Angst vor guten Noten?
(Eigenbericht) Nicht immer stimmen die Zeugnisnoten mit dem Bild, das Eltern sich von ihren Kindern machen, überein. Eigentlich könnten die Ergebnisse besser sein, denken viele. Und das liegt nicht unbedingt daran, dass Eltern den eigenen Nachwuchs hoffnungslos überschätzen. Denn manche Kinder halten sich bewusst in ihren schulischen Leistungen zurück, weil es ziemlich unangenehm sein kann, als guter Schüler zu gelten. Ein "Streber" hat zwar gute Noten, bei den Mitschülern aber keine guten Karten. Stapeln also viele Schüler tief und gibt es Zusammenhänge zwischen dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der Pisastudie und der Angst, als Streber zu gelten?
12.04.2004 ArtikelÄngste typisch für diese Altersstufe
Der Bremer Professor für Sozialisationsforschung, Dr. Klaus Boehnke, ist in den vergangenen Jahren dieser Frage nachgegangen und kam dabei zu überraschenden Ergebnissen. In ihrer internationalen Vergleichsstudie hatten Boehnke und sein Team 650 deutsche, 500 kanadische und 400 israelische Schüler befragt. Ihr Ergebnis: Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern haben Schüler Angst vor Ausgrenzungen. Aber anders als in Deutschland ängstigen sich dort nicht speziell die guten Schüler, sondern solche, die ohnehin um ihre Anerkennung fürchten. Denn Ausgrenzungsängste sind typisch für diese Altersstufe.
Schlechtere Noten für gleiche Leistung
Warum also tun ausgerechnet deutsche Schüler so viel dafür, nicht als Streber zu gelten? Auch dafür fanden Boehnke und seine Mitarbeiter eine Antwort. Sie hatten sich nämlich die Mühe gemacht, genauer auf die Leistungsbewertungen in den verschiedenen Ländern zu schauen und herausgefunden, dass die Noten bei gleichem objektivem Leistungsstand in Deutschland deutlich schlechter sind als in den Vergleichsländern. Die deutsche Durchschnittsnote liegt bei etwa 2,8 - in Israel und in Kanada hingegen bei 2,1. Und das heißt, für die gleiche Leistung werden dort bessere Noten vergeben.
In der gesamten Schullaufbahn nie eine eins
So schließt sich die Beweiskette: Israelische und kanadische Schüler erhalten in ihrer Schullaufbahn häufiger mal die Note eins. Gute Bewertungen sind für sie also nichts Außergewöhnliches - kein Wunder, dass dann leistungsstarke Schüler von den anderen nicht so leicht ausgegrenzt werden, schließlich kann beinahe jeder mal zu den "Guten" gehören.
In Deutschland hingegen kommt eine eins für viele Schüler in ihrer gesamten Schullaufbahn nie vor. Oder, wie Boehnke es überspitzt formuliert: "In Deutschland kann eine eins in Mathe offenbar nur jemand bekommen, der zur Matheolympiade eingeladen wird. Während in Amerika, Kanada, Israel auch Schüler eine eins in Mathe bekommen, die ganz normal in einem Test alles - oder fast alles richtig - haben." Dass sich viele Schüler hierzulande dann sagen ´Ich hab noch nie eine eins gekriegt, wieso soll der eine eins kriegen, das muss ein Streber sein´ ist nicht verwunderlich.
Motivation statt Disziplinierung
Doch wie ließe sich das ändern? Leider, so Boehnke, hat in Deutschland noch immer der altpreußische Satz "Erst kommt die Arbeit und dann das Vergnügen" Bestand. Zwar will der Sozialwissenschaftler den Lehrern nicht ins Handwerk pfuschen, kann sich aber einen guten Rat nicht verkneifen. "Die Arbeit sollte das Vergnügen sein und der Spaß an der guten Leistung. Doch leider wird die Notengebung im Wesentlichen als Disziplinierung und nicht so sehr als Motivationsschub benutzt."
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Weiterführende Links:
www.ipn.uni-kiel.de/projekte/biqua/Chemnitz.html
www.iu-bremen.de/directory/faculty/01522/index.html
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