"Wir müssen das Kind wieder in den Mittelpunkt stellen"

(bikl/pm) Mit mehr als 2000 Teilnehmern aus 25 Ländern ging am Mittwoch der 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zu Ende. Damit war die Dresdner Fachtagung die größte bisher in der Geschichte der DGfE, die alle zwei Jahre Erziehungswissenschaftler und Pädagogen im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zum wissenschaftlichen Austausch zusammenführt.

20.03.2008 Artikel

Der Kongress setzte sich in mehr als 150 Fachveranstaltungen mit dem Thema "Kulturen der Bildung" auseinander. "Wie muss man heute pädagogisch handeln", fragte Prof. Dr. Rudolf Tippelt, Vorsitzender des Vorstands der DGfE, in seiner Eröffnungsrede, "angesichts weltweiter Migration, Globalisierung und deutlich ungleicher Lebenslagen im eigenen Land." Die hohen Abbrecherquoten an unseren Schulen, die Brüche in lebensgeschichtlichen Übergängen, die massive Verhinderung von Bildung aufgrund von Migration – das sind Fragen, auf die die moderne Erziehungswissenschaft Antworten finden und aus einer Gestaltungs- und Akteursperspektive heraus politisch verhandeln muss.

Immer wieder kritisierten die Erziehungswissenschaftler die zu geringen Investitionen in den Bildungssektor in Deutschland. Wie der auf dem Kongress präsentierte "Datenreport der Erziehungswissenschaft 2008" belegt, ist die Zahl der Professuren seit 2002 um neun Prozent gesunken – und das bei steigenden Studentenzahlen. Wie soll "Wissen in Einstellungen und Verhalten angeeignet", wie soll "soziale und emotionale Kompetenz in der Gesellschaft herausgebildet" werden, wie Prof. Dr. Rita Süssmuth in ihrer Eröffnungsrede zum Kongress formulierte, wenn künftige Lehrer nur eine Ausbildung "auf Sparflamme" erhielten. "Zwei Dinge müssen gelingen", brachte die Bundestagspräsidentin a. D. die aktuelle Debatte auf den Punkt. "Wir müssen das Kind wieder in den Mittelpunkt stellen und die Pädagogen mit der Wertschätzung versehen, die ihnen zukommt."

Politischen Sprengstoff enthielt auch der Vortrag von Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld, der mit seiner Studie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Desintegrationserfahrung und rechtsextremistischem Verhalten nachwies. Ein Forum "Gewalt und Pädagogik" nahm die öffentlichen Forderungen nach mehr Härte, Strafe und Disziplin im Zusammenhang mit jugendlichen Straftätern auf und kritisierte sie deutlich. "Das ist gleichzusetzen mit der Wiederkehr einer deutschen repressiven Erziehung und mit der Abkehr von längst errungenen Prinzipien, wie der Erziehung zur Mündigkeit", urteilte Prof. Dr. Hans Thiersch als einer der Initiatoren.

Viel beachtet wurden auch die Ergebnisse einer WHO-Studie zum Gesundheitsverhalten von Schülern, die Prof. Dr. Wolfgang Melzer von der TU Dresden für den sächsischen Raum zu verantworten hat. Nach dieser internationalen Studie, die in Umfang und Bedeutung mit der PISA-Studie zu vergleichen ist, leiden ältere Schüler zunehmend an psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen, Einschlafstörungen oder Niedergeschlagenheit. Was daran betroffen macht, ist der Zusammenhang zwischen Krankheit und der jeweiligen "Schulkultur" – also der Institution Schule mit ihrer Atmosphäre, ihrer Einstellung zum Schüler und ihren Angeboten.


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  • Informationen zum Kongress

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