Welche Lehrer braucht das Land?

(bikl) Sie sind Sozialarbeiter, Entwicklungshelfer und Reparaturdienst. Sie sind Experten für Mathematik, Deutsch oder Biologie. Sie werden seit Jahren regelmäßig mit Reformen überschüttet, müssen sich gelegentlich als "faule Säcke" beschimpfen lassen oder sind Hassobjekt: die Lehrer. Doch was sollen Lehrer eigentlich leisten und wie erhalten sie die dafür notwendigen Kompetenzen? Mit anderen Worten: Welche Lehrer braucht das Land? Darüber und über die Lehrerbildung als zentrale Aufgabe der Bildungsreform diskutierten bei den diesjährigen Reckahner Bildungsgesprächen Wissenschaftler, Politiker und Praktiker.

18.05.2007 Artikel
  • © Förderverein Historisches Reckahn e.V.

Bereits zum zweiten Mal hatte der VdS Bildungsmedien in Kooperation mit der Universität Potsdam, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität Dresden zu den Reckahner Bildungsgesprächen eingeladen. Im vergangenen Jahr ging es um Bildungsstandards, diesmal diskutierten die Teilnehmer über die Lehrerbildung.

Vieles läuft falsch

Die Ausgangslage ist klar: Mit einer besseren Lehrerausbildung sollen Schule und Unterricht besser werden. Aber nach wie vor, so resümierte Ewald Terhart, Prof. für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Universität Münster, läuft in der Lehrerausbildung vieles falsch. So kritisierte der Wissenschaftler, der maßgeblich an der Entwicklung der KMK-Standards für die Lehrerausbildung mitgewirkt hat, dass eine spezielle Didaktik der Lehrerbildung - von der Universität über das Studienseminar bis zur Weiterbildungsveranstaltung - nicht existiere. Außerdem sei die Verantwortung zu breit verteilt und Probleme würden dann gern im "Kreis herumgereicht." Und schließlich, so Terhart, sei es um die Weiterbildung des Ausbildungspersonals in der zweiten Phase nicht gerade gut bestellt.

Hier will Sachsen mit gutem Beispiel vorangehen, so berichtete die sächsische Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange. Alle Mentoren, die die Lehramtsstudenten an den Schulen begleiten, werden konsequent geschult und außerdem in die Ausbildung der ersten Phase – also in die Hochschulausbildung - miteinbezogen.

Mehr Professionalität durch Bachelor und Master?

Ohnehin möglich, dass die – nicht von allen geliebte – Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge auch die Lehrerausbildung positiv verändern wird. Denn eines, das wurde in den Diskussionen deutlich, hat die Umstellung wohl bewirkt: Noch nie ist in den Hochschulen so intensiv über Studiengangsplanung gearbeitet worden und waren die Lehrenden verpflichtet, sich über Studieninhalte verständigen. So prognostizierte Dr. Hans-Gerhard Husung, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in Berlin, dass durch die Reform ein höheres Maß an Professionalität entstehe als bisher.

Beispiel Finnland

Auch wenn zwischendurch über mögliche Vorteile der alten Ausbildung an pädagogischen Hochschulen debattiert wurde, ein Zurück dorthin wollte niemand propagieren. Und wie bei jeder Bildungsdiskussion in den vergangenen Jahren durfte auch in Reckahn der Blick nach Finnland nicht fehlen, wo man sich den Luxus leistet, nur die besten Anwärter zum Lehrerstudium zuzulassen. In Deutschland hingegen, so berichtete die ehemalige Vorsitzende des Bundeselternrats, Renate Hendricks, kursiere mittlerweile unter den Studienanfängern der Spruch: ´Wer nichts wird, wird Lehrer.´

Könnte also auch hierzulande ein Eignungstest die Rettung sein, um zu erreichen, dass nur die am besten für den Beruf Geeigneten auch Lehrer werden, und nicht die, die auf einen sicheren Halbtagsjob mit Ganztagsbezahlung setzen? Dafür aber, so Terhart, gebe es keine verlässlichen Instrumentarien. Die sächsische Wissenschaftsministerin plädierte stattdessen für freiwillige Test, mit denen angehende Studenten selbst ihre Eignung prüfen könnten. Ein solches Projekt wird derzeit an der TU Dresden diskutiert. Wichtig sei außerdem die Beratung während der Bachelorphase, durchaus auch mit der Empfehlung, nicht den Lehrerberuf zu wählen.

Spätestens dann, wenn Lehrer in den Beruf starten sollen, müsse der Staat genau gucken, an wen er sich binde, empfahl Ewald Terhart. Gestaffelte, zeitlich gestreckte Verfahren könnten eine einmalig endgültige Entscheidung ersetzen und Fehlentscheidungen vermeiden. Ein Vorschlag, der gewiss nicht überall auf Gegenliebe stößt.

Entscheidend: die Berufseingangsphase

Überhaupt stand weniger die universitäre Ausbildung im Zentrum der Diskussion als vielmehr Referendariat und Berufseinstieg. Denn das war Konsens: Lehrer wird man erst im Beruf. Bloß, dass die Berufsanfänger dort bislang ziemlich allein gelassen werden, kritisierte Prof. Ulrich Herrmann von der Universität Tübingen. "Wie jemand mit Kindern und Jugendlichen umgeht, das kann er nur im Beruf lernen. Die Berufseingangsphase ist die entscheidende Phase, in der man das lernt, was man Berufsfähigkeit nennt. Aber derzeit kommen die Lehrer nach dem Referendariat in die Schule und ihre Selbstbeschreibung lautet, als Einzelkämpfer das schiere Überleben zu sichern. Man beraubt sie der Möglichkeit, ihren Beruf wirklich erlernen zu können", so sein Vorwurf.

Da könnte das Beispiel Hamburg Schule machen. Hier nämlich, so berichtete Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung, soll jungen Lehrerinnen und Lehrern die Integration an den Schulen in einem Pilotprojekt erleichtert werden. Dazu zählen etwa schulbezogene Startmappen und ein schulischer Pate für die neuen Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig werden schulformbezogene Austauschgruppen und individuelle Coaching-Termine für die jungen Lehrer organisiert. Die Angebote sind freiwillig und kostenlos. Ein ähnliches Projekt für die Berufseingangsphase gibt es jetzt auch in Brandenburg.

"Lehrer sind lernfähig"

Sind Lehrerberuf und Lehrerarbeit eigentlich reformierbar, fragte schließlich Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler und ehemaliger Vizepräsident der HU Berlin. Sein Fazit: Schule werde sich in den nächsten Jahren nicht ändern, weil sich die Lehrerbildung geändert hätte, sondern in erster Linie durch veränderte Rahmenbedingungen. Dazu zählten zum Beispiel Standardisierung und Leistungsmessung.

Denn das was, negativ als ´teaching to the test´ wahrgenommen werde, zwinge zugleich die Akteure, etwas anderes zu tun. So hätten die Berliner Mathematiklehrer nach den ersten PISA-Ergebnissen innerhalb von drei Jahren gelernt, statt Algorithmus-Aufgaben problemorientierte Aufgaben zu formulieren und Berliner Schüler hatten plötzlich gute Mathematikergebnisse. Das, so sein Schlusswort, erwarte er auch für andere Bereiche. "Einfach deswegen, weil Lehrer lernfähig sind und weil sie sich ungern öffentlich als dumm darstellen lassen."


Weiterführende Links

  • KMK-Standards für die Lehrerbildung (.pdf)

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