masterabsolvent:innen sind es lediglich 4 %.
Ein Großteil der Absolvent:innen ist zum Befragungszeitpunkt somit bereits in eine Erwerbstätigkeit übergegangen. Insbesondere bei Bachelorabsolvent:innen finden parallel zur Erwerbstätigkeit jedoch häufig weitere Bildungsqualifizierungen, etwa ein Folgestudium, statt. Um sicherzugehen, dass sich unsere Analysen zur Beschäftigungsadäquanz auf reguläre Erwerbstätigkeiten nach dem Studienabschluss beziehen, berücksichtigen wir für die Auswertungen ausschließlich Erwerbstätigkeiten ohne parallele Studien- oder Ausbildungsphasen und mit gültigen Werten auf allen untersuchten Merkmalen (n = 2.039).
Sind Hochschulabsolvent:innen nach ihrem Studienabschluss adäquat beschäftigt?
Eine fehlende Passung zwischen Berufs- und Bildungsabschluss und Beschäftigung entsteht nicht zufällig, sondern wird von verschiedenen Merkmalen beeinflusst (Kracke, 2018). Der nationale Forschungsstand zeigt, dass für Hochschulabsolvent:innen insbesondere die studierte Fachgruppe einen bedeutsamen Einflussfaktor ausmacht (Plicht et al., 1994) und vor allem Geistes- und Erziehungswissenschaftler:innen von inadäquater Beschäftigung betroffen sind. Fachgruppen, die den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zugeordnet werden, gehen hingegen eher mit einer adäquaten Beschäftigung einher (Binder et al., 2021; Fehse & Kerst, 2007). Darüber hinaus sind geschlechtsspezifische Unterschiede zu erwarten, da Frauen seltener MINT-Studiengänge wählen (Binder et al., 2021), nach der Familiengründung häufiger in Teilzeit arbeiten und seltener mobil sind als Männer (Fehse & Kerst, 2007; Kleven et al., 2019). Neben diesen beiden Merkmalen betrachten wir in den folgenden Analysen Unterschiede nach der Hochschul- und Abschlussart, die Informationen über den Grad der Passung zwischen den Fähigkeiten und Qualifikationen von Absolvent:innen und den Anforderungen ihrer Stellen liefern.
Entspricht die berufliche Position dem Hochschulabschluss?
Die große Mehrheit der Hochschulabsolvent:innen des Prüfungsjahres 2021 sieht sich zum Befragungszeitpunkt als adäquat beschäftigt. Knapp drei Viertel (74 %) der befragten Personen in selbstständigen oder abhängigen Beschäftigungsverhältnissen bewerten ihre berufliche Position im Verhältnis zu ihrer Qualifikation als (genau) richtig. Lediglich 13 % sehen sich als (deutlich) höher und weitere 13 % als (deutlich) niedriger beschäftigt, als es ihr Hochschulabschluss erwarten ließe (siehe Abbildung 2).
Beschäftigungsadäquanz
Für die Messung von Beschäftigungsadäquanz existieren verschiedene Indikatoren. Diese informieren aus unterschiedlichen Perspektiven darüber, inwiefern eine Person entsprechend ihrem Berufs- und Bildungsabschluss beschäftigt ist. In diesem DZHW Brief werden zwei subjektive Maße genutzt, die eine vertikale und eine horizontale Dimension von Adäquanz abbilden. Die vertikale Dimension basiert auf einer Selbsteinschätzung der Befragten darüber, inwieweit ihre aktuelle berufliche Position („Positionsadäquanz“) ihrem Hochschulabschluss entspricht. Die Antwortmöglichkeiten reichen jeweils von „1 – deutlich höher beschäftigt“ bis „9 – deutlich niedriger beschäftigt“. Um die Interpretierbarkeit zu verbessern, sind in den deskriptiven Auswertungen jeweils drei Ausprägungen zusammengefasst, sodass dort zwischen „(deutlich) höher beschäftigt“ (Ausprägungen 1-3), „genau richtig beschäftigt“ (Ausprägungen 4-6) und „(deutlich) niedriger beschäftigt“ (Ausprägungen 7-9) differenziert wird. Die Regressionsmodelle mit der Positionsadäquanz als abhängiger Variable werden hingegen getrennt nach Über- und Unterqualifikation geschätzt. Die Ausprägungen 1 bis 5 sind als „nicht überqualifiziert“ aggregiert, während die Ausprägungen 6 bis 9 lineare Steigerungsgrade von Überqualifikation abbilden. Analog dazu gelten die zusammengefassten Ausprägungen 5 bis 9 als „nicht unterqualifiziert“ und die Ausprägungen 1 bis 4 bilden die linearen Steigerungsgrade von Unterqualifikation. Die horizontale Dimension subjektiver Beschäftigungsadäquanz basiert auf einer Selbsteinschätzung der Befragten darüber, inwiefern sie entsprechend ihrer fachlichen Qualifikation – also der Studienrichtung – beschäftigt sind („Fachadäquanz“). Die Antwortmöglichkeiten reichen von „1 – ja, auf jeden Fall“ bis „5 – nein, auf keinen Fall“. Da die dargestellten Indikatoren der Beschäftigungsadäquanz anhand unterschiedlicher Messinstrumente erhoben wurden, lassen sich die absoluten Werte nur bedingt miteinander vergleichen. Eine Gegenüberstellung von Gruppenunterschieden ist hingegen möglich.
Geschlechts- und fachspezifische Unterschiede sind hingegen wenig ausgeprägt: Frauen (72 %) sind im Vergleich zu Männern (76 %) etwas seltener adäquat und häufiger überqualifiziert beschäftigt (16 % zu 10 %). Absolvent:innen von MINT-Studiengängen sind mit 10 % seltener überqualifiziert beschäftigt als solche anderer Fächergruppen (15 %). In der Bewertung der beruflichen Position zeigen sich darüber hinaus hochschulartspezifische Unterschiede zwischen Absolvent:innen von Bachelorstudiengängen (Uni: 67 %; HAW: 76 %) und Masterstudiengängen (Uni: 76 %; HAW: 72 %). Dies könnte unter anderem auf die traditionell unterschiedlichen Ausrichtungen von Universitäten und HAW zurückzuführen sein (Wissenschaftsrat, 2010): Das Studium an Universitäten folgt in der Regel einem theoretisch-wissenschaftlichen Ansatz. Dieser erfordert eine tiefgehende und zeitintensive akademische Ausbildung. Aus Perspektive vieler Studierender und Arbeitgeber:innen ist diese mit dem Bachelorstudium noch nicht abgeschlossen: Unter den befragten Bachelorabsolvent:innen haben lediglich 21 % weder ein Masterstudium aufgenommen noch eine Intention, dies zu tun. Mit 13 % ist dieser Anteil an Universitäten wesentlich geringer ausgeprägt als an HAW mit 33 % (nicht dargestellt). Der höhere Anteil inadäquat beschäftigter Bachelorabsolvent:innen von Universitäten könnte folglich auf längere Findungsphasen zum Berufseinstieg hindeuten, auf welche ggf. noch ein späteres Masterstudium folgt. HAW hingegen setzen primär auf eine praxisnahe Ausbildung mit stärkerem Anwendungsbezug. Sie richten sich sowohl hinsichtlich des Fächerangebots als auch des Studienaufbaus stark an den Anforderungen des Arbeitsmarktes aus. Dies ermöglicht HAW-Bachelorabsolvent:innen gegenüber solchen von Universitäten möglicherweise einen einfacheren Übergang in den Arbeitsmarkt hinsichtlich der Aufnahme einer positionsadäquaten Beschäftigung. Auch andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ein HAW-Bachelor gegenüber einem Universitäts-Bachelor oder einer Berufsausbildung zum Berufseinstieg mit einem vergleichsweise hohen Gehalt und geringer Arbeitslosigkeit einhergeht (Ertl, 2013; Neugebauer & Weiss, 2017).
Insgesamt zeigen sich bei der vertikalen Adäquanz nur moderate Unterschiede in den Differenzierungsmerkmalen Geschlecht, Studienrichtung und Hochschulart. Dies könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass die Hochschulabsolvent:innen nach dem Berufseinstieg zunächst nur über sehr begrenzte Vergleichsmöglichkeiten verfügen, wodurch eine differenzierte Betrachtung ihrer Beschäftigungssituation erschwert wird. In solchen Situationen antworten Befragte auf mehrstufigen Skalen häufig mit einer „Tendenz zur Mitte“ (Baur & Blasius, 2014), welche zu einer geringen Varianz in den Antworten führt.3
Entspricht die Beschäftigung der Studienrichtung?
Die in Abbildung 3 dargestellte Fachadäquanz informiert als horizontale Dimension hingegen darüber, in welchem Maße die aktuelle Tätigkeit der fachlichen Studienrichtung entspricht. Insgesamt berichten vier Fünftel (79 %) der befragten Hochschulabsolvent:innen des Prüfungsjahres 2021 eine Fachadäquanz auf der höchsten („ja, auf jeden Fall“) oder zweithöchsten Ausprägung der Antwortskala. Lediglich 10 %4 der Befragten geben an, (im Wesentlichen) fachinadäquat beschäftigt zu sein. Männer mit 83 % (Frauen: 76 %) sowie Absolvent:innen aus dem MINT-Bereich mit 85 % (andere Studienbereiche: 76 %) sind besonders häufig fachadäquat beschäftigt. Darüber hinaus sind Masterabsolvent:innen sowohl von Universitäten (81 %) als auch von HAW (82 %) häufiger fachlich ihrem Studienabschluss entsprechend beschäftigt als Bachelorabsolvent:innen (Uni: 68 %; HAW: 79 %). Insgesamt fallen die Unterschiede zwischen den Abschlussarten an Universitäten wesentlich größer aus als an HAW und sind auch nur für die erste Gruppe statistisch signifikant – ein weiterer Hinweis darauf, dass ein HAW-Bachelor möglicherweise eher eine adäquate Arbeitsmarktintegration ermöglicht als ein Uni-Bachelor.
Was beeinflusst die Positionsadäquanz?
Die in den deskriptiven Abbildungen präsentierten Ergebnisse liefern einen Überblick über die Anteile (in-)adäquater Beschäftigung der Hochschulabsolvent:innen 2021 in den verschiedenen Adäquanzdimensionen. Sie ermöglichen hingegen keine Aussagen darüber, ob diese Unterschiede unabhängig von anderen Einflussfaktoren sind. Zur Annäherung an diese Fragen erfolgt im letzten Analyseschritt die Berechnung von multiplen linearen Regressionen. Diese ermöglichen es, Zusammenhänge zwischen den Differenzierungsmerkmalen, etwa eine geschlechtsspezifische Wahl der Studienrichtung, zu berücksichtigen und um diese Einflüsse bereinigte Effektschätzungen zu berechnen. Zuletzt betrachten wir mit derselben Methode, wie die subjektiven vertikalen und horizontalen Adäquanzdimensionen miteinander zusammenhängen.
In Abbildung 4 sind die Ergebnisse von vier linearen Regressionsmodellen dargestellt. Auf der linken Seite ist ersichtlich, welchen Einfluss die unabhängigen Variablen auf die selbst eingeschätzte Positionsadäquanz hinsichtlich einer Überqualifikation haben. Dabei werden für Bachelor- und Masterabsolvent:innen getrennte Modelle ausgewiesen. Auf der rechten Seite wiederum ist der Einfluss der unabhängigen Variablen auf die selbst eingeschätzte Positionsadäquanz hinsichtlich einer Unterqualifikation dargestellt. Als unabhängige und somit erklärende Merkmale fließen das Geschlecht, die Studienrichtung, die Hochschul- und die Abschlussart in die Modelle ein.
Unter gegenseitiger Kontrolle aller Merkmale zeigt sich lediglich ein signifikant von Null abweichender Effekt des Geschlechts auf die Überqualifikation: Frauen mit einem Bachelorabschluss sind häufiger überqualifiziert beschäftigt als Männer mit einem Bachelorabschluss. Von der Studienrichtung und der Hochschulart gehen hingegen keine substanziellen Effekte aus.
Die größte Erklärungskraft für eine positionsinadäquate Beschäftigung liefert die Fachinadäquanz. Dieser Zusammenhang ist in Abbildung 5 dargestellt. Auf der X-Achse ist die Fachadäquanz abgetragen, auf der Y-Achse die aus dem Modell für das jeweilige Niveau vorhergesagte Ausprägung auf der jeweiligen Skala für Über- bzw. Unterqualifikation (1 – nicht über-/ unterqualifiziert bis 5 – deutlich über-/unterqualifiziert). Die Analysen wurden für Bachelorund Masterabschlüsse differenziert berechnet, wobei die Abschlussarten sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Sowohl Bachelorals auch Masterabsolvent:innen sind besonders häufig überqualifiziert und besonders selten unterqualifiziert beschäftigt, wenn sie in fachfremden Bereichen arbeiten. Der Studienabschluss verliert in der akademischen Berufseinstiegsphase auf dem Arbeitsmarkt somit offenbar an Bedeutung, wenn die Tätigkeit nicht der fachlichen Qualifikation entspricht. Der Effekt ist allerdings für Unterqualifikationen wesentlich schwächer ausgeprägt.
Fazit und Ausblick
Die große Mehrheit der Masterabsolvent:innen des Prüfungsjahrgangs 2021 ist zum Befragungszeitpunkt bereits berufstätig, während sich Bachelorabsolvent:innen häufig noch in einem weiteren Studium befinden. Unsere Analysen zeigen, dass die im Studium erworbenen Zertifikate auf dem Arbeitsmarkt mehrheitlich adäquat verwertet werden und in Beschäftigungen mit einem angemessenen Niveau der Aufgaben und der Position münden. Geringfügige Unterschiede zeigten sich hinsichtlich Geschlecht, Studienbereich und Hochschul- bzw. Abschlussart. In vertiefenden multiplen Regressionsanalysen erwiesen sich jedoch lediglich die geschlechtsspezifischen Unterschiede für Bachelorabsolvent:innen und in Bezug auf Überqualifikationen als statistisch robust. Dies ist bildungspolitisch von hoher Relevanz, insbesondere wenn die höhere Wahrscheinlichkeit einer unterwertigen Beschäftigung von Bachelorabsolventinnen unfreiwillig besteht. Die Regressionsanalysen konnten zudem zeigen, dass Absolvent:innen häufiger überqualifiziert und seltener unterqualifiziert beschäftigt sind, wenn sie nicht ihrer Fachrichtung entsprechend arbeiten. Dies spricht dafür, dass erworbene Zertifikate bei starker fachlicher Abweichung auf dem Arbeitsmarkt an Wirkung verlieren. Auf individueller Ebene können damit für die Betroffenen Einkommensverluste und gesunkene Karrierechancen, aber auch Unterforderung verbunden sein, was wiederum zu einer niedrigeren Lebenszufriedenheit führen kann. Gesamtgesellschaftlich kann davon ausgegangen werden, dass fachfremde Beschäftigungen mit einem ineffizienten Einsatz von Bildungsabschlüssen zusammenhängen, in dem die Potenziale der Absolvent:innen unberücksichtigt bleiben (Reichelt & Vicari, 2014). Ob dies eher an der Reaktion der Arbeitgeber:innen auf Zertifikate mit fachlich geringer Passung, an der Spezifizität der erworbenen Kompetenzen oder an anderen (messtheoretischen) Gründen liegt, ist ein wichtiger Ansatzpunkt für zukünftige Forschungsvorhaben.
Die vorliegenden Analysen werfen ein Schlaglicht auf die dynamische (Arbeitsmarkt-) Situation von Hochschulabsolvent:innen zu einem frühen Zeitpunkt nach erfolgreicher Beendigung des Studiums. Um mögliche Veränderungen im Verlauf der weiteren Lebenswege der Absolvent:innen berücksichtigen zu können, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt mit neuen Daten des Student Life Cycle Panels die Gelegenheit eines umfassenden Rückblicks dieser Kohorte unter Berücksichtigung ihrer gesamten Bildungs- und Berufsverläufe nutzen und unsere Befunde aus diesem Bericht mit späteren Befunden kontrastieren. Möglich wäre etwa, dass sich direkt in den Arbeitsmarkt übergegangene Bachelorabsolvent:innen hinsichtlich ihrer Beschäftigungsadäquanz auch nach Jahren noch von denjenigen unterscheiden, die zunächst noch eine Ausbildung oder eine alternative Tätigkeit aufgenommen haben. Außerdem ist es möglich, dass bestimmte Wirkungen von Arbeitsmarktverläufen erst mit Verzögerung eintreten (Pfadabhängigkeit), Personen auch nach einem Arbeitsmarkteintritt noch einmal weitere Bildungsphasen anschließen oder andere Formen nichtlinearer Verläufe aufweisen (Doppelqualifizierung, berufsbegleitendes Studium). Hierzu wird uns die reichhaltige Datenfülle befähigen, die durch den Aufbau des Student Life Cycle Panels als Panelstudie auf der Basis von Kohortenstichproben entsteht.
Von Björn Huß, Johann Carstensen, Hanna Mentges, Tim Albrecht
Erstveröffentlichung: DZHW-Brief 03 2025 (hier finden sich zugehörige Quellen und Abbildungen).
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1 „Wenn wir uns jetzt nicht kümmern, wird das Problem Arbeits- und Fachkräftemangel zur zentralen Wachstumsbremse in Deutschland“, sagte der ehemalige Arbeitsminister Hubertus Heil bei einem Fachkräftekongress der Regierung in Berlin. Siehe https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsmarkt-wachstumsbremse-fachkraeftemangel-habeck-und-heil-warnen-dpa.urn-newsmldpa-com-20090101-240226-99-124508. 2 Der Beitrag fokussiert die subjektive Einschätzung der Befragten zur Adäquanz ihrer Beschäftigungsverhältnisse, da diese stärker mit den individuellen Auswirkungen inadäquater Beschäftigung (u. a. Zufriedenheit mit dem Beruf und damit einhergehende Kündigungsneigung) verbunden ist. Neben der subjektiven Einschätzung könnte auch die objektive Adäquanz herangezogen werden, die im Folgenden jedoch nicht berichtet wird.
3 Studien, die auf objektive Indikatoren der Beschäftigungsadäquanz zurückgreifen, weisen insbesondere Unterschiede in der Abschlussart auf: Während die Mehrheit der Bachelorabsolvent:innen nach objektiven Maßstäben unterqualifiziert beschäftigt ist (siehe z. B. Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2022), bewerten sie ihre subjektive berufliche Position häufig als adäquat. Dies kann möglicherweise einer unzureichenden Passung des beruflichen Anforderungsniveaus der Klassifikation der Berufe (KldB), auf der objektive Adäquanzmessungen in der Regel basieren, in Bezug auf Bachelorabschlüsse geschuldet sein. Es könnte auch darauf hindeuten, dass bei Bachelorabsolvent:innen die subjektive Bewertung ihrer Beschäftigung unmittelbar nach dem Übergang auf den Arbeitsmarkt aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten stärker von der objektiven Beschäftigungsadäquanz abweicht als in späteren Karrierephasen.
4 Geringfügige Abweichungen gegenüber den Werten aus den Abbildungen sind rundungsbedingt.
- Hochschulen: Fundament für Innovationen
- Gender Education Gap: Hochschulreife erwerben zu 55 % Frauen
- Erstabsolventenquote an Hochschulen 2023 bei 32 %
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