Wo bleibt die exzellente Lehre?

Mit 1,9 Milliarden Euro wird die Spitzenforschung in Deutschland im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert. Damit, so heißt es auf den Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), soll der Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig gestärkt, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert und Spitzen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich sichtbarer gemacht werden. Weil aber Hochschulen gleichermaßen für Forschung und Lehre zuständig sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Ruf nach einer Exzellenzinitiative für die Lehre laut wurde.

01.02.2008 Artikel
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So trübte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Jürgen Zöllner, zu Beginn seiner Amtszeit im Januar 2007 den allgemeinen Jubel über die Exzellenzinitiative mit der Forderung nach einer vergleichbaren Initiative für die Lehre. Tatsächlich startete die KMK auch schon bald danach, nämlich im Juni, unter seinem Vorsitz die "Qualitätsoffensive exzellente Lehre". Die KMK-Amtschef-Kommission "Qualitätssicherung in Hochschulen" sollte konkrete Vorschläge entwickeln, und dabei den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einbeziehen. Der hat immerhin schon Erfahrung mit ausgezeichneter Lehre, schließlich hat er im vergangenen Jahr bereits - gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) - zum dritten Mal den "Ars legendi-Preis für exzellente Hochschullehre" vergeben. Preise für gute Lehre gibt es übrigens reichlich: auf Länderebene oder innerhalb der einzelnen Hochschulen. Aber eine bundesweite Exzellenzinitiative zu etablieren, die auf die vergleichende Bewertung der Lehre an deutschen Hochschulen setzt, scheint weitaus schwieriger. Ursprünglich nämlich sollte auf der KMK-Sitzung im Oktober 2007 eine Grundsatzentscheidung zur "Qualitätsoffensive exzellente Lehre" getroffen werden. Das Thema wurde jedoch verschoben. Nun soll es im kommenden Sommer auf der Tagesordnung stehen.

Ähnlich die Entwicklung beim Wissenschaftsrat. Er bastelt schon etwas länger an einem Bewertungssystem für die Hochschullehre. Seit dem Frühjahr 2006 befasst sich sein Ausschuss "Lehre" mit dem Thema "Stärkung der Qualität der Hochschullehre". Dabei sollen unter anderem Qualitätsbewertungssysteme entwickelt werden. Die Verabschiedung war für November 2007 geplant, ist nun jedoch auf Mai 2008 verschoben, weil man sich, so die zuständige Referentin, für dieses anspruchsvolle Thema einfach mehr Zeit nehmen musste.

Lecturer oder Lehrprofessor?

Dass es zumindest mit der Quantität der Lehre an deutschen Hochschulen nicht zum besten steht, beweisen die verschiedenen Initiativen der vergangenen Jahre. Zunächst empfahl Bundesbildungsministerin Annette Schavan angesichts steigender Studierendenzahlen die neue Berufsgruppe "Lecturer" zu etablieren – schlechter bezahltes Hochschulpersonal, das besonders für die Lehre zuständig sein soll. Der Wissenschaftsrat hingegen wollte von Lecturern wenig wissen und sprach sich für "Professuren mit Tätigkeitsschwerpunkt Lehre" aus - bei gleicher Bezahlung wie die "normalen" Professoren. Mit Schavans Lecturer-Vorschlag "als neuer Personalkategorie unterhalb der Professorenebene" mochte sich der Deutsche Hochschulverband (DHV) anfreunden, nicht jedoch mit den vom Wissenschaftsrat ins Spiel gebrachte Lehrprofessoren. Und auch mathematisch-naturwissenschaftliche Organisationen wie die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) oder die Konferenz Mathematischer Fachbereiche (KMathF) lehnten eine Lehrprofessur vehement ab. Stattdessen empfahlen sie die Stärkung des akademischen Mittelbaus, um die Lehre zu verbessern. Von Einigkeit also keine Spur.

Rettungsanker Hochschuldidaktik

Vielleicht könnte auch eine Disziplin, die in den 70er Jahren ihren Höhepunkt hatte, wieder einen Aufschwung erleben: die Hochschuldidaktik, zuständig für die didaktische Aus- und Weiterbildung der Lehrenden. Nachdem diese Disziplin beinahe vergessen schien, entstanden in den vergangenen Jahren wieder verstärkt hochschuldidaktische Einrichtungen. In Baden-Württemberg wurde sogar ein landesweites Zentrum gegründet: das "HochschulDidaktikZentrum der Universitäten des Landes Baden-Württemberg (HDZ)". Ob solcherart Fortbildung ausreichend angenommen wird und Lehre sich dadurch tatsächlich entwickelt, bleibt allerdings abzuwarten. Zumindest von Professorenseite ist Skepsis zu hören. So wies DHV-Präsident Prof. Dr. Bernhard Kempen den Vorstoß, "Lehrprofessoren" verstärkt in Hochschuldidaktik und Fachdidaktik zu unterweisen, zurück. Und auch der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Peter Gaehtgens, äußerte sich in der Tübinger Unizeitung eher verhalten zu diesem Thema. Didaktische Ausbildung von Hochschullehrern sei sicher sinnvoll, erklärte er, aber man sollte nicht zu viel von ihr erwarten: Trotz allgemeiner Didaktikausbildung der Schullehrer gebe es bekanntlich gute und schlechte. Am meisten, so Gaehtgens, lerne man aus positiven Beispielen und aus eigenen Fehlern, sofern man bereit sei, sich mit der Rückmeldung konstruktiv zu befassen. Insofern sei vernünftig vorgebrachte studentische Kritik eine sinnvolle Sache.

Doch längst schon üben Studenten Kritik und zwar öffentlich. Auf der Online-Plattform MeinProf.de werden mittlerweile die Lehrveranstaltungen von knapp 35 000 Dozenten bewertet. Nicht unbedingt zur Freude der Bewerteten, die diese öffentliche Beurteilung unterbinden möchten. Die Betreiber müssen sich immer wieder gerichtlich gegen Professoren, Rektoren oder Datenschützer zur Wehr setzen.

Studenten zahlen für bessere Lehre

Auch wenn KMK und Wissenschaftsrat noch kein fertiges Konzept haben: Im Prinzip gibt es bereits eine Exzellenzinitiative für die Lehre. Sie nennt sich bloß anders: Studiengebühren. Denn die sind schließlich zur Verbesserung der Lehre gedacht. Während also 1,9 Milliarden Euro in die Hochschulforschung fließen, kassieren die Hochschulen viel Geld von ihren Studenten für die Lehre. Für die Hochschulen Niedersachsens etwa sind das rund 90 Millionen Euro jährlich. Hier glaubt man auch, bereits einen Weg gefunden zu haben, um von diesen Geldern die Lehre sichtbar zu verbessern: durch mehr Wissenschaftler nämlich, die befristet speziell für Lehrtätigkeiten eingestellt werden - egal, ob man sie nun als wissenschaftliche Mitarbeiter, Lecturer oder Lehrprofessoren bezeichnet.

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • Hochschulen und Fachhochschulen stellen sich und ihr Lehrangebot auf der Messe in Halle 9 vor.

Der Beitrag "Wo bleibt die exzellente Lehre?" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter


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