Abi auf Umwegen

Alternativen zum G8

(nis) Die Realschule ist beliebt wie nie. Und wird damit zur Alternative für das achtjährige Gymnasium. Um dem G8-Druck zu entgehen, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf die Realschule. Nach dem Abschluss folgt dann das Abitur an einem beruflichen Gymnasium oder einer Gesamtschule.

08.11.2013 Artikel
  • © bikl.de

Es ist große Pause an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg. In bunten Sitzecken sprechen die Schüler der Oberstufe über die letzten Prüfungen des Schuljahres. Einen Gang weiter bei der Mittelstufe ist das Gesprächsthema der 1. FC Nürnberg – und draußen auf dem Pausenhof erholen sich die Grundschüler von den doch recht anstrengenden Schulstunden an diesem heißen Vormittag.

Bert Nentwich ist Deutsch- und Geschichtslehrer an der Evangelischen Kooperativen Gesamtschule, die fünf Schularten unter einem Dach vereint: Grundschule, Mittelschule, Realschule, Gymnasium und Fachoberschule für Sozialwesen. Die Stärke seiner Schule, so Nentwich, liege darin, dass sie Schüler von der Einschulung bis hin zum Abschluss über verschiedene Schularten hinweg begleiten könne: "Jeder Schüler bringt von sich aus ganz unterschiedliche Begabungen und Interessen mit. Umso wichtiger ist es, für jeden dieser jungen Menschen unter allen diesen vielen Schulausbildungswegen denjenigen zu finden, der ihn zu dem größtmöglichen Schulerfolg bringt und damit seine Begabungen am besten fördert.

Viele Wege – ein Ziel

Zustimmung findet Nentwich beim Leitenden Direktor der Gesamtschule Michael Schopp. "Wir haben in Deutschland ein hochdifferenziertes Schulwesen. Dieses muss dann aber auch dafür Sorge tragen, dass es viele Wege gibt, die zum Ziel – den so genannten höheren Bildungsabschlüssen – führen." Auch deshalb sei der Weg, über die Real- und Fachoberschule zum Abitur zu gelangen, unterdessen für manche ein Erfolgsmodell: "Wir haben dieses Jahr 15 junge Leute in der FOS 13 gehabt, die, glaube ich, ein hervorragendes Ergebnis hingelegt haben. Das ist mittlerweile auch ein Weg, der akzeptiert wird."

Von Bayern nach Niedersachsen, wo sich wiederum ganz andere Möglichkeiten bieten. Dort ist Arnd Nadolny Lehrer an den Berufsbildenden Schulen Burgdorf. Er hat festgestellt, dass seit einigen Jahren immer mehr junge Menschen den Weg über ein berufliches Gymnasium gehen, um das Abitur zu machen: "Viele Eltern sehen in dem beruflichen Gymnasium die Chance, dass ihre Kinder, wenn ihre Leistungen an allgemeinbildenden Gymnasien nachlassen, es auf diesem Wege leichter haben könnten, in die Erfolgsspur zurückzufinden. Diese wechseln dann von Klasse 9 des allgemeinbildenden Gymnasiums gleich in die Klasse 11 des beruflichen Gymnasiums, wo sie mehrheitlich auf ehemalige Realschüler treffen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle darauf verweisen, dass die Schülerinnen und Schüler nach Klasse 13 denselben Bildungsstand erreicht haben müssen wie die Schülerinnen und Schüler auf einem allgemeinbildenden Gymnasium. Zum Nachweis ihrer erworbenen Kenntnisse unterliegen deshalb auch sie dem Zentralabitur in Niedersachsen."

Der Druck am G8 – für viele Eltern zu groß

Ist der Leistungsdruck an Deutschlands Schulen also zu groß? Nach Meinung vieler Eltern ist er das auf jeden Fall am achtjährigen Gymnasium. Das ergab eine Umfrage des Sozialforschungsinstituts TNS Emnid im Jahr 2012, bei der 3000 Eltern schulpflichtiger Kinder im Alter bis zu 16 Jahren befragt wurden. Acht von zehn Eltern wünschen sich demnach für ihr Kind das neunjährige Gymnasium zurück. 59 Prozent der Eltern fordern zumindest eine Kürzung des Lehrplans. "Eine Reform, die auf Anpassung der Lehrpläne und Reduzierung des Leistungsdrucks zielt, ist aus Sicht der Eltern unumgänglich", sagt dazu der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld.

Vor einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium allerdings warnt der Leitende Direktor der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg: "In meinen Augen ist der Schritt richtig gewesen, das neunjährige Gymnasium durch ein achtjähriges zu ersetzen. Ich denke, dass viele Jungen und Mädchen am G8 angemessen herausgefordert sind. Der ganze Prozess muss aber natürlich viel konsequenter begleitet werden – curricular und auch organisatorisch. Zum Beispiel müssen die Schulen besser in die Lage versetzt werden, eine Ganztagsschule zu sein. Es wird ja jetzt weitaus mehr Nachmittagsunterricht angeboten als früher. Zudem müsste man sich die Curricula genauer ansehen und überprüfen, ob das alles wirklich noch gelernt werden soll und muss. Hier sollte man meiner Meinung nach neue Akzente setzen."

Lernen von den europäischen Nachbarn

Vielleicht auch mit einem Blick auf die europäischen Nachbarländer. In denen findet das Konzept der Ganztagsschule weitaus mehr Anhänger als in Deutschland. So haben beispielsweise in Frankreich Ganztagsschulen mit die längste Tradition in Europa. Sie bestehen dort seit dem Jahre 1881 und sind damit fester Bestandteil der Alltagskultur.

Aber auch von anderen EU-Staaten könne man lernen, findet Lehrer Arnd Nadolny: "Ich würde sagen, von den Finnen. Sie sind nicht ohne Grund in Ländervergleichen mit ihrem Bildungssystem führend. Sie haben es geschafft, durch eine integrative und individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern diesen zu höheren Bildungsabschlüssen zu verhelfen und gleichzeitig ein hohes Leistungsniveau zu erhalten. Es ist also die Kombination aus Optimierung der Schülerleistungen einerseits und Sicherstellung der Chancengleichheit andererseits, das für die finnische Bildungslandschaft kennzeichnend ist und daher als Erfolgsmodell Vorbildcharakter auch für Deutschland haben kann." ‹‹

Kompakt

An den Realschulen wurden im Schuljahr 2010/11 im Bundesdurchschnitt 480 Schülerinnen und Schüler je Schule unterrichtet. Im Schuljahr 2000/01 waren es mit im Durchschnitt 360 Schülerinnen und Schülern noch deutlich weniger (Quelle: Schulen im Blick 2012).

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 61


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