Bayern:

Bildungsminister Ludwig Spaenle eröffnete ergebnisoffenen Gesprächsprozess zur Weiterentwicklung des Gymnasiums

Am gestrigen Abend hat Bayerns Bildungsminister Dr. Ludwig Spaenle das 1. Dialogforum zur Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums in München eröffnet. An dem ergebnisoffenen Gesprächsprozess beteiligt Minister Spaenle Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Kommunen, Hochschulen, wichtige gesellschaftliche Kräfte und die Fraktionen des Bayerischen Landtags.

14.05.2014 Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Die Leitfrage in diesem Gesprächsprozess ist für Minister Spaenle: "Wie muss das bayerische Gymnasium inhaltlich, pädagogisch, methodisch und strukturell konzipiert sein, dass es seiner herausgehobene Funktion im Bildungs- und Erziehungsauftrag für die jungen Menschen sowie im Schulsystem gerecht werden kann? "

Es hat noch nie eine so heterogene Schülerschaft am Gymnasium gegeben wie heute. Das erweist sich als zentrale Herausforderung. Minister Spaenle wörtlich: "Die zunehmende Heterogenität seiner Schülerinnen und Schüler ist eine der größten Herausforderungen in seiner Geschichte:" Anders formuliert: "Wie können wir dem hohen Qualitätsanspruch des bayerischen Gymnasiums und dem individuellen Lernverhalten der immer heterogeneren Schülerschaft gerecht werden?"

Vergleichbare Bildungsbedingungen für die jungen Menschen in Stadt und auf dem Lande stellen angesichts der demographischen Entwicklung eine große Herausforderung dar. Dazu kommen immer mehr Aufgaben auf die Schulen zu, etwa die inklusive Bildung, die Integration der jungen Menschen mit Migrationshintergrund und die Ganztagsangebote. Auch die demographische Entwicklung lässt die Aufgabe nicht einfacher lösen.

"Junge Menschen in ihrer Vielfalt besser fördern"

"Eine einheitliche Schulzeit für alle Schülerinnen und Schüler hat sich nach den Erfahrungen der Gymnasien als überholt erwiesen", ergänzt er und fuhr fort: "Wir wollen unsere jungen Menschen in ihrer Vielfalt möglichst optimal fördern." Einige Instrumente und Errungenschaften, die diesem Anspruch gerecht werden, werden im bayerischen Gymnasium bereits praktiziert, nämlich z.B. die Intensivierungsstunden, aber auch die W- und P-Seminare sowie der Ausbau der Ganztagsangebote.

Für den Minister geht es darum, in dem Dialogprozess die vielfältigen Ansichten und Einschätzungen hinsichtlich der Erwartungen, aber auch möglicher Lösungsansätze zu diskutieren und daraus ein von möglichst vielen Beteiligten akzeptiertes Modell für das bayerische Gymnasium zu erarbeiten. Dabei hat Minister Spaenle für seinen "Verfassungskern" des einen bayerischen Gymnasiums geworben:

  • Das Gymnasium müsse sich auch 2014 noch in zeitgemäßer Form dem umfassenden Bildungsideal Humboldts verpflichtet fühlen.
  • Das Gymnasium müsse allen leistungsfähigeren und -willigeren jungen Menschen einen durchgängigen Bildungsgang vom Ende der Grundschulzeit bis zum Abitur anbieten.
  • Das Gymnasium müsse den Leistungsanspruch realisieren, das oberste Bildungsniveau einer allgemeinbildenden Schule zu vermitteln.
  • Der Lehrplan müsse vom Stoffumfang auf acht Jahre ausgelegt sein.

Vielfältige Erwartungen an das Gymnasium

Zu den Fragen gibt es höchst unterschiedliche Überlegungen und Ansätze, das wurde auch beim Podiumsgespräch zur Situation am Gymnasium und zu den Erwartungen an das Gymnasium bereits deutlich.

Die Vorsitzende von Universität Bayern e.V., Augsburgs Universitätspräsidentin Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, wünscht sich eine "vertiefte Weiterentwicklung des Gymnasiums in Bayern", etwa eine Stärkung der Fremdsprachen. Probleme wie Konzentrationsschwäche sah sie nicht im achtjährigen Gymnasium begründet, sondern vor allem in einer anderen Mediensozialisation. Sie begrüßt die Absenkung des Einstiegsalters von jungen Menschen an den Hochschulen. Sie sprach sich auch für eine veränderte Lehrerbildung angesichts der Umbrüche in der Gesellschaft aus.

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin von der Ludwig-Maximilian-Universität München betonte, Gymnasium könne man in achtjähriger oder neunjähriger Form organisieren, aber man dürfe die Gesamtzahl der Wochenstunden bei der Kürzung des Gymnasiums um ein Schuljahr nicht gleich hoch ansetzen. Das sei in den alten Ländern bei der Einführung des achtjährigen Gymnasiums geschehen. Das Experiment G8 sei weithin fehlgeschlagen, es müsse korrigiert werden. Er erwarte Studierfähigkeit und eigene Urteils- und Denkfähigkeit.

Dr. Christoph Prechtl, Geschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, betonte, dass die Wirtschaft sich nach wie vor für eine achtjährige Laufzeit des Gymnasiums stark macht. "Das G8 wird in der öffentlichen Meinung schlechter gemacht, als es ist", betonte er und ergänzte: "Unser Votum geht zu einem optimierten G8 und nicht zum G9." Die Einführung eines G9 bündele zusätzliche Mittel, die Prechtl im Bildungsbereich gern zur Verbesserung von Unterricht und Schule einsetzen würde, etwa zum Ausbau von Ganztagsangeboten.

Prälat Dr. Lorenz Wolf von der Erzdiözese München und Freising plädierte für eine "Reifezeit" für die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium - das sei auch am achtjährigen Gymnasium möglich, wenn die Inhalte den Schülern die entsprechende Zeit ließen. An der Schule müssten Schülerinnen und Schüler nicht nur Wissen erwerben, sondern auch Fähigkeiten, die die Menschen ihr Leben lang bräuchten, um Entscheidungen zu treffen, um anschlussfähig zu sein, um ein eigenverantwortetes Leben zu führen.

Sein evangelischer Kollege Oberkirchenrat Detlev Bierbaum betonte, dass die Kinder und Jugendlichen auch Zeit für außerschulische Bildung und für ein ehrenamtliches Engagement bräuchten. Er warnte davor, Bildungsinhalte von ökonomischen Bedingungen bestimmen zu lassen. Das Gymnasium soll junge Menschen auf dem Weg zu Eigenständigkeit und Verantwortung unterstützen. Er warnte davor, dass der Besuch des Gymnasiums bei Eltern zu einem Statussymbol aufgewertet werde. Hinsichtlich der Dauer des Gymnasiums sprach sich Detlev Bierbaum für eine flexible Laufzeit des Gymnasiums aus, um den Jugendlichen besser gerecht zu werden.

Für Bildungsjournalist Roland Preuß sind die Erwartungen an das bayerische Gymnasium im Bundesvergleich besonders hoch, da die bayerischen Schülerinnen und Schüler bei Vergleichsstudien immer gut abschneiden. Das achtjährige Gymnasium habe in vielen deutschen Ländern ein Akzeptanzproblem, auch in Bayern. Deshalb sei eine Weiterentwicklung nötig, bei der die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche und unterschiedlich lange Wege zur Hochschulreife gehen können.

Schulfamilie im Gespräch

In einem weiteren Podiumsgespräch analysierten Vertreter der Schulfamilie die Situation und skizzierten ihre Anliegen

Julian Fick vom Landesschülerrat sprach sich für die Vermittlung eines breiten Allgemeinwissens im Gymnasium aus. Dabei benötigen die Schülerinnen und Schüler für eigene Schwerpunktsetzungen und Vertiefungen ausreichend Freiraum. Der Schwerpunkt im Unterricht liege derzeit in der Vorbereitung von Prüfungen. Experimente und Diskussionen, aber auch die Persönlichkeitsbildung kämen im achtjährigen Gymnasium zu kurz. Bei möglichen Veränderungen solle man diese Gesichtspunkte stärken.

Karl-Heinz Bruckner, Oberstudiendirektor und Vorsitzender der Vereinigung der Direktoren und Direktorinnen der bayerischen Gymnasien, sprach sich für eine bestimmte Flexibilität in der Laufzeit am Gymnasium aus. Wichtige Lerninhalte müssen allen Schülerinnen und Schülern zugänglich gemacht werden. In der Mittelstufe lasse sich die Schulzeit sehr gut strecken - für Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit brauchen. Karl-Heinz Bruckner plädierte für eine wohl abgewogene Entscheidung. "Allein mit strukturellen Ansätzen lassen sich die Probleme, die aus der Heterogenität der Schüler erwachsen, nicht lösen." Die Errungenschaften des achtjährigen Gymnasiums bei der individuellen Förderung will der Schulleiter erhalten.

Susanne Arndt, Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern, betonte: Auch im achtjährigen Gymnasien hätten viele junge Leute Zeit. Aber einem Teil der Schülerinnen und Schüler könne eine längere Laufzeit des Gymnasiums beim Bildungsprozess entgegenkommen. Unabhängig von der Dauer des Gymnasiums erwarten die Eltern bei einer Weiterentwicklung des Gymnasiums noch mehr individuelle Förderung und mehr Möglichkeiten für ihre Kinder, die eigenen Begabungen zu entfalten.

Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, betonte, dass viele Schülerinnen und Schüler am Gymnasium zwar die Hochschulzugangsberechtigung erwerben, aber nicht die Hochschulreife - die nötige Zeit fehle. Am Gymnasium werde auch in den jüngsten Jahren "toll gearbeitet", dennoch sei sein Verband überzeugt, dass an einem neunjährigen Gymnasium mehr Zeit zum Reflektieren und Vertiefen bleibe.

Für Nürnbergs Bildungsbürgermeister Dr. Klemens Gsell darf es kein Zurück zum alten neunjährigen Gymnasium geben. Der Ausbau der Ganztagsangebote müsse fortgesetzt werden. Ein möglicher Wechsel zu einem neuen neunjährigen Gymnasium werde zu einem Anstieg der Schülerschaft an den Gymnasien führen. Durch den zusätzlichen Jahrgang würden auch mehr Klassenzimmer benötigt, die Raumkapazitäten aber seien zumindest in den Städten begrenzt.

Landrat Richard Reisinger, Vertreter des Bayerischen Landkreistags, wies auf die Probleme hin, die sich ergeben, wenn man jungen Menschen im ländlichen Raum gleichwertige Bildungsbedingungen gewährleisten will. Für die Landkreise unterstrich er den Willen zur konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium bei der Weiterentwicklung des Gymnasiums. Die Landkreise erwarten aber ein moderates Vorgehen bei Entscheidungsprozessen.

Das erste Dialogforum stand am Anfang der nächsten Phase eines strukturierten und ergebnisoffenen Gesprächsprozesses.

Werkstattgespräche und zwei weitere Dialogforen

An das erste Dialogforum werden sich Werkstattgespräche mit Experten und Verbänden zu Fragen gymnasialer Bildung anschließen. Werkstattgespräche sind für die Bildungspolitiker geplant, die ihrerseits im Landtag zu einer Anhörung einladen.

Bei einem zweiten Dialogforum in der Form eines "Gymnasialkongresses" im Juli werden voraussichtlich ein oder zwei Grundmodelle zur Gestaltung eines Gymnasiums unter Beteiligung von Bildungsforschern diskutiert werden. Im Herbst schließt sich eine Phase an, in der die Weiterentwicklung des Gymnasiums konkret ausgearbeitet wird. Dazu gibt es ein abschließendes Dialogforum.

Beschlüsse fällen Ministerrat und Landtag

Vor der Sommerpause wird Minister Spaenle erste konkrete Überlegungen zur Weiterentwicklung des Gymnasiums vorlegen. Die Beschlüsse über Veränderungen fällen am Ende des Prozesses der Ministerrat und der Landtag. "In einem umfassenden Gesprächsprozess mit Lehrern, Eltern, Schülern und Direktoren, anderen Verbänden, Kommunen, Wissenschaftlern und den Parteien im Bayerischen Landtag wollen wir die Leitlinien für ein qualitätsvolles und zukunftsfestes Gymnasium abstimmen. Wir wollen eine langfristig akzeptierte Lösung für ein zeitgemäßes Gymnasium, die der sehr heterogenen Schülerschaft und den Standortbedingungen der Schulen in der Stadt und auf dem Land gerecht wird, erarbeiten und in Bayern umsetzen", betonte der Minister abschließend.


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