Lehrerstudie

Begeistert für die Schule, zermürbt vom Alltag

Eine aktuelle Studie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) belegt es: Die meisten Lehrkräfte lieben ihren Beruf und haben ein überaus ambitioniertes Berufsverständnis. Am wichtigsten ist es ihnen, Schüler zum Lernen zu motivieren und sie zu fördern. Allerdings fühlen sie sich wenig unterstützt, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

05.05.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.
  • © bikl.de

Es fehlen Beratungsfachkräfte, Sozialpädagogen, Mobile Sonderpädagogische Dienste oder bedarfsgerechte Förderkurse. Über ein Drittel der rund 3000 Befragten gibt an, dass es an ihrer Schule keine Differenzierungsstunden zur individuellen Förderung gibt. Die meisten Lehrkräfte empfinden schulpolitische Zwänge und wachsende Bürokratisierung als belastend und hinderlich, um ihre pädagogische Profession zu verwirklichen. Beispiel Ziffernnoten: Sie sind zwar der großen Mehrheit der Befragten nicht wichtig, ihre Vergabe zählt aber zu den Aufgaben, die sie am häufigsten tun müssen. Jüngstes Beispiel Bildungsgutschein: Lehrkräfte sollen auf einem neuen Formblatt den Lernförderbedarf eines Kinder bestätigen. "Die zusätzlichen Aufgaben türmen sich, gleichzeitig fehlt Personal. Lehrer fühlen sich in ihrem Engagement ausgebremst, weil sie ständig an Grenzen stoßen. Pädagogisches Selbstverständnis und Schulrealität klaffen weit auseinander. Dieser Befund ist alarmierend", warnte Präsident Klaus Wenzel bei der heutigen Präsentation der Studie in München mit dem Titel "Eigentlich wollte ich …"

In der landesweiten Erhebung ging der BLLV den Fragen nach, wie sich Lehrerinnen und Lehrer selbst sehen, was sie daran hindert, ihr pädagogisches Verständnis zu verwirklichen und wo sie sich unterstützt fühlen. Initiiert wurde sie von der Leiterin der Abteilung Berufswissenschaften im BLLV, Simone Fleischmann. Als Rektorin der Grund- und Hauptschule in Poing bei München kennt sie sich mit bayerischer Bürokratie an Schulen aus und weiß, wie zeit- und nervenaufreibend diese ist: "Die Schulen werden mit zusätzlichen Aufgaben regelrecht überhäuft. Viele Kolleginnen und Kollegen haben den Eindruck, im Mittelpunkt stehen die Verwaltung von Schule und nicht die Kinder, die sie unterrichten sollen. Für Maßnahmen, die in ihren Augen pädagogisch sinnvoll und notwendig sind, bleibt entweder kaum Zeit oder aber es fehlt das unterstützende Personal." So stellen für 81% der Befragten die vielen Aufgaben außerhalb des Unterrichts wie Abfragen, Verteilung von Bildungsgutscheinen, Verwaltungsaufgaben oder die Organisation von Mittelschulen, eine große Belastung dar, 43% halten sie für extrem. Dem entsprechend fühlen sich lediglich 9% der Befragten durch das Kultusministerium und die bayerische Bildungspolitik unterstützt. "Die gute Nachricht ist, dass ein Großteil der Befragten ein durchweg positives Berufsverständnis hat", betonte Wenzel: 27% üben den Lehrerberuf mit Begeisterung aus, knapp die Hälfte sind "sehr gerne" und nur 6% "nicht mehr gerne" Lehrerin bzw. Lehrer.

Die Kluft zwischen Berufsverständnis einerseits und beruflichem Alltag andererseits zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Befunde: So geben zwar 98% der Befragten an, ihre Schüler individuell fördern zu wollen, aber nur 26% halten die Realisierungsmöglichkeit für "gut" bzw. "sehr gut". Ebenfalls 98% wollen benachteiligten Schülern zu einem besseren Lernerfolg verhelfen, doch auch hier liegt die Quote derer, die dieses Ziel "gut" bzw. "sehr gut" erfüllt sehen, bei nur 26%. Auffallend das Ergebnis bei der Frage, welche Bedeutung der Vergabe von Ziffernnoten zukommt: Für lediglich 28% der Befragten ist sie "wichtig" bzw. "sehr wichtig", über 70% hält hier aber die Realisierungsmöglichkeit für "gut" bzw. "sehr gut". Andres ausgedrückt: Während die Benotung für die meisten Lehrerinnen und Lehrer eine eher untergeordnete Rolle spielt, macht die Umsetzung keine Probleme. "Die Lehrer sind zur Notenvergabe gezwungen", betonte Wenzel. "Dem entsprechend empfinden 55% der Befragten diese Verpflichtung als ´belastend´ und ´sehr belastend´."

Fleischmanns Fazit: "Lehrerinnen und Lehrer wissen sehr genau, was ihren Schülern gut tut, doch wenn es um die Umsetzung geht, werden sie im Stich gelassen oder zu anderen Aufgaben verpflichtet."

Auch andere Ergebnisse lassen aufhorchen: 84% leiden unter der hohen zeitlichen Arbeitsbelastung, 46% davon sehr. Auch die Fixierung der Eltern und Schüler auf Noten wird von der Mehrheit als belastend erlebt (71%), genauso wie die vielen zu beachtenden Anweisungen, Vorschriften und Regelungen (72%) oder die extreme Stoffdichte (knapp 70%). Etwa 80% der Befragten halten die kollegiale Zusammenarbeit für "sehr nützlich" bzw. "nützlich". 76% schätzen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten als effektiv ein. Beklagt wird vor allem der Mangel an qualifiziertem Personal: So teilen 27% der Befragten mit, dass an ihrer Schule kein Mobiler Sonderpädagogischer Dienst existiert. 60% von denen, die mit ihm arbeiten können, halten den Einsatz aber für "nützlich" bis "sehr nützlich".

"Wenn Lehrerinnen und Lehrer ständig feststellen müssen, dass sie ihre pädagogischen Ziele und Ansprüche nicht umsetzen können, wird der Beruf schnell zur psychischen Belastung", fasste Fleischmann zusammen. Sie und Wenzel appellierten an das Kultusministerium, die Ergebnisse der BLLV-Studie ernst zu nehmen. "Die Botschaft der bayerischen Lehrkräfte ist eindeutig: Lasst uns mehr Freiheit, versorgt uns mit mehr Personal, gebt uns wirksamere Unterstützung an die Hand und verschont uns vor allem mit zu viel Bürokratie und fragwürdigen Reformen", betonte Fleischmann. w

Weitere Einzelheiten zur Studie auf der BLLV Homepage: www.lehrerbefragung.bllv.de


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