Zeit sparen, bessere Noten erzielen, eigene Defizite kaschieren
(jg). Seit dem Skandal um die Doktorarbeit von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sind Plagiate bei wissenschaftlichen Arbeiten in aller Munde. Für Sebastian Sattler ist das keine neue Problematik. Der Soziologe beschäftigt sich seit Jahren mit den Umständen, die Studierende dazu verleiten, fremde Gedanken als eigene Ideen auszugeben.
12.05.2011 Artikel"2004 habe ich als Tutor an der Uni Leipzig sämtliche eingereichten Hausarbeiten einer Veranstaltung überprüft und bei jedem Fünften der 159 Studierenden ein Plagiat festgestellt. Die Professoren waren schockiert, mit so einer Quote hatten sie nicht gerechnet", sagt Sattler, der gegenwärtig an der Universität Bielefeld an einer Doktorarbeit zum Thema "Betrug im Studium" schreibt.
Zeitknappheit als Ausrede
Er erinnert sich, dass die 2004 ertappten Studierenden ganz unterschiedlich auf die Aufdeckung ihres Betrugs reagierten: "Den einen war es peinlich, die anderen versuchten es mit Ausreden wie Zeitknappheit, wieder andere sagten, dass es ihnen nicht bewusst war, etwas falsch gemacht zu haben." Sattler gibt zu bedenken, dass es sich um eine Schutzbehauptung handeln könne. Denn im Seminar wurden Plagiate bewusst thematisiert.
Der 30-Jährige hat in seiner Magisterarbeit Faktoren untersucht, die Studierende zu unwissenschaftlichem Arbeiten verleiten (Plagiate in Hausarbeiten, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2007, als herausragende Abschlussarbeit mit dem Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichnet). Nach der Auswertung der Antworten von 226 Studierenden der Soziologie sind demnach diejenigen anfällig, die Probleme haben, Texte zu analysieren, Gedanken sinngemäß wiederzugeben, das Wesentliche auf den Punkt zu bringen und dies alles in wissenschaftlicher Sprache auszudrücken. "Fehlende Kompetenzen erhöhen das Plagiatsrisiko, also muss man versuchen, die Kaum Gefahr, erwischt zu werden: Kompetenzen zu erhöhen – z. B. indem man in Seminaren für wissenschaftliches Arbeiten Scheine vergibt und nicht nur einmal zu Studienbeginn über wissenschaftliches Arbeiten informiert", so Sattler.
Nach seiner Überzeugung sind Studierende weniger anfällig für ein Plagiat, wenn sie intrinsisch für ihr Studium motiviert sind, d. h. wenn sie sich für ihr Fach interessieren und ihnen das Studium Spaß macht. Es sei also sinnvoll, die Qualität der Lehrveranstaltungen zu verbessern und die Interessen der Studierenden mehr zu berücksichtigen. Dies scheint dringend nötig, denn nur 13 Prozent der Befragten hielten die Übernahme fremder Gedanken und Zitate, ohne sie kenntlich zu machen, für im höchsten Maße bedenklich.
Was ist ein Plagiat?
Ein Grundproblem ist laut Sattler, was überhaupt als Plagiat angesehen wird. In seiner Magisterarbeit hat er von fast allen von ihm Befragten gehört, dass die Übernahme einer ganzen Arbeit ein Plagiat darstellt. Allerdings bezeichnen Plagiatoren die Übernahme fremder Gedanken ohne Quellenangabe seltener als Plagiat und geben an, gar nicht zu wissen, was darunter überhaupt zu verstehen sei. Allerdings tragen auch die Dozenten zur Unklarheit bei, da sie in der Befragung ein sehr unterschiedliches Verständnis davon offenbaren, was bei wissenschaftlichen Hausarbeiten erlaubt bzw. verboten ist.
Wenn die besten Freunde oder Kommilitonen Plagiate akzeptieren, finden sie auch die Befragten seltener bedenklich. Die Akzeptanz von Plagiaten ist also "ansteckend". Es gibt aber noch weitere treibende Faktoren. Je größer der Aufwand für eine Aufgabe ist, umso größer ist der Anreiz, ein Plagiat anzufertigen. Für zwei Drittel der von Sattler Befragten ist es sehr wichtig, schnell mit einer Hausarbeit fertig zu sein. Ebenso viele denken, dass ihnen ein Plagiat dabei helfen könnte. Fast die Hälfte glaubt, dass man durch ein Plagiat seine Zensur verbessern könne – je schlechter die bisherige Note, umso höher die Erwartung.
Als geeignete Quellen für ein möglichst risikoloses Plagiat werden vor allem die Hausarbeiten von Freunden und eigene ältere Arbeiten genannt. Auch die Arbeiten anderer Studierender, Online-Datenbanken wie hausarbeiten.de, andere Online-Quellen, kommerzielle Anbieter von Hausarbeiten oder fremdsprachige Texte gelten als vergleichsweise sicher.
Wer schon einmal ein Plagiat angefertigt hat, rechnet mehrheitlich damit, nicht erwischt zu werden – im Gegensatz zur Gruppe der Nicht-Plagiatoren. Für jeden zweiten Befragten überwiegen die Nachteile eines Plagiats, die Bei einer Befragung von 226 Leipziger Soziologiestudenten zum Thema Plagiate in Hausarbeiten erklärten nur 13 Prozent die Übernahme fremder Gedanken und Zitate, ohne sie kenntlich zu machen, für sehr bedenklich. Für die Mehrheit überwiegen dennoch die Nachteile eines Plagiats. u. a. bei Bekanntwerden in dem möglichen Vertrauensentzug durch den Dozenten, in negativen Reaktionen von Kommilitonen und einer als wahrscheinlich angesehen Exmatrikulation bestehen. Jeder Fünfte betont dagegen die Vorteile und hat eigene Erfahrungen mit Plagiaten.
Moralische Anreize schaffen
Nach Sattler wird die Zahl der Plagiate geringer, je größer die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung eingeschätzt wird. Deshalb plädiert er neben der Schaffung von moralischen Anreizen für sauberes Arbeiten dafür, stärker als bisher die wissenschaftlichen Arbeiten zu überprüfen – und zwar nicht von den jeweiligen Dozenten, da diese ihre Zeit besser in die Betreuung investieren sollten. Vielmehr sei zu überlegen, ob dies nicht eine Aufgabe für Spezialisten in einer zentralen Plagiatskontrolle sei, wie dies auch in anderen Ländern bereits üblich ist. Für diese Empfehlung gibt es einen zweiten Grund: Wenn Dozenten vermuten, dass öffentlich gewordene Plagiatsfälle schlecht für ihr Renommee sein könnten, dann sinkt tendenziell der Anteil der von ihnen kontrollierten Arbeiten. Entscheidend ist für Sattler die Glaubwürdigkeit einer Hochschule beim Umgang mit wissenschaftlichem Betrug auch bei Doktoranden und Professoren: "Solange Fehlverhalten aber von universitärer Seite toleriert wird und Sanktionen ausbleiben, wird ein betrügerischer Student sein Delikt bzw. seine Strafe stets als verhandelbar ansehen."
Allerdings warnt der Soziologe gleichzeitig vor der Illusion, sämtliches Fehlverhalten aufdecken zu können: "Einerseits ist die Software zur Überprüfung wissenschaftlicher Arbeiten fehlbar. Andererseits gibt es Aushänge an der Uni, die dafür werben, wissenschaftliche Arbeiten auf Plagiate hin zu überprüfen. So soll das Risiko aufzufliegen schon im Vorfeld minimiert werden. Es ist ein wenig wie bei der Dopingbekämpfung: Wenn die eine Seite aufrüstet, dann zieht die andere Seite nach.
Kompakt
Bei einer Befragung von 226 Leipziger Soziologiestudenten zum Thema Plagiate in Hausarbeiten erklärten nur 13 Prozent die Übernahme fremder Gedanken und Zitate, ohne sie kenntlich zu machen, für sehr bedenklich. Für die Mehrheit überwiegen dennoch die Nachteile eines Plagiats.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst 05/2011
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